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Archimède 04. Januar 2000


 

Links-rechts

Die Götter des Olymp wollten ein Elfmeterschießen veranstalten.

Zeus würde die Tore schießen und jedesmal treffen.
Weshalb? Weil Zeus genau wusste, was im Kopf des Torhüters Charon vor sich ging.
Um ein Tor zu schießen, las
er in Charons Gedanken, ob dieser nach links oder rechts
springen würde und zielte einfach in die andere Richtung.

Leider hatte Zeus dem Met etwas zu sehr zugesprochen und
musste auf der Bank sitzen bleiben. Wie sollte Herkules, sein
Ersatzmann, die Elfmeter schießen? Wenn er immer nach
rechts zielte, würde Charon dies bald begreifen, sich auf diese Seite werfen und viele Schüsse halten. Wenn Herkules
immer abwechselnd nach links oder rechts zielte, würde
Charon auch diesen Rhythmus durchschauen und immer auf
die richtige Seite springen.

"Wie soll ich mich beim nächsten Schuß entscheiden?"
fragte sich Herkules. "Wenn ich vorher nach links gezielt
habe, sollte ich diesmal nach rechts schießen."

"Aber Charon wird sich denken können, dass ich die Seiten
wechsle und sich auf die richtige Seite werfen. Also bin ich
einfach klüger und wechsle die Seiten nicht - aber auch diese
Schliche könnte Charon durchschauen. Also sollte ich doch
lieber wechseln..." Herkules schwirrte der Kopf.

Mathematiker haben gezeigt, dass die beste Strategie eines
Torschützen darin besteht, mit einer Münze die Seite
auszulosen, auf die er schießt. Der Torwart kann das
Losergebnis nicht voraussehen und weiß deshalb nicht, in
welche Richtung der Torschütze zielt. Doch im Kopf eine

Zufallsentscheidung zu treffen, ist unglaublich schwierig, und
eine Münze darf nicht verwendet werden.

Auch wenn man die Absicht hat, zufällig zu zielen, enthält eine
Reihe wie Links-rechts-rechts-links-links-links-rechts-links-
links-rechts-rechts-links-links-links-rechts dennoch eine
versteckte Periodik, die ein hochintelligenter Mensch oder
besser noch ein Computer entlarven kann.


Es gibt ein Programm, das sich die Schwächen des
menschlichen Gehirns zunutze macht. Es heißt SAGACE und
wurde von Christophe Meyer von der Universität Lille
entwickelt. Als Torwart würde SAGACE in durchschnittlich 57
Prozent der Fälle erraten, auf welche Seite der Torschütze
zielt.
Dieser Vorsprung von 7 Prozent ist gewaltig. Stellen Sie
sich vor, Sie könnten beim Poker mit dieser Gewissheit
sagen, ob Ihr Gegner blufft, oder sie könnten an der Börse
voraussehen, ob die Kurse fallen oder steigen.

"Der Computer ist aber nicht so klug wie ich, denn ich kann
die Gedanken der anderen jederzeit lesen", denkt sich Zeus.
Trotzdem ist der Computer ein guter Psychologe geworden,
denn in vielen Fällen sagt er das Verhalten der Gegenseite
richtig voraus.
Außer beim Spiel kann ein solches Programm
auch dazu verwendet werden, Gewohnheiten aufdecken -
wann man zum Beispiel sein Auto oder seinen Computer
nutzt - und das Gerät den Eigenheiten des Benutzers anpassen.
Also bringt es durchaus auch Vorteile mit sich, dass es so schwierig ist, bewusst zufällig zu handeln.
So hat eine Schwäche eben auch ihren Nutzen.

  © 1999 ARTE G.E.I.E