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Vom Rätsel
Autismus
Autismus ist eine tiefgreifende
Entwicklungsstörung im Bereich der Wahrnehmungsverarbeitung. Trotz umfangreicher
Forschungsergebnisse gibt es bislang kein Erklärungsmodell, das vollständig
und schlüssig Autismus erklären kann.
Menschen mit autistischer Behinderung,
sogenannte Autisten, leiden an einer angeborenen
Entwicklungsstörung des Gehirns. Autistische Kinder können zunächst
keine Geste, kein Lächeln, kein Wort verstehen und zu niemandem,
nicht einmal zu den eigenen Eltern eine persönliche Beziehung herstellen.
Sinneseindrücke und Wahrnehmungen können sie weder verstehen
noch auf sinnvolle Art und Weise einordnen. Jegliche Veränderung
empfinden sie als existenziell bedrohlich. Sie kapseln sich von der Außenwelt
ab und ziehen sich vollständig in eine Innenwelt zurück.
Wir wollten mehr über
das Rätsel Autismus erfahren und hatten Gelegenheit, eine Therapie-Sitzung
mit einem 11-Jährigen autistisch behinderten Jungen mit der Kamera
zu beobachten. Autisten sind häufig sprachgestört und entwickeln
Stereotypien, wiederholen zum Beispiel ständig Wortfetzen oder die
gleichen Handbewegungen.
Dipl.Psych. Sven Bölte,
Klinikum der Universität Frankfurt
"Als Störungen im Bereich der sozialen Interaktion wären
zu nennen, dass kein Blickkontakt aufgenommen wird, dass keine Freundschaften
hergestellt werden, dass kein Interesse an Personen vorhanden ist, keine
gemeinsame Freude, keine gemeinsame Aufmerksamkeit entsteht. Im Bereich
der Kommunikation, dass die Gestik und die Mimik verarmt ist und im Bereich
der Stereotypien, dass Manierismen vorliegen, beispielsweise Spezialinteressen,
an kleinsten Details, die andere Menschen nicht teilen, z.B. ein Interesse
am Straßenverkehr, an fließendem Wasser und solchen Dingen."
Die Bandbreite autistischer
Störungen ist sehr groß: sie reicht von geringen Auffälligkeiten
bei normaler Intelligenz bis zur geistigen Behinderung. Deshalb kann man
formal nicht von dem Autsimus sprechen. Es gibt kein einheitliches Erscheinungsbild.
Jeder Autist ist ein Einzelfall.
Dr. med. Gabriele Schmötzer,
Klinikum der Universität Frankfurt
"Die ersten Stereotypien, die auffallen sind Fingerstereotypien,
da schaut das Kind so durch die Finger und viele Eltern sagen, 'das Kind
macht Schattenspiele', was eigentlich eine ganz gute Erklärung dafür
ist. Das Kind hört aber dann nicht auf, sondern macht immer weiter
und die Stereotypien werden dann zum Teil sehr viel heftiger. Dann bauen
diese Kinder mit der Zeit sehr viele Rituale auf, die den Alltag sehr
stören können. Es muss alles nach derselben Art und Weise ablaufen,
die Zeiten müssen gleich bleiben, die Orte sollten gleich bleiben.
Es gibt Mütter, die berichten, dass das Kind niemals einen anderen
Weg mitgehen wollte, es wollte immer nur nach rechts, niemals nach links
oder das Kind muss immer zu selben Zeit sein Essen haben, sein Bad haben."
Man nimmt an, dass sich hinter
den autistischen Verhaltensweisen der hilflose Versuch verbirgt, jede
noch so geringe Veränderung der Umwelt abzuwehren. Durch die angeborene
Schwierigkeit, Wahrnehmungen und damit Neuigkeiten zu verarbeiten, ist
der Autist gezwungen, sich verzweifelt an feste Ordnungen seiner Umwelt
zu klammern. Dort drohen ihm keine Veränderungen.
Prof. Peter Rödler,
Universität Koblenz :
"Autistische Verhaltensweisen verweisen auf einen Baustein eines
jeden Menschen, nämlich den Wunsch nach Ordnungen. In dem Maße
wie wir sicher sind, können wir neue Dinge integrieren. Bei Studenten
nehme ich oft folgendes Beispiel: Wenn ich jongliere, muss ich den Mut
haben, die Bälle los zu lassen. Das Attraktive, das Lebendige des
Jonglierens sind die Bälle in der Luft. Ich muss natürlich die
Bälle immer wieder fangen und muss auch Erfahrungen haben sie in
der Hand zu haben. Wenn ich aber Angst um den Ball habe, weil er vielleicht
mein einziger ist, dann halte ich ihn immer in der Hand fest und werfe
ihn nicht. D.h. den Ball, also die Ordnungen, haben wir mit den Autisten
gemeinsam, nur wir sind in der Lage damit zu spielen, wir riskieren, dass
mal einer runterfällt und haben dann noch ein paar andere zur Verfügung.
Dadurch entsteht das, was wir Leben nennen, während ein Autist in
gewisser Weise an diesen wenigen gewonnenen Orientierungen festhalten
muss, weil er ansonsten um seine Existenz fürchtet."
Über die Entstehung von
Autismus sind sich klinische Forscher und Pädagogen nicht einig.
Es gibt aber deutliche Anzeichen, dass der Behinderung genetische Ursachen
zu Grunde liegen könnten.
