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Archimède

04. Januar 2000

 

Porträt: André Langaney

Der Genetiker André Langaney spricht über seine Feldforschungen bei Populationen im Osten Senegals.

"Ich heiße André Langaney und habe einen Großteil meines Lebens genetischen Studien und Forschungen gewidmet. Ich bin Professor im Pariser Muséum National d'Histoire Naturelle, genauer gesagt im anthropologischen Labor des "Musée de l'Homme", in dem wir uns heute befinden. Unsere Forschungen befassen sich ganz allgemein mit der Genetik
menschlicher Populationen, um die Herkunft der verschiedenen Populationen zu ergründen. Wir beschäftigen uns mit der jüngsten Vorgeschichte und den Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Populationen. Wir wissen seit langem, dass ihr genetisches Repertoire im Grunde identisch ist, vor allem seit unseren Arbeiten in den siebziger und achtziger Jahren. Zur Zeit würden wir die verwandten Merkmale jedoch gern genauer erforschen, insbesondere mit dem Ziel, die Verteilung von Genen herauszufinden, die für bestimmte Erbkrankheiten codieren oder als Risikofaktoren für die Entstehung schwerer Erkrankungen gelten.

Ich hatte schon als Kind immer davon geträumt, nach Afrika zu reisen. Als ich meine Stelle hier antrat, bot man mir an - eine etwas ungewöhnliche Alternative - entweder nach Grönland oder nach Afrika zu gehen. Ich hatte im Sekretariat einige Fotos von afrikanischen Dörfern gesehen und sah all meine Kindheitsträume in Erfüllung gehen. Ich wollte
sehr gern nach Afrika. Die Aussicht, Grönländer bei der Robbenjagd auf dem Packeis zu beobachten, lockte mich dagegen nicht sonderlich, zumal ich Kälte hasse. Die Grönländer sind zwar nette Leute, und später war ich auch dort, aber zunächst entschied ich mich bewusst für Afrika.

Dort halten wir Familienversammlungen ab. Wir stellen eine Liste aller Anwesenden und Abwesenden aus jeder Familie zusammen und versuchen, sie der Reihe nach aufzurufen. Das gestaltet sich äußerst schwierig und gelingt uns nicht immer, weil einige Familien zur Kooperation bereit sind, andere jedoch überhaupt nicht.
Es findet zunächst ein Treffen statt, bei dem wir unsere Arbeit erklären. Mit Unterstützung der lokalen Stammeshäuptlinge erhalten wir die Zustimmung des gesamten Dorfes für unser Projekt. Wir nehmen dann einer Reihe von Dorfbewohnern eine kleine Blutmenge ab. Wir hätten dazu gern Freiwillige, die aus einer Familie stammen, zwei Eltern und zwei Kinder. Dadurch wollen wir herausfinden, wie sich Krankheiten von den Eltern auf die Kinder übertragen.

Wir arbeiten seit dreißig Jahren in diesen Dörfern im Osten des Senegal. Vor uns Biologen waren verschiedene Ethnologen hier. Später führten wir demographische Studien durch und kamen jedes Jahr wieder, um alle wichtigen Geschehnisse im Dorf festzuhalten. Deshalb sind wir hier gut bekannt.Unsere künftigen Projekte im Bereich der Grundlagenforschung und der Siedlungsgeschichte sind folgende: Wir werden versuchen, das relative Alter und den Verwandtschaftsgrad verschiedener Populationen zu ermitteln. Mittlerweile befassen wir uns sehr viel stärker mit dem medizinischen Anwendungsbereich. Insbesondere für die Erforschung von Erbkrankheiten ist es wichtig, Fälle mit seltenen Erkrankungen zu lokalisieren. Die Verteilung dieser Krankheitsfälle hängt mit der Siedlungsgeschichte zusammen. Um an das Material für ihre Genlokalisation heranzukommen, benötigen Wissenschaftler, die Myopathien
oder die Mukoviszidose erforschen, genetische Studien an
Menschenpopulationen. Nur so können sie das Ausbreitungsgebiet der von ihnen untersuchten Krankheiten eingrenzen und genügend familiär auftretende Fälle finden, um die Gene auf den Chromosomen zu lokalisieren.

Ein weiteres Anwendungsgebiet eröffnet sich uns dadurch, dass man zahlreiche genetische Risikofaktoren für die Entstehung von Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen kennt, die sich ganz unterschiedlich auf die Populationen verteilen. Man kennt die Verteilungshäufigkeit solcher
Risikogene - wie zum Beispiel für Brustkrebs - in Europa sehr genau, nicht jedoch bei anderen Populationen der Welt. Es gibt noch weitere wichtige Faktoren, die man gerade erst zu erforschen beginnt, zum Beispiel das Ansprechen auf Medikamente.
Äußerst komplizierte genetische Systeme - die Einzelheiten erspare ich Ihnen lieber - sorgen dafür, dass zwei Menschen gleichen Gewichts und gleicher Größe völlig unterschiedlich auf ein Medikament reagieren. Bestimmte Substanzen lassen sich am nächsten Tag bei dem einen in zehnmal größerer Menge nachweisen als bei dem anderen. Dies hängt von genetischen Varianten ab, die bei dem einen vorhanden sind, bei dem anderen jedoch fehlen. Zur Zeit weiß man noch nicht viel über die weltweite Verteilung von Genen, die das Ansprechen auf Medikamente festlegen. Da heute die Medikamentendosis anhand des Körpergewichts bestimmt wird, hat der eine am nächsten Tag vielleicht eine zehnmal zu hohe Dosis im Körper und der andere nur ein Zehntel dessen, was er benötigt. In dieser Größenordnung weichen die Reaktionen manchmal voneinander ab. Solche Dinge sind natürlich immens wichtig. Sie sind von großer pharmakologischer und volkswirtschaftlicher Bedeutung, deshalb ist es sicher verständlich, wenn wir uns dafür interessieren."

 

  © 1999 ARTE G.E.I.E