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Archimède

11. Januar 2000


Links und Adressen zum Thema:

CNRS (Centre National de la recherche sciéntifique) http://www.cnrs.fr http://www.cnrs.org

 

Experiment: Anti-Wasserstoff

Im Zentrum für Teilchenphysik der Europäischen Organisation für Kernforschung in Genf (CERN) werden die Weichen zur Erforschung der Antimaterie gestellt.

Michael Doser gehört zu dem Team, das kürzlich eine Versuchsanordnung entwickelte, mit deren Hilfe die Herstellung von Anti-Wasserstoff-Atomen möglich sein wird. Doch was verbirgt sich hinter dem geheimnisvollen Begriff der Antimaterie, und wie kann man diese kurzlebigen Atome einzufangen?

Michael Doser
Was ist Antimaterie? Am einfachsten kann man sich Antimaterie als ein Stück elastischer Folie vorstellen. Wird diese zum Schwingen gebracht, nimmt sie Energie auf und es bilden sich Vertiefungen und Erhebungen. Die Vertiefungen entsprechen gewissermaßen der Antimaterie, die Erhebungen der Materie. Dreht man diese Folie um, werden aus den Vertiefungen Erhebungen und aus den Erhebungen Vertiefungen. Materie und Antimaterie sind zwei unterschiedliche Blickwinkel auf dieselbe Sache. Die Antimaterie wurde 1932 entdeckt. Das erste gefundene Antiteilchen war das Gegenstück zum negativ geladenen Elektron - das Positron. In den 50er Jahren entdeckte man dann das Pendant zum positiv geladenen und mit dem Buchstaben P symbolisierten Proton - das Antiproton, dargestellt durch ein P mit einem Querbalken. Und 1995 schließlich fand man das Antiteilchen des aus Protonen und Elektronen bestehenden - somit also neutralen - Wasserstoffatoms: das neutrale Anti-Wasserstoff-Atom, bestehend aus einem Antiproton und einem Positron.

Seit der Entdeckung der Antimaterie interessieren sich die Physiker für die Unterschiede zwischen Materie und Antimaterie. Theoretisch besteht ein solcher Unterschied nicht. Im Experiment hingegen kann man untersuchen, ob hinsichtlich der Ladung, der Masse oder des Verhaltens in einem elektrischen oder magnetischen Feld Abweichungen feststellbar sind. Um solche Differenzen zu erfassen, ist das Anti-Wasserstoff-Atom wegen seiner empfindlichen Reaktion am besten geeignet. Leider hat man mit den neu entdeckten Atomen, die 1995 hergestellt werden konnten, keine vernünftigen Messungen in bezug auf mögliche Unterschiede durchführen können. Insbesondere deswegen, weil sich die Anti-Wasserstoff-Atome praktisch mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegten. Um aber solch empfindliche Messungen machen zu können, muss man mit Atomen arbeiten, die mehr oder weniger bewegungslos verharren. Eigentlich gemessen werden sollen die Unterschiede zwischen Anti-Wasserstoff und Wasserstoff hinsichtlich des Lichts, das sie aussenden.

Michael Doser
Um ein solches Experiment durchführen zu können, haben wir eine kombinierte Versuchsanordnung namens ATHENA geschaffen, mit deren Hilfe wir Anti-Wasserstoff herstellen, seine Strahlung messen und mit der von Wasserstoff vergleichen können. Bei der Herstellung von Anti-Wasserstoff sind mehrere Phasen zu durchlaufen: Zunächst müssen die Antiprotonen erzeugt werden, danach die Positronen, dann werden sie zusammengebracht, damit sich aus ihnen ein Anti-Wasserstoff-Atom bilden kann. Nun muss man dieses Atom einfangen, abkühlen und schließlich das von ihm ausgesendete Licht messen. Zum Einfangen der Antiprotonen verwenden wir eine Falle, die auf dem Prinzip basiert, dass sich gleiche Ladungen abstoßen und ungleiche Ladungen anziehen. Die Antiprotonen gelangen in die Apparatur und treffen dort auf eine Reihe von zylindrischen Elektroden - Metallarmbändern ähnlich. An die hintere Elektorde wird eine Spannung von minus 15.000 Volt angelegt. Die negativ geladenen Antiprotonen treffen auf dieses Potential, werden abgestoßen und machen kehrt. Das ist in etwa mit einer Kugel vergleichbar, die auf ihrem Weg gegen einen Berg trifft; anfangs rollt die Kugel ungehindert weiter, genauso wie das Antiproton, trifft dann aber auf einen Berg, so wie das Antiproton auf das negative Potential stößt, das in gewisser Weise einen virtuellen Berg darstellt. Es erklimmt diesen Berg, wird langsamer und rollt zurück. Genau in diesem Augenblick, an dem die Kugel, beziehungsweise das Antiproton in den Elektroden seinen Rückweg antritt, wird an die vordere Elektrode eine Spannung von minus 15.000 Volt angelegt. Das ist so ähnlich, als würde sich ein Berg erheben. Die Kugel rollt bis zu diesem Punkt, trifft auf den zweiten, wiederum virtuellen Berg, wird langsamer, bleibt liegen und macht kehrt.
Übertragen auf das Antiproton, trifft dieses auf das negative Potential - den virtuellen Berg - prallt zurück, stößt danach auf diesen virtuellen Berg auf der anderen Seite, prallt erneut ab und befindet sich in einer Falle. Das Antiproton kann nicht mehr heraus.

