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Archimède

 21. Dezember 1999

 

Buchtipp: Tausendundeine Nacht

André Langaney (Genetiker):
Ich muss sagen, dass ich sehr überrascht war, als ich Philippe Boulangers Buch Tausendundeine Nacht der Wissenschaft erhielt. Da schreibt der hochseriöse Direktor eines der beiden großen französischen Wissenschaftsmagazine ein Buch mit dem Titel Tausendundeine Nacht der Wissenschaft. Man sieht Turbanträger auf dem Umschlag und taucht von Anfang an ein in die Welt des Schahsaman, der Scheherezade, der Dschinns und all der Figuren aus Tausendundeiner Nacht.

Aber im Verlauf dieser tausendundeinen bzw. hier nur fünfzigundeinen Nacht lesen wir jeweils eine kurze Geschichte zu Themen, die von den Fraktalen über die Relativitätstheorie oder den Ursprung der Vögel bis zu vielen anderen Dingen reichen. Auf einfache Weise wird jeweils ein wissenschaftliches Problem vorgestellt, alles liest sich vergnüglich. Gemäß der Spezialität Philippe Boulangers sind hier und da sogar einige Schüttelreime eingestreut, und ich gestehe, dass ich sie nicht alle verstanden habe.

Aber es gibt auch sehr verlockende Kapitel. In der zehnten Nacht zum Beispiel erfahren Sie etwas über die Launen der Liebe. Es wird berichtet, dass Prinz Zekador Prächtige Seele liebt, die ihrerseits Abdul liebt, während Abdul wiederum die schöne Rimamur liebt, und Rimamur natürlich Zekador verführen will. Es geht um lauter enttäuschte Liebesbeziehungen. Ein naiver Mensch sagt sich, das könnte gelöst werden, wenn die Liebe eine mathematische Eigenschaft besäße, nämlich Transitivität. Aber leider verhalten sich Liebesbeziehungen nicht transitiv, und wir erfahren auch, warum das so ist.

Wenn nicht Liebe sondern Sex Sie interessiert, empfehle ich Ihnen von Herzen die 11. Nacht: Macht Affen, nicht Krieg! In dieser 11. Nacht geht es um meine Lieblingsaffen, die Bonobos, die man auch Zwergschimpansen nennt und die an einer Schleife des Kongoflusses leben. Es gibt nicht mehr viele. Sie haben die Eigenschaft, all ihre Konflikte durch sexuelle Beziehungen beizulegen, Beziehungen zwischen Männchen, zwischen Weibchen oder zwischen Männchen und Weibchen. Wenn zwei Bonobos sich um Nahrung streiten, zum Beispiel um Bananen, dann haben sie, bevor es an die Bananen geht, einen kurzen Geschlechtskontakt, und wer sich am schnellsten davon erholt, stürzt sich auf die Bananen und verputzt sie. Das wird berichtet und auch - das sei nur am Rande erwähnt - die pikante Einzelheit, dass die Bonobos es auf bis zu 84mal am Tag bringen - eine Meisterleistung, geschmälert nur durch die Tatsache, dass es selten länger als 7 Sekunden dauert.
Ich will Ihnen damit sagen, dass man aus diesem Buch ungeheuer viel lernt. Es ist ein sehr heiteres Buch, und ich empfehle es allen, die selbst im Schlaf noch ein wenig von Wissenschaft träumen wollen, denn Wissenschaft kann auch zum Träumen bringen und Vergnügen bereiten.

Das Buch ist bei den Editions Belin unter dem Titel Les mille et une nuits de la science erschienen.
Eine deutsche Übersetzung unter dem Titel 1001 Nacht - Scheherezade erzählt Geschichten aus der Wissenschaft ist im Verlag Birkhäuser erschienen.

  © 1999 ARTE G.E.I.E