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Porträt:
Günter Blobel
Seit über dreißig
Jahren lebt und arbeitet er in New York: Der deutsche Professor Günter
Blobel, der im Herbst vergangenen Jahres den Nobelpreis für Medizin
gewann.
Die Straßen Manhattans
mit dem Central Park als Kern sind fast eine Metapher auf die Ordnung
in einer menschlichen Körperzelle. Die Zelle und jene komplizierten
Vorgänge, die sich in ihrem Inneren abspielen, sind das, was Günter
Blobel seit 30 Jahren interessiert. Damals kam er in die USA - zunächst
in den Bundesstaat Wisconsin und dann bald an die Rockefeller-Universität
in New York. Warum lässt sich hier noch immer anders forschen als
in Deutschland?
Günter Blobel:
"Es gibt in Deutschland immer noch die Grenzen von Departments. Die
gibt es auch hier in Amerika, nur an dieser Rockefeller Universität
ist es besonders günstig, weil es hier keine Departments gibt, sondern
nur Laboratorien. Es gibt dadurch mehr Flexibilität. Man kann neue
Sachen schneller kombinieren, zum Beispiel Computer Science mit Biologie,
das kann man ganz schnell entwickeln. Das würde in Deutschland in
einem konventionellen Institut wahrscheinlich schwieriger sein. "
In einer menschlichen Körperzelle
mit ihrem Kern, ihren Kammern, Schluchten und Verkehrswegen müssen
viele Signalstoffe zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um das reibungslose
Funktionieren zu sichern. Blobel hat diese Stoffe im Labor isoliert und
er konnte zeigen, auf welche Weise sie sich in der Zelle bewegen und schließlich
nach einem ausgetüftelten Plan an ihren Bestimmungsort gelangen.
Für seine Arbeiten bekam
er vor dem Nobelpreis schon den begehrten Lasker-Preis. Seine Arbeiten,
die zum Nobelpreis führten, begannen in den siebziger Jahren. Was
heute längst gesichertes Wissen ist, gehörte damals noch in
den Bereich der Spekulation. Aber Blobel glaubte daran, dass eine Milliarde
Proteine, also die Eiweißstoffe, die in der Zelle für die Übertragung
von Informationen zuständig sind, nach einem ganz genauen Plan arbeiten.
Günter Blobel:
"Und diese Milliarde von Proteinmolekülen, die fallen ungefähr
in 20.000 Gruppen. Es gibt also eine bestimmte Anzahl an Proteinen von
Insulin, und soundso viel andere von einem anderen Protein in der Zelle.
Und die werden ständig neu produziert, weil manche von diesen Proteinen
nur für einige Minuten leben, dann werden sie abgebaut. Andere leben
Monate. Das heißt, die Zelle muss ständig neue Proteine machen
und sie muss sie auch an die richtigen Adressen in der Zelle schicken,
denn wenn das nicht klappt, dann können die Proteine nicht funktionieren."
Ein bestimmtes Passwort erlaubt
Signalstoffen den Zutritt zum Zellkern, ein anderes gibt ihnen den Weg
in die Äußere Zelle frei, zu den sogenannten Mitochondrien.
Günter Blobel:
"Wollen wir mal die Nummern 1, 4, 5 und 6 annehmen - die Nummer 1456
bildet eine Postleitzahl, man kann sich aber auch die Nummer 1564 vorstellen,
das wäre wieder eine andere Postleitzahl. Durch die Kombination von
Aminosäuren bekommen Sie einen bestimmten Charakter für jedes
von diesen Signalpeptiden. Es gibt ungefähr vier Dutzend Signalpeptide,
die also an bestimmte Adressen in den Zellen gerichtet sind. Die Postleitzahl
auf einem Brief muss ja gelesen werden von jemandem, der dann den Brief
nimmt und ihn nach Hamburg schickt. Das ist genauso auch in der Zelle.