Im Gegensatz zu einer Kugel, die zwischen zwei Bergen hin- und herrollt und deren Geschwindigkeit infolge der auftretenden Reibung abnimmt, verlieren die Antiprotonen keine Energie. Im Bereich der Elementarteilchen gibt es keine Reibung; das Antiproton würde unendlich lange zwischen den Polen oszillieren. Damit es nun ein wenig Energie verliert - zur Verringerung seiner Geschwindigkeit - lassen wir in der Falle einen See entstehen, das heißt, wir füllen ihn mit einer Elektronenwolke. Dieser See nimmt die Temperatur des Magnetes an, in der sich die gesamte Falle befindet, nämlich minus 269 Grad Celsius. Die Antiprotonen durchqueren diesen See, wenn sie sich zwischen den Elektroden hin- und herbewegen und treten mit den Elektronen in eine Interaktion. Die Antiprotonen sind viel schwerer als die Elektronen und verlieren bei jedem Durchqueren des Sees ein ganz klein wenig Energie. Allmählich - nach einer Millionen Schwingungen - haben sie genügend Energie abgegeben und sich auf die Temperatur der Elektronen abgekühlt, nämlich auf 4 Grad Kelvin oder minus 269 Grad Celsius. Damit haben wir die Antiprotonen eingefangen und auf eine sehr, sehr niedrige Temperatur gebracht.

Das zweite Element zur Herstellung von Anti-Wasserstoff sind die Positronen. Sie entstehen beim radioaktiven Zerfall von Salzen, von Natrium in erster Linie. Wir bringen an einer Vorrichtung eine relativ starke radioaktive Quelle aus Natrium zur Aussendung von Positronen an, die danach mit Hilfe einer Anordnung von Magneten eingefangen und heruntergekühlt werden. Die Vorrichtung ist ähnlich aufgebaut wie die zum Einfangen der Antiprotonen. Die beiden Fallen sind zu beiden Seiten einer "Hauptfalle" angeordnet, in der später die Anti-Wasserstoff-Atome erzeugt werden sollen.

Michael Doser
Die Hauptfalle ist ein wenig komplexer aufgebaut. Die Antiprotonen werden von negativ geladenen Elektrodenwänden abgefangen, denn sie selbst sind negativ geladen. Die Positronen prallen auf positiv geladene Barrieren, weil sie selbst auch positiv geladen sind. Um beide Teilchen mit derselben Falle einfangen zu können, muss man eine Kombination aus beiden Fallen konstruieren. Das geschieht mit Hilfe von fünf Elektroden. Drei Elektroden in der Mitte sind für die Positronen zuständig, die beiden äußeren für die Antiprotonen. Dazu wird eine Spannung von plus 20 Volt an diese zwei Elektroden angelegt; die mittlere liegt auf 0 Volt. Die Positronen, die sich in diesem Bereich befinden, werden durch die positive Ladung an diesen beiden Elektroden abgestoßen, wobei ihre Bewegungsfreiheit auf dieses Gebiet hier begrenzt wird. Wenn wir für die Positronen wieder eine Analogie zu unserem Bergmodell herstellen wollen, kann man sagen, sie befinden sich in einer Talsole. Zum Einfangen der Antiprotonen wird an die beiden äußeren Elektroden eine Spannung von minus 50 Volt angelegt, das reicht in diesem Falle, denn die Antiprotonen sind ja im Vorfeld heruntergekühlt worden. Analog zu unserer Bergwelt besteht unsere Landschaft nun aus einem Berg, einem Tal, einem Berg, einem Tal und wieder einem Berg. Die Antiprotonen können sich innerhalb der gesamten Landschaft bewegen, die Positronen hingegen sind auf den mittleren Teil begrenzt. In diesem Bereich hier entsteht somit eine Positronenwolke, wohingegen sich die Antiprotonen über dieses gesamte Gebiete verbreiten. Die Antiprotonen bewegen sich also zwischen den beiden Elektroden hin und her und durchqueren dabei die Positronenwolke.

