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Archimède 25. Januar 2000





 

Vom Rätsel Autismus

Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung im Bereich der Wahrnehmungsverarbeitung. Trotz umfangreicher Forschungsergebnisse gibt es bislang kein Erklärungsmodell, das vollständig und schlüssig Autismus erklären kann.

Menschen mit autistischer Behinderung, sogenannte Autisten, leiden an einer angeborenen Entwicklungsstörung des Gehirns. Autistische Kinder können zunächst keine Geste, kein Lächeln, kein Wort verstehen und zu niemandem, nicht einmal zu den eigenen Eltern eine persönliche Beziehung herstellen. Sinneseindrücke und Wahrnehmungen können sie weder verstehen noch auf sinnvolle Art und Weise einordnen. Jegliche Veränderung empfinden sie als existenziell bedrohlich. Sie kapseln sich von der Außenwelt ab und ziehen sich vollständig in eine Innenwelt zurück.

Wir wollten mehr über das Rätsel Autismus erfahren und hatten Gelegenheit, eine Therapie-Sitzung mit einem 11-Jährigen autistisch behinderten Jungen mit der Kamera zu beobachten. Autisten sind häufig sprachgestört und entwickeln Stereotypien, wiederholen zum Beispiel ständig Wortfetzen oder die gleichen Handbewegungen.

Dipl.Psych. Sven Bölte,
Klinikum der Universität Frankfurt

"Als Störungen im Bereich der sozialen Interaktion wären zu nennen, dass kein Blickkontakt aufgenommen wird, dass keine Freundschaften hergestellt werden, dass kein Interesse an Personen vorhanden ist, keine gemeinsame Freude, keine gemeinsame Aufmerksamkeit entsteht. Im Bereich der Kommunikation, dass die Gestik und die Mimik verarmt ist und im Bereich der Stereotypien, dass Manierismen vorliegen, beispielsweise Spezialinteressen, an kleinsten Details, die andere Menschen nicht teilen, z.B. ein Interesse am Straßenverkehr, an fließendem Wasser und solchen Dingen."

Die Bandbreite autistischer Störungen ist sehr groß: sie reicht von geringen Auffälligkeiten bei normaler Intelligenz bis zur geistigen Behinderung. Deshalb kann man formal nicht von dem Autsimus sprechen. Es gibt kein einheitliches Erscheinungsbild. Jeder Autist ist ein Einzelfall.

Dr. med. Gabriele Schmötzer,
Klinikum der Universität Frankfurt

"Die ersten Stereotypien, die auffallen sind Fingerstereotypien, da schaut das Kind so durch die Finger und viele Eltern sagen, 'das Kind macht Schattenspiele', was eigentlich eine ganz gute Erklärung dafür ist. Das Kind hört aber dann nicht auf, sondern macht immer weiter und die Stereotypien werden dann zum Teil sehr viel heftiger. Dann bauen diese Kinder mit der Zeit sehr viele Rituale auf, die den Alltag sehr stören können. Es muss alles nach derselben Art und Weise ablaufen, die Zeiten müssen gleich bleiben, die Orte sollten gleich bleiben. Es gibt Mütter, die berichten, dass das Kind niemals einen anderen Weg mitgehen wollte, es wollte immer nur nach rechts, niemals nach links oder das Kind muss immer zu selben Zeit sein Essen haben, sein Bad haben."

Man nimmt an, dass sich hinter den autistischen Verhaltensweisen der hilflose Versuch verbirgt, jede noch so geringe Veränderung der Umwelt abzuwehren. Durch die angeborene Schwierigkeit, Wahrnehmungen und damit Neuigkeiten zu verarbeiten, ist der Autist gezwungen, sich verzweifelt an feste Ordnungen seiner Umwelt zu klammern. Dort drohen ihm keine Veränderungen.

Prof. Peter Rödler, Universität Koblenz :
"Autistische Verhaltensweisen verweisen auf einen Baustein eines jeden Menschen, nämlich den Wunsch nach Ordnungen. In dem Maße wie wir sicher sind, können wir neue Dinge integrieren. Bei Studenten nehme ich oft folgendes Beispiel: Wenn ich jongliere, muss ich den Mut haben, die Bälle los zu lassen. Das Attraktive, das Lebendige des Jonglierens sind die Bälle in der Luft. Ich muss natürlich die Bälle immer wieder fangen und muss auch Erfahrungen haben sie in der Hand zu haben. Wenn ich aber Angst um den Ball habe, weil er vielleicht mein einziger ist, dann halte ich ihn immer in der Hand fest und werfe ihn nicht. D.h. den Ball, also die Ordnungen, haben wir mit den Autisten gemeinsam, nur wir sind in der Lage damit zu spielen, wir riskieren, dass mal einer runterfällt und haben dann noch ein paar andere zur Verfügung. Dadurch entsteht das, was wir Leben nennen, während ein Autist in gewisser Weise an diesen wenigen gewonnenen Orientierungen festhalten muss, weil er ansonsten um seine Existenz fürchtet."

Über die Entstehung von Autismus sind sich klinische Forscher und Pädagogen nicht einig. Es gibt aber deutliche Anzeichen, dass der Behinderung genetische Ursachen zu Grunde liegen könnten.