Wenn Sie also eine Postleitzahl haben, die an das endoplasmatische Retikulum
gerichtet ist, brauchen Sie jemanden in der Zelle, der diese Postleitzahl
interpretiert. Und da gibt es, das haben wir entdeckt, ein Partikel, das
aus ANS und Protein aufgebaut ist, das Signal Recognition Particle,
das Signalerkennungspartikel. Und dieses Partikel, das erkennt das Signalpeptid
und bindet sich an das Signalpeptid. Und dadurch wird das Signalpeptid
erst erkannt. "
Der Wiederaufbau der Dresdner
Frauenkirche ist für Günter Blobel zu einem wichtigen Teil seines
Lebens außerhalb der Wissenschaft geworden. Fast sein gesamtes Preisgeld
von 1,8 Millionen Mark spendet er für die Frauenkirche und die Dresdner
Synagoge. Um in den USA Gelder zu sammeln, gründete er schon vor
fünf Jahren den Verein "Friends of Dresden".
Günter Blobel:
"Ich habe Dresden zum ersten Mal gesehen als ich achteinhalb Jahre
war, auf der Flucht von Schlesien - wir wohnten in Schlesien in einem
kleinen Dorf, Waltersdorf bei Sprottau, westlich der Oder gelegen - und
wir sind damals vor der einmarschierenden Roten Armee geflüchtet.
Und wir sind zuerst nach Dresden gefahren. Ich hatte nie eine große
Stadt gesehen und als wir oben auf dem Weißen Hirsch ankamen, stiegen
wir aus dem Auto aus - meine Vater war Tierarzt und deshalb hatten wir
noch ein Auto zur Verfügung - stiegen wir aus dem Auto aus und da
sagte meine Mutter: "Das ist Dresden!" Also ich hatte noch nie
eine Stadt gesehen, erstmal so groß und zweitens so phantastisch
mit diesen ganzen Türmen und ich entsinne mich noch an diese große
steinerne Glocke der Frauenkirche, das war ein unwahrscheinlicher Eindruck.
Und als wir dann in die Stadt reinfuhren über die Augustusbrücke,
wurde der ganze Eindruck noch vergrößert, die Türme wurden
noch größer, noch höher und wir sahen die wunderschönen
alten Barockhäuser... Und vier oder fünf Tage später haben
wir dann im Feuerschein gesehen, wie diese Stadt niederbrannte.
Das nächste Mal habe ich die Stadt wiedergesehen Ende Mai, als wir
versucht haben, mit einem Treck von Bauern, die in unserem Dorf lebten,
wieder zurück nach Schlesien zu gehen. Und dann kamen wir wieder
durch Dresden und da waren nur noch Trampelpfade zwischen Ruinen, fürchterlich.
Damals habe ich dann den Entschluss gefasst, als Achteinhalbjähriger,
wenn ich da mal helfen kann, diese Stadt wieder aufzubauen, dann werde
ich das tun. Und dieser Wunsch ist das ganze Leben geblieben. "
In seinem New Yorker Alltag
ist Günter Blobel umgeben von den Kathedralen des Kapitalismus. Auch
die Ergebnisse seiner Forschungen werden längst kommerziell genutzt.
Sie haben unter anderem der Gentherapie neue Perspektiven eröffnet.
Die großen Pharmakonzerne versprechen sich in Zukunft Milliardenumsätze
davon. Aber das ist nicht alles.
Günter Blobel:
"Wirtschaftlich ist die Forschung, die wir gemacht haben, auch wichtig
geworden. Wenn ich meine Forschungsergebnisse patentiert hätte, da
hätte ich die Frauenkirche alleine wieder aufbauen können.
Die Produktion von diesen Proteinmolekülen liegt in Bakterien. Viele
von diesen therapeutisch wichtigen Proteinmolekülen, zum Beispiel
Insulin, was früher mal aus dem Schlachthof von irgendwelchen Tieren
gewonnen worden ist, wird heute in Bakterien hergestellt. Und man benutzt
dann auch die Postleitzahlen um das Insulin aus den Bakterien herauszubekommen.
Und auf diese Weise werden
auch verschiedene andere Proteinarzneimittel gewonnen. Das Erythropoietin
zum Beispiel wird gegeben zur Ansteuerung der Formation von roten Blutzellen,
was besonders bei der Nierendialyse genutzt wird.
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