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Archimède 25. Januar 2000

 

Porträt: Günter Blobel

Seit über dreißig Jahren lebt und arbeitet er in New York: Der deutsche Professor Günter Blobel, der im Herbst vergangenen Jahres den Nobelpreis für Medizin gewann.

Die Straßen Manhattans mit dem Central Park als Kern sind fast eine Metapher auf die Ordnung in einer menschlichen Körperzelle. Die Zelle und jene komplizierten Vorgänge, die sich in ihrem Inneren abspielen, sind das, was Günter Blobel seit 30 Jahren interessiert. Damals kam er in die USA - zunächst in den Bundesstaat Wisconsin und dann bald an die Rockefeller-Universität in New York. Warum lässt sich hier noch immer anders forschen als in Deutschland?

Günter Blobel:
"Es gibt in Deutschland immer noch die Grenzen von Departments. Die gibt es auch hier in Amerika, nur an dieser Rockefeller Universität ist es besonders günstig, weil es hier keine Departments gibt, sondern nur Laboratorien. Es gibt dadurch mehr Flexibilität. Man kann neue Sachen schneller kombinieren, zum Beispiel Computer Science mit Biologie, das kann man ganz schnell entwickeln. Das würde in Deutschland in einem konventionellen Institut wahrscheinlich schwieriger sein. "

In einer menschlichen Körperzelle mit ihrem Kern, ihren Kammern, Schluchten und Verkehrswegen müssen viele Signalstoffe zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um das reibungslose Funktionieren zu sichern. Blobel hat diese Stoffe im Labor isoliert und er konnte zeigen, auf welche Weise sie sich in der Zelle bewegen und schließlich nach einem ausgetüftelten Plan an ihren Bestimmungsort gelangen.

Für seine Arbeiten bekam er vor dem Nobelpreis schon den begehrten Lasker-Preis. Seine Arbeiten, die zum Nobelpreis führten, begannen in den siebziger Jahren. Was heute längst gesichertes Wissen ist, gehörte damals noch in den Bereich der Spekulation. Aber Blobel glaubte daran, dass eine Milliarde Proteine, also die Eiweißstoffe, die in der Zelle für die Übertragung von Informationen zuständig sind, nach einem ganz genauen Plan arbeiten.

Günter Blobel:
"Und diese Milliarde von Proteinmolekülen, die fallen ungefähr in 20.000 Gruppen. Es gibt also eine bestimmte Anzahl an Proteinen von Insulin, und soundso viel andere von einem anderen Protein in der Zelle. Und die werden ständig neu produziert, weil manche von diesen Proteinen nur für einige Minuten leben, dann werden sie abgebaut. Andere leben Monate. Das heißt, die Zelle muss ständig neue Proteine machen und sie muss sie auch an die richtigen Adressen in der Zelle schicken, denn wenn das nicht klappt, dann können die Proteine nicht funktionieren."

Ein bestimmtes Passwort erlaubt Signalstoffen den Zutritt zum Zellkern, ein anderes gibt ihnen den Weg in die Äußere Zelle frei, zu den sogenannten Mitochondrien.

Günter Blobel:
"Wollen wir mal die Nummern 1, 4, 5 und 6 annehmen - die Nummer 1456 bildet eine Postleitzahl, man kann sich aber auch die Nummer 1564 vorstellen, das wäre wieder eine andere Postleitzahl. Durch die Kombination von Aminosäuren bekommen Sie einen bestimmten Charakter für jedes von diesen Signalpeptiden. Es gibt ungefähr vier Dutzend Signalpeptide, die also an bestimmte Adressen in den Zellen gerichtet sind. Die Postleitzahl auf einem Brief muss ja gelesen werden von jemandem, der dann den Brief nimmt und ihn nach Hamburg schickt. Das ist genauso auch in der Zelle.
Wenn Sie also eine Postleitzahl haben, die an das endoplasmatische Retikulum gerichtet ist, brauchen Sie jemanden in der Zelle, der diese Postleitzahl interpretiert. Und da gibt es, das haben wir entdeckt, ein Partikel, das aus ANS und Protein aufgebaut ist, das Signal Recognition Particle, das Signalerkennungspartikel. Und dieses Partikel, das erkennt das Signalpeptid und bindet sich an das Signalpeptid. Und dadurch wird das Signalpeptid erst erkannt. "