Mit dieser Vorrichtung ist es nun möglich, Anti-Wasserstoff herzustellen. Man lässt die Antiprotonen und die Positronen im Bereich der mittleren Elektrode in eine Interaktion treten; dabei entsteht der Anti-Wasserstoff. Die geladenen Teilchen - die Antiprotonen und die Positronen - werden einem elektrischen Feld ausgesetzt, das über die angelegte Spannung an den Elektroden entsteht. Das Anti-Wasserstoff-Atom ist zum Zeitpunkt seiner Entstehung neutral und unterliegt daher weder den Einflüssen des elektrischen noch des magnetischen Feldes, das wir erzeugen. Dieses Atom ist frei beweglich und wird irgendwann an die Innenwand einer der Elektroden stoßen. Da sich Antimaterie und Materie gegenseitig aufheben, zerfällt das Anti-Wasserstoff-Atom sofort, wenn es mit den Elektroden in Berührung kommt. Dieser Kontakt, diese Zerstörung dient uns überhaupt als Beweis, daß wir wirklich Anti-Wasserstoff erzeugt haben.
Die Wahrscheinlichkeit, ein Anti-Wasserstoff-Atom herzustellen, ist äußerst gering. Mit einer Milliarde Positronen und einer Million Antiprotonen erzeugt man etwa ein Anti-Wasserstoff-Atom pro Sekunde. Man muss sich daher vergewissern, dass die sichtbaren Zeichen, die auf eine Zerstörung des Anti-Wasserstoffs hindeuten, wirklich auf den Zerfall der Antimaterie zurückgehen. Zu diesem Zweck legen wir einen Teilchendetektor um unsere Anordnung zur Anti-Wasserstoff-Erzeugung. Wenn der Anti-Wasserstoff beim Kontakt mit einem Atom aus der Elektrode zerfällt, entstehen geladene Teilchen, die in alle Richtungen gesprengt werden und den Detektor durchdringen. Diese Vorrichtung besteht aus mehreren Schichten Siliziumdetektoren, die ein Signal aussenden, eine Ladung abgeben, wenn sie von einem Teilchen durchdrungen werden. Außen befinden sich mehrere Kristalle, die beim Auftreffen eines solchen Teilchens Licht aussenden. Indem wir die Lichtsignale der Kristalle mit den Ladungszuständen der Siliziumdetektoren in Verbindung bringen, können wir den Weg des Teilchen zurückverfolgen und den genauen Ort ermitteln, an dem das Anti-Wasserstoff-Atom zerfallen ist. Damit ist es möglich, solche Signale von anderen sichtbaren Zeichen zu unterscheiden. Dies aber ist nur die erste Phase des Experimentes. Unser eigentliches Ziel ist, das Anti-Wasserstoff-Atom einzufangen.

Wie ich schon sagte, ist der Anti-Wasserstoff neutral und kann nicht mit Hilfe eines elektrischen Feldes eingefangen werden. Dennoch besteht er aus einem Antiproton und einem Positron, das um das Antiproton kreist. Dieses Positron ist von seiner Natur her ein kleiner Magnet. Mit einem zusätzlichen Magnetfeld kann man nun versuchen, das Positron zu fassen und mit ihm das Antiproton. Auf diese Weise ist man nun in der Lage, ein Anti-Wasserstoff-Atom einzufangen. Das Antiproton ist 2000 Mal schwerer als das Positron. Daher muss die gesamte Einheit sehr, sehr stark heruntergekühlt werden oder sich extrem langsam bewegen, damit das Experiment gelingen kann. Dennoch gibt es Magnetfelder, die ein solches Vorgehen möglich machen und uns in die Lage versetzen, ein Anti-Wasserstoff-Atom einzufangen. Danach muss man das Atom herunterkühlen, mehrere davon in einer kleinen Wolke zusammenfassen und einen Laserstrahl auf diese Atomanordnung richten. Wenn das Laserlicht korrekt eingestellt ist, wird jedes einzelne Atom angeregt und sendet ein wenig später - wenn die Erregung abklingt - Licht aus. Dieses Licht ist tiefblau und kann nun mit der Strahlung verglichen werden, die ein Wasserstoffatom unter den gleichen Bedingungen aussendet. Den Unterschied, den wir bei diesen Messungen zwischen dem Anti-Wasserstoff und dem Wasserstoff erwarten, liegt in einem astronomisch kleinen Bereich. Die Genauigkeit, die wir dabei erreichen müssen, ist mit dem Gewichtsunterschied eines Jumbo-Jets vergleichbar, auf dem eine Ameise sitzt oder nicht.

Um ein endgültiges Fazit hinsichtlich der möglichen Unterschiede zwischen Materie und Antimaterie ziehen zu können, sind noch vier oder fünf Jahre intensiver Forschung nötig, an der sich etwa 30 Physiker aus allen möglichen Forschungsbereichen beteiligen: Laserspezialisten, Wissenschaftler zur Konstruktion von Elektronenfallen und Hochenergiephysiker werden interdisziplinär arbeiten, um dieses Ziel zu erreichen.

  © 1999 ARTE G.E.I.E