Sven Bölte, Uniklinik Frankfurt:
"Wir gehen heute davon aus, obwohl das lange bestritten wurde, dass Autismus genetische Grundlagen hat. Das ist ein Ergebnis von Zwillingsstudien und Familienstudien seit den 70er Jahren. Wir haben bei eineiigen Zwillingen eine sehr hohe Konkordanz, was das Erscheinungbild angeht im Vergleich zu nicht eineiigen Zwillingen. Wir haben in Familien ein erhöhtes Risiko, dass Autismus auftritt im Vergleich zum allgemeinen Risiko. Allerdings sind die die molekularbiologischen Untersuchungen nicht konsistent geblieben, d.h. es gibt noch nicht d a s Autsimus-Gen oder die Autismus-Gene, es gibt keinen eindeutigen Biologischen Marker für Autismus."

Am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg laufen die Fäden der klinischen Autismus-Forschung zusammen. Blutproben aus aller Welt von Familien, in denen Autismus vermehrt aufgetreten ist, werden hier gesammelt, verwahrt und analysiert. Autismus tritt bei etwa 10 von 10 000 Personen auf, in der Regel sind Jungen viermal häufiger betroffen als Mädchen. Die Lösung des Rätsels Autismus wird im Erbgut, der DNS, gesucht.

Kim Beyer, DKFZ Heidelberg:
"Wir haben hier am DKFZ in unserem Labor bisher über 200 Proben von Patienten mit Autismus untersucht. Wir versuchen dabei auf molekulargenetischer Ebene Regionen oder Gene zu finden, die im Zusammenhang mit Autismus stehen könnten. In internationaler Zusammenarbeit wurden auch schon mehrere größere Regionen gefunden, in denen Gene liegen könnten, die mit dem Krankheitsbild Autismus zu tun haben könnten."

Therapeuten und Sonderpädagogen stehen der Zuversicht der klinischen Forscher kritisch gegenüber. Eine derart komplexe Wahrnehmungsstörung wie der Autismus kann nicht nur genetisch bedingt sein:

Prof. Peter Rödler, Uni Koblenz:
"Gene steuern kein Verhalten. Gene steuern bestimmte körperliche Zustände und Dispositionen, die dann letztlich zu einen bestimmten Verhalten führen. Ob es ein einzelnes Gen gibt, was irgendein Problem bewirkt, was dann das autistische Verhalten auslöst, bezweifel ich einfach vor dem Hintergrund, der Breite dieser Gruppe, die die verschiedensten Probleme letztlich repräsentiert. Für ein gewisses Segment ist das sicherlich möglich. Allerdings nicht ein Gen, sondern es sind im Moment 8, 9 Gene im Gespräch, die in ihrem Zusammenhang so etwas bewirken. Aber wie gesagt: sie bewirken immer nur eine körperlich Disposition und ob dann letztlich jemand dadurch dazu genötigt wird, autistische Verhaltensweisen zu zeigen hängt dann eben auch von der Umwelt ab, mit der er zusammen trifft."

Zu unserer Überraschung geht der autistische Junge unserer Sendung plötzlich auf den Kameramann zu und nimmt auf erstaunlich intime Weise Kontakt auf. Er benutzt Menschen als Objekt, klärt uns später der Therapeut auf. Er interessiert sich nicht für den jeweiligen Menschen an sich. In diesem Fall will er nur gestreichelt werden, egal von wem.

Sven Bölte, Uniklinik Frankfurt:
"Ein Autist wird sich so verhalten, wie er die Welt versteht, nach einem Konzept, das offensichtlich von unserem verschieden ist. In den allermeisten Fällen ist es so, dass die Betroffenen ein Leben lang zumindest ein gewisses Maß an Unterstützung brauchen.

Autisten haben große Probleme beim Erkennen und Bewerten von Gesichtsausdrücken. Sie können die Stimmungen nicht entschlüsseln, die wir über das Gesicht vermitteln wollen. Sven Bälte hat am Computer ein Trainungsprogramm erstellt, mit dem die emotionale Wahrnehmung geübt werden kann. Mit solchen Therapiemethoden soll die soziale Kompetenz gefördert werden. Die Hauptaufgabe jeder Therapie besteht aber darin, autistischen Menschen die Angst vor ihrer Umwelt zu nehmen und damit die Blockade zu lösen.

Prof. Peter Rödler, Uni Koblenz:
"Ich denke, wenn man autistische Verhaltensweisen verstehen lernt, dann merkt man diese fatale Wirkung von Angst. Angst führt nämlich dazu, dass wir uns nicht mehr dem Risiko von Neuem hinwenden und uns grundsätzlich auf Bekanntes beziehen. Je ängstlicher wir werden, desto weniger sind wir flexibel. Und je mehr ich Angst reduzieren kann in entsprechender Umgebung, je mehr wird es auch dem Autisten möglich das Risiko des Lebens, das Risiko der Flexibilität auf sich zu nehmen."

Nach 43 Minuten wird der Junge unruhig und möchte gehen. Der vorher festgelegte Rahmen von 45 Minuten muss aber eingehalten werden. Der Therapeut besteht deshalb darauf, den Jungen bis zum Schluss im Raum zu halten. Eine Therapie wie diese bewegt sich immer in winzigen Schritten auf das Ziel hin, den Autisten Verhaltensweisen beizubringen, mit denen sie in unserer Welt besser zurecht kommen. Heilen wird man sie wohl nie können. Sie werden immer Autisten bleiben und müssen als solche akzeptiert werden.

  © 1999 ARTE G.E.I.E