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Die schwarze
Sonne
Tiere verfügen offenbar
über einen siebten Sinn. Wenn sich Natur-Ereignisse ankündigen,
verhalten sie sich auffällig, werden unruhig. Der 11. August 1999
war so ein Tag: die totale Sonnenfinsternis...
Im Hunsrück wollten es
Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen genauer wissen. Auf einer
Mess-Station des Umweltbundesamtes hatten sie ein Beobachtungsprogramm
aufgebaut. Da gings nicht nur ums Wetter: Ihr Blick richtete sich vor
allem auf die Reaktionen der Tiere und Pflanzen auf die plötzliche
totale Finsternis.
Dr. Willy Werner - Universität
Trier - Geobotanik:
"Das spannende für mich sind die Reaktionen der Pflanzen. Es
gibt keinerlei Erfahrungen und Beobachtungen darüber, ob die Blüten
öffnen oder schließen, eine andere Frage ist, ob die Zeitspanne
der Dunkelheit ausreicht, um solche Reaktionen überhaupt in Gang
zu setzen."
Keine drei Stunden dauert die
Phase der Finsternis. Für viele Menschen trübt der wolkenverhangene
Himmel die Freude am Ereignis. Den Forschern erleichtert der gleichmäßige
Wolkenfilter das Erfassen meteorologischer Daten.
Der Leiter der Mess-Station,
Karl-Josef Rumpel, startet etwa dreißig Minuten nach Beginn der
Sonnenfinsternis die zweite Gruppe von Brieftauben. Es ist bekannt, dass
sie zur Orientierung unter anderem den Sonnenstand nutzen. Rumpel will
schauen, ob sie auch mit anderen Sinnesorganen den Heimweg finden können.
Karl-Josef Rumpel - Leiter
der Mess-Station Deuselbach:
"Die ersten Tauben, die wir losgelassen haben, haben eine sehr lange Zeit
gebraucht, über vierzig Minuten für 18km, das ist unnormal"
Die Forscher brauchen ganz
genaue Daten über die Zu- und Abnahme des Lichts während der
Sonnenfinsternis. Dazu messen sie die Lichtstärke Lux und die Globalstrahlung
im Minutentakt. Die vollständige Auswertung aller Ergebnisse wird
über zwei Monate dauern. Der Gasanalysator misst den Atem des Weißklees.
Wird er CO2 freisetzen, also zu atmen beginnen, wie er es sonst nur nachts
tut? Oder wird er nur reagieren wie bei einer großen Gewitterwolke
und nicht atmen?
In der Mess-Station laufen die Daten zusammen, die im Minutentakt aufgezeichnet
werden. Die Forscher wollen wissen, ob auch die Luftinhaltsstoffe wie
zum Beispiel Ozon, Methan oder die Oxide während der Sonnenfinsternis
messbar abweichen von ihren normalen Tageswerten. Ihre Zusammensetzung
verändert sich gewöhnlich regelmäßig im Tag-Nacht-Rhythmus.
Noch nie zuvor wurden auch während einer Sonnenfinsternis die meterologischen
Veränderungen gemessen: Temperatur, Luftdruck, relative Feuchte und
Wind.
Wir nähern uns der Totalen Finsternis - sie wird nur zwei Minuten
dauern. Die Tiere werden bei zunehmender Dunkelheit ruhiger. Die Bienen
stellen ihre Ab- und Anflüge fast völlig ein. Der Kernschatten
rast in einer Breite von 108 Kilometern über Europa hinweg. In Deuselbach
verdeckt der Mond zu 99,7 Prozent die Sonne. Keine 20 Kilometer weiter
südlich erleben die Menschen die 100prozentige Finsternis. Die Tauben
werden, sichtlich irritiert, um 12Uhr 30 freigelassen, während der
dunkelsten Phase: Bei 14 Lux, das ist ziemlich finster, wenn auch 14 mal
heller als eine wolkenlose Vollmondnacht. Mit Wiederkehr der Sonne erhöhen
die Bienen ihre Abflugfrequenz, die Temperatur steigt. Auf den ersten
Blick sind nur wenige Natur-Reaktionen sichtbar, man wird auf die Auswertung
der Ergebnisse warten müssen.
Nur eine Pflanze hat auf Anhieb erkennbare Veränderungen gezeigt:
Dr. Werner Uni Trier:
"Wir konnten deutlich beobachten, dass der Schlafbaum seine Blattfiederchen
zusammengeklappt hat. Der Schlafbaum ist eine Verwandte von der Mimose
und wenn man die Mimose berührt, klappen die Blätter sofort
ein. Der Schlafbaum reagiert nicht auf Berührung, sondern auf Helligkeit-
und Dunkelheitsunterschiede, es handelt sich um eine Fototaxis. Und wir
können nach Beendigung der Sonnenfinsternis ganz deutlich sehen,
dass sich auch die jüngsten Blätter wieder vollständig
entfaltet haben, das hat etwa eine Stunde gedauert. Das ist eine typische
Reaktion auf die Helligkeit: Er stellt seine Blätter sozusagen der
Sonne entgegen, um wieder richtig Fotosynthese betreiben zu können."
Die seriösen Daten sind
nach zwei Monaten ausgewertet. Die Wissenschaftler treffen sich in Deuselbach.
Stationsleiter Rumpel hat Bienenflüge einzeln mit Hilfe der Videoaufzeichnung
ausgezählt.
Karl-Josef Rumpel, Leiter
der Messstation Deuselbach:
"Das Ergebnis war sehr beeindruckend, die Bienen sind nicht so eingeflogen
wie bei einer Abenddämmerung, man sieht das hier auch ganz klar,
neue Abfüge sind auch nicht festzustellen. Das Licht hat sich ja
in Minutenschnelle 'abgestellt' und die Bienen hatten gar zum Teil keine
Zeit mehr, zum Stock zurückzufinden."
Die wissenschaftlichen Beobachtungen
der Sonnenfinsternis kommen eher unspektakulär daher. Aber es sind
die ersten wissenschaftlichen Erhebungen dieser Art überhaupt und
sie bieten wertvolle Grundlagendaten. Die wollen die beteiligten Forscher
demnächst in einem Buch veröffentlichen.
Franz-Josef Rumpel
"Zu unseren Ergebnissen ist zu sagen, dass sie sehr erfolgreich waren,
weil wir u.a. das Tag-Nacht-Gefälle innerhalb von drei Stunden nachweisen
konnten. Diese Veränderungen an verschiedenen Stoffen, Schadstoffen,
Temperatur usw. und die Werte, die wir hier gefunden haben, sollen Grunddaten
sein für zukünftige Recherchen."
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