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Archimède 04. Januar 2000


 

Der Fall der Blätter

Die 8-jährige Jeanne fragt, warum im Herbst die Blätter von den Bäumen fallen.

Jeanne:
Ich würde dich gern etwas fragen. Wieso bleiben Blätter nicht am Baum, sondern fallen im Herbst herunter?

Simone:
Die Blätter fallen, weil sie keinen festen Halt mehr an den Bäumen haben. Das ist aber nur in Ländern wie Frankreich und Deutschland so, in Ländern mit "gemäßigtem Klima".
...Unter einem "gemäßigten Klima" versteht man im allgemeinen, dass es im Sommer nicht zu heiß wird - wie in Afrika - und im Winter nicht zu kalt, wie zum Beispiel am Nordpol.
Frankreich hat also ein gemäßigtes Klima. Und tatsächlich werfen die Bäume hier im Winter ihre Blätter ab. Weißt du denn, warum sie ihre Blätter abwerfen, wenn es kalt wird? Hast du eine Idee?

Jeanne:
Weil dann manchmal Windstöße kommen und die Blätter wegwehen. Wenn es kälter wird, bilden die Blätter auch weniger ... wie sagt man noch?

Simone:
Du meinst Chloropyll!

Jeanne:
Ja genau, Chlorophyll. Irgendwann müssen sie sterben. Dann kommt ein starker Wind, meine Kusine und ich nennen ihn "Wind des Todes". Er weht die Blätter weg und trägt sie in ihr Grab.

Simone:
Er ist aber auch ein Wind des Lebens. Ich werde dir erklären, warum. Die toten Blätter fällen nämlich zu Boden, verrotten dort mit der Zeit und zersetzen sich. So dienen sie dem Baum im Frühjahr wieder als Nahrung.
Es entsteht natürlicher Dünger. Also ist der Wind des Todes gleichzeitig ein Wind des Lebens, verstehst du?

Jeanne:
Ich nenne ihn Smaragdwind, weil smaragdgrün für mich die Farbe des Lebens ist.

Simone:
Smaragdwind, das ist hübsch! Tatsächlich wird es den Bäumen im Winter kalt. Eigentlich ist das der Grund, weshalb die Bäume ihre Blätter abwerfen: damit sie so wenig frieren wie möglich.

Jeanne:
Sie sind doch durch ihre Rinde vor der Kälte geschützt!

Simone:
Völlig richtig! Die Rinde bietet ihnen Schutz, aber an ihren Blättern haben sie ja keine Rinde.

Jeanne:
Aber wenn sie ihre Blätter verlieren, womit schützen sie sich dann oben herum? Wenn wir uns im Sommer ganz kahl rasieren würden, müssten wir im Winter frieren. Bei den Bäumen ist das genauso. Wenn ihnen die Haare ausfallen, frieren sie am Kopf.

Simone:
Das ist ein hübscher Vergleich. Aber wenn du dir einen Baum im Winter genau ansiehst, erkennst du an den Spitzen der Zweige - dort, wo die Blätter waren - kleine Knospen.

Darin befinden sich lauter winzig kleine Blättchen, aber sie sind ganz dick in die Knospe eingemummelt.

Jeanne:
Also ist die Knospe eine Art Rinde für die Blätter.

Simone:
Richtig, man nennt das Knospenschuppen. Darin warten die Blättchen bis zum Frühling, um zu wachsen. Die Blätter sprießen im Frühling und fallen meistens im Herbst wieder.

...Sie fallen dann, wenn sie keinen festen Halt mehr an den Zweigen haben. Zwischen dem Blattstiel und dem Zweig stirbt ein Bereich ab, so dass sich das Blatt löst.

Jeanne:
Lässt der Baum diesen Teil absterben?

Simone:
Ja, dafür sorgt der Baum. In einem Baum befinden sich nämlich Gefäße. Wir haben in unserem Körper Blutgefäße, die Blut transportieren. Ein Baum hat auch Gefäße, von denen manche Wasser und Nährstoffe von den Wurzeln herauftransportieren und manche den Zucker aus den Blättern abtransportieren. Durch manche Gefäße steigt also Saft auf, durch andere fließt er nach unten.

Jeanne:
Und überall im Wasser sind Gefäße?

Simone:
Umgekehrt: In den Gefäßen ist Wasser. Die Gefäße sind Röhren im Inneren des Baumstamms. Im Herbst verschließen sich diese Gefäße. Dadurch stirbt der untere Teil des Blatts ab, und ein Windstoß reicht aus, um das Blatt abzureißen.

Jeanne:
Wieso verschließen sich die Gefäße?

Simone:
Weil die Temperatur absinkt. Es gibt eine Temperatur, die die Pflanze gar nicht mag: null Grad.
Bei null Grad gefriert Wasser. Und da der Pflanzensaft Wasser enthält, gefriert er auch. Wenn man eine Flasche mit Wasser in die Gefriertruhe legt... Was geschieht dann mit der Flasche?

Jeanne:
Die Flasche explodiert.

Simone:
Wenn sich also Wasser in den Gefäßen befindet, was geschieht dann mit den Gefäßen, wenn es friert?

Jeanne:
Sie platzen!

Simone:
Ganz genau. Deshalb werfen die Pflanzen im Winter ihre Blätter ab, und der Saft sinkt aus den Gefäßen in die Wurzeln zurück. Der Saft geht zurück, damit die Gefäße im Winter nicht platzen. Normalerweise verliert die Pflanze nämlich Wasser über ihre Blätter.

Jeanne:
Wieso sieht man dann kein Wasser von den Blättern heruntertropfen?

Simone:
Es liegt in Form von Wasserdampf vor, der unsichtbar ist. Das Wasser aus den Blättern verdunstet, der Baum transpiriert. Die Transpiration der Blätter lässt das Wasser in den Gefäßen der Pflanze aufsteigen. Weil im Winter keine Blätter mehr da sind, findet keine Transpiration statt, und das Wasser kann nicht mehr im Baum aufsteigen. Deshalb friert der Baum auch nicht ein.

Jeanne:
Weshalb transpirieren Bäume denn, obwohl sie sich nicht bewegen und sich überhaupt nicht anstrengen?

Simone:
Was wir Transpiration nennen, hat nicht unbedingt etwas mit Anstrengung zu tun, sondern mit Wasserverlust. Weil auch ein Baum Wasser verliert, sprechen wir von Transpiration.

Jeanne:
Ich finde das trotzdem komisch. Oder hat schon mal jemand einen Baum gesehen, der ins Schwitzen kam und ganz außer Puste war? Vielleicht ist er ja in kurzen Hosen die Straße entlanggelaufen?

 

 

  © 1999 ARTE G.E.I.E