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Archimède

08. Februar 2000




 

Geologische Führung

Maurice Mattauer
Ich lade Sie zu einer kleinen geologischen Führung ein. Wir befinden uns hier in Saint Chignan, im Departement l'Hérault, an den Ausläufern des Zentralmassivs. Wir wollen nach Norden in Richtung dieser Gebirgskette aufbrechen, wo wir auf sehr alte Sedimentschichten aus dem Paläozoikum stoßen werden, deren geologische Verformungen von ganz besonderem Interesse sind.

Vor uns sehen wir mehrere Lagen Schichtgestein, die sich übereinandertürmen und nach links geneigt sind. Diese Sedimente wurden im Meer in verschiedenen zeitlich aufeinander folgenden Phasen abgelagert. Es sind deutlich drei übereinander liegende Schichten zu erkennen. Die oberste besteht aus Meeres-Sedimenten, dem so genannten Dolomit. Darunter ist eine hellere Lage zu sehen, das ist Kalkgestein. Und die untere Schicht - weiter rechts - besteht aus Schiefer. Man kennt das Alter der verschiedenen Schichten. Die oberste ist ungefähr 530 Millionen Jahre alt, die mittlere etwa 510 Millionen und die unterste 500 Millionen Jahre. Das stellt uns vor ein Problem: Die 530 Millionen Jahre alte Schicht oben, ganz unten die 500 Millionen Jahre alte und in der Mitte die 510 Millionen Jahre alte Schicht. In einer normalen stratigraphischen Ordnung liegt die älteste Schicht unten und die jüngeren Schichten darüber. Hier ist es genau umgekehrt. Ganz offensichtlich wurde in diesem Massiv das unterste nach oben gekehrt. Um diesen Umstand zu verstehen, wollen wir den Schnitt durch diese Gesteinsschichten weiter verfolgen. Die nächste Lage ist jünger und stammt nicht mehr aus dem Kambrium, sondern dem so genannten Ordovizium. Diese Schichten neigen sich ganz gleichmäßig in Richtung Norden, bis in das Gebiet von St. Chignan. Hier liegen also 500 bis 530 Millionen Jahre alte Schichten auf Sedimenten, die zwischen 500 und 470 Millionen Jahre alt sind, das bedeutet, das Felsgestein aus dem Kambrium ruht hier auf den geologisch jüngeren Schichten des Ordoviziums. Und diese Umkehrung besteht nicht etwa nur auf einer Länge von einigen Hundert Metern sondern erstreckt sich über mehrere Kilometer. Die einzige Möglichkeit zur Erklärung dieses Phänomens bietet eine geologische Faltung. Wir müssen davon ausgehen, dass wir hier eine riesige liegende Falte vor uns haben. Und so entsteht eine solche Faltung: Die ursprüngliche Basis der Sedimente bilden die Dolomitschichten, darüber liegen dann Kalk- und Schiefergestein. Nun wird das gesamte System zusammengepresst; nach und nach bildet sich eine Falte aus. Wenn sich der Druck weiter verstärkt, entsteht eine liegende Falte. Als sich durch den Druck dann diese Bergkette herausbildete, entstanden Reliefs. Diese Reliefs sind im Laufe der Zeit erodiert, und nach und nach wurde der obere Teil der Falte abgetragen... Dieser ganze Bereich hier wurde herausgewaschen und in alle Winde zerstreut. Von der ursprünglichen Falte ist nur noch dieser Teil hier übrig geblieben. Wenn ich die Falte hier in Gedanken verlängere, kann man erkennen, dass die ältesten Schichten ganz hoch oben auf der Bergspitze liegen. Hier das Dolomitgestein; diese nach unten gedrehte Schicht ist das Kalkgestein... und schließlich die Lage aus Schiefer und Sandstein. Der Querschnitt befindet sich hier zwischen Poussaroux und St. Chignan. So wird deutlich, dass der Teil der Falte, der einst hoch in den Himmel ragte, durch eine beträchtliche Erosion des gesamten Zentralmassivs abgetragen wurde.
Durch diese Bewegung des Zentralmassivs ist die liegende Falte entstanden, mit der wir uns hier befassen - ein sehr schönes Beispiel für die Existenz dieser tektonischen Phänomene.

Dies hier sind ruhende Sedimente, auch wenn sie sozusagen umgestülpt wurden. Sie sind Teil einer tektonischen Platte, die sich über Tausende von Kilometern hinweg nach Norden schob, bevor sie zusammengedrückt und gefaltet wurde. Sie hat sicher mehr als 5000 Kilometer zurückgelegt. Wir sind hier jetzt in der Mitte unseres Querschnitts angekommen und stehen vor den Sand-Schiefer-Formationen aus dem Ordovizium. Wir wollen uns diesen Sandstein etwas genauer anschauen und zeigen, dass durch die Faltung wirklich seine unteren Schichten nach oben gekehrt wurden. Diese Schwellungen hier entsprechen eigentlich der Unterseite eines solchen Felsgesteins und stammen von Sandeinlagerungen, die sich auf die Tonschichten gesetzt haben. Das Gewicht der Sedimente hat bizarre Muster entstehen lassen. Welcher Unterschied zwischen dem oberen und dem unteren Teil einer solchen Schicht besteht, lässt sich anhand dieses kleinen Sandsteinblocks gut veranschaulichen. Genau wie der große Felsen aus Sandstein, den wir eben gesehen haben, weist auch er diese Unebenheiten auf der Unterseite auf. Die obere Seite hingegen ist glatt, auf ihr sind lediglich die Spuren zu erkennen, die Tiere auf dem Sand hinterlassen haben. Die Ober- und die Unterseite eines solchen Felsens sehen also völlig unterschiedlich aus. Damit haben wir die Möglichkeit nachzuprüfen, ob die Schichten hier ganz normal ausgerichtet sind - dann müssten sie so liegen - oder ob ihre Unterseite nach oben gedreht wurde, und zwar durchgängig auf einer Breite von mehreren Kilometern.

Diese kleinen Falten sind ein Abbild der großen Faltung, mit der wir uns bisher befasst haben. Man muss diese Arbeit auf jeden nur erdenklichen Maßstab ausdehnen, ausgehend von detaillierten Beobachtungen am Straßenrand über die Vorstellung einer großen geologischen Faltung, die sich teilweise im Boden und teilweise oberirdisch vollzieht, bis hin zu Strukturen, wie sie beim Zusammenstoß von tektonischen Platten entstehen; wie hier im Zentralmassiv, wo sich zwei Platten übereinander geschoben und die Erdrinde beträchtlich verformt haben. Etwas Ähnliches geschieht heute am Himalaya, wo sich Indien unter den Himalaya und das Tibetgebiet schiebt.

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