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Archimède

 21. Dezember 1999

 

Die Raum-Zeit-Falle

Eines Nachts in unruhigem Schlaf träumte Professor Archipi von der Welt der Zukunft:

Im Jahre des Herrn 2999 wollte Ingenieur Archibald einige Sektflaschen aus seiner Untertassengarage mit eingebauter Zeitmaschine holen. Die Flaschen waren wertvoll: sie waren von Generation zu Generation weitergegeben worden - seit dem Ende des vorangegangenen Millenniums!
In der Garage beschloss er, seine Maschine noch vor dem Silvesterfestessen auszuprobieren. Er stellte sie auf einen Besuch bei seinem fernen Großvater ein: Professor Archipi.

Ein solcher Ausflug war machbar. Hunderte von Jahren hindurch hatten die Logiker geglaubt, Zeitreisen seien unmöglich; sie stützten sich dabei auf die Theorie des Mordes am Großvater: Wenn ein Zeitreisender seinen Großvater tötet, bevor dieser Kinder hatte, folgerten sie, könnte er in der Zukunft nicht existieren und deshalb nicht in seine eigene Zeit zurückkehren... Die Zeitreise führte zu unüberwindlichen Paradoxien.

Aber die Physiker hatten bewiesen, dass es einen Bruch in dieser streng logischen Argumentation gab: Wenn es auch unmöglich war, dass Archibald durch die Zeit reiste, so konnte er sich doch zurückversetzen, um in einer Reinkarnation Archipi zu werden. Das heißt mit anderen Worten, man konnte die Vergangenheit nicht ändern, konnte weder seinen Großvater töten, noch das Schlagen eines Schmetterlingsflügels beeinflussen, aber durchaus einen Zeitsprung tun und sich in seinen Großvater verwandeln.
Mit seiner Rückkehr ins Jahr 1999 verwandelte sich Archibald also in seinen Vater der Potenz n: seinen Vorfahren Professor Archipi.
Es fügte sich, dass Archipi gerade eine Maschine für Reisen in die Zukunft gebaut hatte. Nachdem er das Nichtereignis des Übergangs von 1999 auf 2000 überstanden hatte, überließ er seinen Erben einen großen Posten Sekt mit der Weisung, ihn nicht vor dem Jahr 3000 zu trinken, und machte sich auf, um die Zukunft zu erforschen.
Archipi verwandelte sich mit Lichtgeschwindigkeit in seine Kinder, dann in die Kinder seiner eigenen Kinder und so weiter über ungefähr 40 Generationen. Und 2999, am Abend des Silvesterfestessens, war er zu Archibald geworden.
Die Zukunftszeitmaschine kam mit einem räumlich-zeitlichen Knirschen zum Stehen, und die Zeit schaltete auf Normallauf, ebenso wie das Denken Archibalds, der sein Leben wieder aufnahm, als ob nichts geschehen wäre. Und ihm kam nun die Idee, den von seinen Vorfahren ererbten Sekt aus der Garage zu holen. Bevor er die Flaschen köpfte, sah er seine Zeitreisemaschine. Da ihm nicht bewusst war, dass er sie bereits ausprobiert hatte, stellte er sie erneut ein, um Professor Archipi zu werden, der wieder zu Archibald wurde, und so weiter ohne Ende.
Archibald, der Gefangene der Zeit-Raum-Falle, kam also nie dazu, seinen Sekt zu trinken.
Professor Archipi erwachte jäh: die Aufregung war zu groß gewesen. Aber sein Alptraum hatte sich als nützlich erwiesen: Er hatte die Gefahren von Zeitreisen erkannt. Deshalb beschloss er, seine Forschungen über Zeitmaschinen abzubrechen. Selbst wenn man nur einen winzigen Schritt zurück in die Zeit tut, folgerte Archipi, landet man in einer teuflischen Falle, denn anschließend geht es ein Stück nach vorn, mit oder ohne Maschine, und dann erneut zurück in die Zeit - eine Endlosschleife.

So will es der Determinismus. Die Zeit bleibt in diesen kleinen räumlichen Fallen stecken, und die Zeit des Physikers wie die des Poeten hält sich in der Schwebe.

 

  © 1999 ARTE G.E.I.E