Der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche ist für Günter Blobel zu einem wichtigen Teil seines Lebens außerhalb der Wissenschaft geworden. Fast sein gesamtes Preisgeld von 1,8 Millionen Mark spendet er für die Frauenkirche und die Dresdner Synagoge. Um in den USA Gelder zu sammeln, gründete er schon vor fünf Jahren den Verein "Friends of Dresden".

Günter Blobel:
"Ich habe Dresden zum ersten Mal gesehen als ich achteinhalb Jahre war, auf der Flucht von Schlesien - wir wohnten in Schlesien in einem kleinen Dorf, Waltersdorf bei Sprottau, westlich der Oder gelegen - und wir sind damals vor der einmarschierenden Roten Armee geflüchtet. Und wir sind zuerst nach Dresden gefahren. Ich hatte nie eine große Stadt gesehen und als wir oben auf dem Weißen Hirsch ankamen, stiegen wir aus dem Auto aus - meine Vater war Tierarzt und deshalb hatten wir noch ein Auto zur Verfügung - stiegen wir aus dem Auto aus und da sagte meine Mutter: "Das ist Dresden!" Also ich hatte noch nie eine Stadt gesehen, erstmal so groß und zweitens so phantastisch mit diesen ganzen Türmen und ich entsinne mich noch an diese große steinerne Glocke der Frauenkirche, das war ein unwahrscheinlicher Eindruck. Und als wir dann in die Stadt reinfuhren über die Augustusbrücke, wurde der ganze Eindruck noch vergrößert, die Türme wurden noch größer, noch höher und wir sahen die wunderschönen alten Barockhäuser... Und vier oder fünf Tage später haben wir dann im Feuerschein gesehen, wie diese Stadt niederbrannte.
Das nächste Mal habe ich die Stadt wiedergesehen Ende Mai, als wir versucht haben, mit einem Treck von Bauern, die in unserem Dorf lebten, wieder zurück nach Schlesien zu gehen. Und dann kamen wir wieder durch Dresden und da waren nur noch Trampelpfade zwischen Ruinen, fürchterlich. Damals habe ich dann den Entschluss gefasst, als Achteinhalbjähriger, wenn ich da mal helfen kann, diese Stadt wieder aufzubauen, dann werde ich das tun. Und dieser Wunsch ist das ganze Leben geblieben. "

In seinem New Yorker Alltag ist Günter Blobel umgeben von den Kathedralen des Kapitalismus. Auch die Ergebnisse seiner Forschungen werden längst kommerziell genutzt. Sie haben unter anderem der Gentherapie neue Perspektiven eröffnet. Die großen Pharmakonzerne versprechen sich in Zukunft Milliardenumsätze davon. Aber das ist nicht alles.

Günter Blobel:
"Wirtschaftlich ist die Forschung, die wir gemacht haben, auch wichtig geworden. Wenn ich meine Forschungsergebnisse patentiert hätte, da hätte ich die Frauenkirche alleine wieder aufbauen können.
Die Produktion von diesen Proteinmolekülen liegt in Bakterien. Viele von diesen therapeutisch wichtigen Proteinmolekülen, zum Beispiel Insulin, was früher mal aus dem Schlachthof von irgendwelchen Tieren gewonnen worden ist, wird heute in Bakterien hergestellt. Und man benutzt dann auch die Postleitzahlen um das Insulin aus den Bakterien herauszubekommen.

Und auf diese Weise werden auch verschiedene andere Proteinarzneimittel gewonnen. Das Erythropoietin zum Beispiel wird gegeben zur Ansteuerung der Formation von roten Blutzellen, was besonders bei der Nierendialyse genutzt wird.

  © 1999 ARTE G.E.I.E