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Der Fall
der Blätter
Die 8-jährige Jeanne fragt,
warum im Herbst die Blätter von den Bäumen fallen.
Jeanne:
Ich würde dich gern etwas fragen. Wieso bleiben Blätter nicht
am Baum, sondern fallen im Herbst herunter?
Simone:
Die Blätter fallen, weil sie keinen festen Halt mehr an den Bäumen
haben. Das ist aber nur in Ländern wie Frankreich und Deutschland
so, in Ländern mit "gemäßigtem Klima". ...Unter
einem "gemäßigten Klima" versteht man im allgemeinen,
dass es im Sommer nicht zu heiß wird - wie in Afrika - und im Winter
nicht zu kalt, wie zum Beispiel am Nordpol.
Frankreich hat also ein
gemäßigtes Klima. Und tatsächlich werfen die Bäume
hier im Winter ihre Blätter ab.
Weißt du denn, warum sie ihre Blätter abwerfen, wenn es kalt
wird? Hast du eine Idee?
Jeanne:
Weil dann manchmal Windstöße kommen und die Blätter wegwehen.
Wenn es kälter wird, bilden die Blätter auch weniger ... wie
sagt man noch?
Simone:
Du meinst Chloropyll!
Jeanne:
Ja genau, Chlorophyll. Irgendwann müssen sie sterben. Dann kommt
ein starker Wind, meine Kusine und ich nennen ihn "Wind des Todes".
Er weht die Blätter weg und trägt sie in ihr Grab.
Simone:
Er ist aber auch ein Wind des Lebens. Ich werde dir erklären, warum.
Die toten Blätter fällen nämlich zu Boden, verrotten dort
mit der Zeit und zersetzen sich. So dienen sie dem Baum im Frühjahr
wieder als Nahrung. Es
entsteht natürlicher Dünger.
Also ist der Wind des Todes gleichzeitig ein Wind des Lebens, verstehst
du?
Jeanne:
Ich nenne ihn Smaragdwind, weil smaragdgrün für mich die Farbe
des Lebens ist.
Simone:
Smaragdwind, das ist
hübsch! Tatsächlich wird es den Bäumen im Winter kalt.
Eigentlich ist das der Grund, weshalb die Bäume ihre Blätter
abwerfen: damit sie so wenig frieren wie möglich.
Jeanne:
Sie sind doch durch ihre Rinde vor der Kälte geschützt!
Simone:
Völlig richtig! Die Rinde bietet ihnen Schutz, aber an ihren Blättern
haben sie ja keine Rinde.
Jeanne:
Aber wenn sie ihre Blätter verlieren, womit schützen sie sich
dann oben herum? Wenn wir uns im Sommer ganz kahl rasieren würden,
müssten wir im Winter frieren. Bei den Bäumen ist das genauso.
Wenn ihnen die Haare ausfallen, frieren sie am Kopf.
Simone:
Das ist ein hübscher Vergleich. Aber wenn du dir einen Baum im Winter
genau ansiehst, erkennst du an den Spitzen der Zweige - dort, wo die Blätter
waren - kleine Knospen.
Darin befinden sich lauter winzig kleine Blättchen, aber sie sind
ganz dick in die Knospe eingemummelt.
Jeanne:
Also ist die Knospe eine Art Rinde für die Blätter.
Simone:
Richtig, man nennt das Knospenschuppen. Darin warten die Blättchen
bis zum Frühling, um zu wachsen. Die Blätter sprießen
im Frühling und fallen meistens im Herbst wieder.
...Sie fallen dann, wenn sie keinen festen Halt mehr an den Zweigen haben.
Zwischen dem Blattstiel und dem Zweig stirbt ein Bereich ab, so dass sich
das Blatt löst.
Jeanne:
Lässt der Baum diesen Teil absterben?
Simone:
Ja, dafür sorgt der Baum. In einem Baum befinden sich nämlich
Gefäße. Wir haben in unserem Körper Blutgefäße,
die Blut transportieren. Ein Baum hat auch Gefäße, von denen
manche Wasser und Nährstoffe von den Wurzeln herauftransportieren
und manche den Zucker aus den Blättern abtransportieren. Durch manche
Gefäße steigt also Saft auf, durch andere fließt er nach
unten.
Jeanne:
Und überall im Wasser sind Gefäße?
Simone:
Umgekehrt: In den Gefäßen ist Wasser. Die Gefäße
sind Röhren im Inneren des Baumstamms. Im Herbst verschließen
sich diese Gefäße. Dadurch stirbt der untere Teil des Blatts
ab, und ein Windstoß reicht aus, um das Blatt abzureißen.
Jeanne:
Wieso verschließen sich die Gefäße?
Simone:
Weil die Temperatur absinkt. Es gibt eine Temperatur, die die Pflanze
gar nicht mag: null Grad.
Bei null Grad gefriert
Wasser. Und da der Pflanzensaft Wasser enthält, gefriert er auch.
Wenn man eine Flasche mit Wasser in die Gefriertruhe legt...
Was geschieht dann mit der Flasche?
Jeanne:
Die Flasche explodiert.
Simone:
Wenn sich also Wasser in den Gefäßen befindet, was geschieht
dann mit den Gefäßen, wenn es friert?
Jeanne:
Sie platzen!
Simone:
Ganz genau. Deshalb werfen die Pflanzen im Winter ihre Blätter ab,
und der Saft sinkt aus den Gefäßen in die Wurzeln zurück.
Der Saft geht zurück, damit die Gefäße im Winter nicht
platzen. Normalerweise verliert die Pflanze nämlich Wasser über
ihre Blätter.
Jeanne:
Wieso sieht man dann kein Wasser von den Blättern heruntertropfen?
Simone:
Es liegt in Form von Wasserdampf vor, der unsichtbar ist. Das Wasser aus
den Blättern verdunstet, der Baum transpiriert. Die Transpiration
der Blätter lässt das Wasser in den Gefäßen der Pflanze
aufsteigen. Weil im Winter keine Blätter mehr da sind, findet keine
Transpiration statt, und das Wasser kann nicht mehr im Baum aufsteigen.
Deshalb friert der Baum auch nicht ein.
Jeanne:
Weshalb transpirieren Bäume denn, obwohl sie sich nicht bewegen und
sich überhaupt nicht anstrengen?
Simone:
Was wir Transpiration nennen, hat nicht unbedingt etwas mit Anstrengung
zu tun, sondern mit Wasserverlust. Weil auch ein Baum Wasser verliert,
sprechen wir von Transpiration.
Jeanne:
Ich finde das trotzdem komisch. Oder hat schon mal jemand einen Baum gesehen,
der ins Schwitzen kam und ganz außer Puste war? Vielleicht ist er
ja in kurzen Hosen die Straße entlanggelaufen?
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