Sven Bölte, Uniklinik
Frankfurt:
"Wir gehen heute davon aus, obwohl das lange bestritten wurde, dass
Autismus genetische Grundlagen hat. Das ist ein Ergebnis von Zwillingsstudien
und Familienstudien seit den 70er Jahren. Wir haben bei eineiigen Zwillingen
eine sehr hohe Konkordanz, was das Erscheinungbild angeht im Vergleich
zu nicht eineiigen Zwillingen. Wir haben in Familien ein erhöhtes
Risiko, dass Autismus auftritt im Vergleich zum allgemeinen Risiko. Allerdings
sind die die molekularbiologischen Untersuchungen nicht konsistent geblieben,
d.h. es gibt noch nicht d a s Autsimus-Gen oder die Autismus-Gene, es
gibt keinen eindeutigen Biologischen Marker für Autismus."
Am Deutschen Krebsforschungszentrum
in Heidelberg laufen die Fäden der klinischen Autismus-Forschung
zusammen. Blutproben aus aller Welt von Familien, in denen Autismus vermehrt
aufgetreten ist, werden hier gesammelt, verwahrt und analysiert. Autismus
tritt bei etwa 10 von 10 000 Personen auf, in der Regel sind Jungen viermal
häufiger betroffen als Mädchen. Die Lösung des Rätsels
Autismus wird im Erbgut, der DNS, gesucht.
Kim Beyer, DKFZ Heidelberg:
"Wir haben hier am DKFZ in unserem Labor bisher über 200 Proben
von Patienten mit Autismus untersucht. Wir versuchen dabei auf molekulargenetischer
Ebene Regionen oder Gene zu finden, die im Zusammenhang mit Autismus stehen
könnten. In internationaler Zusammenarbeit wurden auch schon mehrere
größere Regionen gefunden, in denen Gene liegen könnten,
die mit dem Krankheitsbild Autismus zu tun haben könnten."
Therapeuten und Sonderpädagogen
stehen der Zuversicht der klinischen Forscher kritisch gegenüber.
Eine derart komplexe Wahrnehmungsstörung wie der Autismus kann nicht
nur genetisch bedingt sein:
Prof. Peter Rödler,
Uni Koblenz:
"Gene steuern kein Verhalten. Gene steuern bestimmte körperliche
Zustände und Dispositionen, die dann letztlich zu einen bestimmten
Verhalten führen. Ob es ein einzelnes Gen gibt, was irgendein Problem
bewirkt, was dann das autistische Verhalten auslöst, bezweifel ich
einfach vor dem Hintergrund, der Breite dieser Gruppe, die die verschiedensten
Probleme letztlich repräsentiert. Für ein gewisses Segment ist
das sicherlich möglich. Allerdings nicht ein Gen, sondern es sind
im Moment 8, 9 Gene im Gespräch, die in ihrem Zusammenhang so etwas
bewirken. Aber wie gesagt: sie bewirken immer nur eine körperlich
Disposition und ob dann letztlich jemand dadurch dazu genötigt wird,
autistische Verhaltensweisen zu zeigen hängt dann eben auch von der
Umwelt ab, mit der er zusammen trifft."
Zu unserer Überraschung
geht der autistische Junge unserer Sendung plötzlich auf den Kameramann
zu und nimmt auf erstaunlich intime Weise Kontakt auf. Er benutzt Menschen
als Objekt, klärt uns später der Therapeut auf. Er interessiert
sich nicht für den jeweiligen Menschen an sich. In diesem Fall will
er nur gestreichelt werden, egal von wem.
Sven Bölte, Uniklinik
Frankfurt:
"Ein Autist wird sich so verhalten, wie er die Welt versteht, nach
einem Konzept, das offensichtlich von unserem verschieden ist. In den
allermeisten Fällen ist es so, dass die Betroffenen ein Leben lang
zumindest ein gewisses Maß an Unterstützung brauchen.
Autisten haben große
Probleme beim Erkennen und Bewerten von Gesichtsausdrücken. Sie können
die Stimmungen nicht entschlüsseln, die wir über das Gesicht
vermitteln wollen. Sven Bälte hat am Computer ein Trainungsprogramm erstellt,
mit dem die emotionale Wahrnehmung geübt werden kann. Mit solchen
Therapiemethoden soll die soziale Kompetenz gefördert werden. Die
Hauptaufgabe jeder Therapie besteht aber darin, autistischen Menschen
die Angst vor ihrer Umwelt zu nehmen und damit die Blockade zu lösen.
Prof. Peter Rödler,
Uni Koblenz:
"Ich denke, wenn man autistische Verhaltensweisen verstehen lernt,
dann merkt man diese fatale Wirkung von Angst. Angst führt nämlich
dazu, dass wir uns nicht mehr dem Risiko von Neuem hinwenden und uns grundsätzlich
auf Bekanntes beziehen. Je ängstlicher wir werden, desto weniger
sind wir flexibel. Und je mehr ich Angst reduzieren kann in entsprechender
Umgebung, je mehr wird es auch dem Autisten möglich das Risiko des
Lebens, das Risiko der Flexibilität auf sich zu nehmen."
Nach 43 Minuten wird der Junge
unruhig und möchte gehen. Der vorher festgelegte Rahmen von 45 Minuten
muss aber eingehalten werden. Der Therapeut besteht deshalb darauf, den
Jungen bis zum Schluss im Raum zu halten. Eine Therapie wie diese bewegt
sich immer in winzigen Schritten auf das Ziel hin, den Autisten Verhaltensweisen
beizubringen, mit denen sie in unserer Welt besser zurecht kommen. Heilen
wird man sie wohl nie können. Sie werden immer Autisten bleiben und
müssen als solche akzeptiert werden.
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