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Archimède

25. Januar 2000





 

Die schwarze Sonne

Tiere verfügen offenbar über einen siebten Sinn. Wenn sich Natur-Ereignisse ankündigen, verhalten sie sich auffällig, werden unruhig. Der 11. August 1999 war so ein Tag: die totale Sonnenfinsternis...

Im Hunsrück wollten es Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen genauer wissen. Auf einer Mess-Station des Umweltbundesamtes hatten sie ein Beobachtungsprogramm aufgebaut. Da gings nicht nur ums Wetter: Ihr Blick richtete sich vor allem auf die Reaktionen der Tiere und Pflanzen auf die plötzliche totale Finsternis.

Dr. Willy Werner - Universität Trier - Geobotanik:
"Das spannende für mich sind die Reaktionen der Pflanzen. Es gibt keinerlei Erfahrungen und Beobachtungen darüber, ob die Blüten öffnen oder schließen, eine andere Frage ist, ob die Zeitspanne der Dunkelheit ausreicht, um solche Reaktionen überhaupt in Gang zu setzen."

Keine drei Stunden dauert die Phase der Finsternis. Für viele Menschen trübt der wolkenverhangene Himmel die Freude am Ereignis. Den Forschern erleichtert der gleichmäßige Wolkenfilter das Erfassen meteorologischer Daten.

Der Leiter der Mess-Station, Karl-Josef Rumpel, startet etwa dreißig Minuten nach Beginn der Sonnenfinsternis die zweite Gruppe von Brieftauben. Es ist bekannt, dass sie zur Orientierung unter anderem den Sonnenstand nutzen. Rumpel will schauen, ob sie auch mit anderen Sinnesorganen den Heimweg finden können.

Karl-Josef Rumpel - Leiter der Mess-Station Deuselbach:
"Die ersten Tauben, die wir losgelassen haben, haben eine sehr lange Zeit gebraucht, über vierzig Minuten für 18km, das ist unnormal"

Die Forscher brauchen ganz genaue Daten über die Zu- und Abnahme des Lichts während der Sonnenfinsternis. Dazu messen sie die Lichtstärke Lux und die Globalstrahlung im Minutentakt. Die vollständige Auswertung aller Ergebnisse wird über zwei Monate dauern. Der Gasanalysator misst den Atem des Weißklees. Wird er CO2 freisetzen, also zu atmen beginnen, wie er es sonst nur nachts tut? Oder wird er nur reagieren wie bei einer großen Gewitterwolke und nicht atmen?
In der Mess-Station laufen die Daten zusammen, die im Minutentakt aufgezeichnet werden. Die Forscher wollen wissen, ob auch die Luftinhaltsstoffe wie zum Beispiel Ozon, Methan oder die Oxide während der Sonnenfinsternis messbar abweichen von ihren normalen Tageswerten. Ihre Zusammensetzung verändert sich gewöhnlich regelmäßig im Tag-Nacht-Rhythmus. Noch nie zuvor wurden auch während einer Sonnenfinsternis die meterologischen Veränderungen gemessen: Temperatur, Luftdruck, relative Feuchte und Wind.
Wir nähern uns der Totalen Finsternis - sie wird nur zwei Minuten dauern. Die Tiere werden bei zunehmender Dunkelheit ruhiger. Die Bienen stellen ihre Ab- und Anflüge fast völlig ein. Der Kernschatten rast in einer Breite von 108 Kilometern über Europa hinweg. In Deuselbach verdeckt der Mond zu 99,7 Prozent die Sonne. Keine 20 Kilometer weiter südlich erleben die Menschen die 100prozentige Finsternis. Die Tauben werden, sichtlich irritiert, um 12Uhr 30 freigelassen, während der dunkelsten Phase: Bei 14 Lux, das ist ziemlich finster, wenn auch 14 mal heller als eine wolkenlose Vollmondnacht. Mit Wiederkehr der Sonne erhöhen die Bienen ihre Abflugfrequenz, die Temperatur steigt. Auf den ersten Blick sind nur wenige Natur-Reaktionen sichtbar, man wird auf die Auswertung der Ergebnisse warten müssen.
Nur eine Pflanze hat auf Anhieb erkennbare Veränderungen gezeigt:

Dr. Werner Uni Trier:
"Wir konnten deutlich beobachten, dass der Schlafbaum seine Blattfiederchen zusammengeklappt hat. Der Schlafbaum ist eine Verwandte von der Mimose und wenn man die Mimose berührt, klappen die Blätter sofort ein. Der Schlafbaum reagiert nicht auf Berührung, sondern auf Helligkeit- und Dunkelheitsunterschiede, es handelt sich um eine Fototaxis. Und wir können nach Beendigung der Sonnenfinsternis ganz deutlich sehen, dass sich auch die jüngsten Blätter wieder vollständig entfaltet haben, das hat etwa eine Stunde gedauert. Das ist eine typische Reaktion auf die Helligkeit: Er stellt seine Blätter sozusagen der Sonne entgegen, um wieder richtig Fotosynthese betreiben zu können."

Die seriösen Daten sind nach zwei Monaten ausgewertet. Die Wissenschaftler treffen sich in Deuselbach. Stationsleiter Rumpel hat Bienenflüge einzeln mit Hilfe der Videoaufzeichnung ausgezählt.

Karl-Josef Rumpel, Leiter der Messstation Deuselbach:
"Das Ergebnis war sehr beeindruckend, die Bienen sind nicht so eingeflogen wie bei einer Abenddämmerung, man sieht das hier auch ganz klar, neue Abfüge sind auch nicht festzustellen. Das Licht hat sich ja in Minutenschnelle 'abgestellt' und die Bienen hatten gar zum Teil keine Zeit mehr, zum Stock zurückzufinden."

Die wissenschaftlichen Beobachtungen der Sonnenfinsternis kommen eher unspektakulär daher. Aber es sind die ersten wissenschaftlichen Erhebungen dieser Art überhaupt und sie bieten wertvolle Grundlagendaten. Die wollen die beteiligten Forscher demnächst in einem Buch veröffentlichen.

Franz-Josef Rumpel
"Zu unseren Ergebnissen ist zu sagen, dass sie sehr erfolgreich waren, weil wir u.a. das Tag-Nacht-Gefälle innerhalb von drei Stunden nachweisen konnten. Diese Veränderungen an verschiedenen Stoffen, Schadstoffen, Temperatur usw. und die Werte, die wir hier gefunden haben, sollen Grunddaten sein für zukünftige Recherchen."

  © 1999 ARTE G.E.I.E