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Archimède

08. Februar 2000


Links und Adressen zum Thema

Institut National de la Recherche Agronomique (INRA)
147, rue de l'Université
75338 Paris CEDEX 07

Laboratoire de recherches de Technologie laitière
INRA 65, rue de Saint-Brieuc 35042 Rennes cedex
Tél. : 0223485322
Télécopie : 0223485350

 

Supercamembert

Ist es möglich, einen Camembert herzustellen, dessen Geschmack den besten Rohmilch-Camemberts aus nicht maschineller Produktion in keiner Weise nachsteht, den strengen Gesundheitsnormen des Lebensmittelgesetzes genügt und gleichzeitig nicht mehr kostet als ein herkömmliches industriell erzeugtes Produkt aus pasteurisierter Milch?

Bertrand Gillot
Hinsichtlich des Geschmacks kann man sich fragen, worin der Unterschied zwischen einem Camembert aus pasteurisierter Milch und einem Rohmilch-Camembert besteht. Bei einem pasteurisierten Camembert wird zunächst die natürliche Milchflora völlig zerstört. Danach erhitzt - also denaturiert - man die Milch und setzt ihr eine künstliche Flora zu, die äußerst arm an Fermenten ist - sie besteht nur aus etwa einem Dutzend verschiedenen Fermentstämmen. Bei einem Käse aus natürlicher Rohmilch hingegen wird die Milch nicht erhitzt - es findet also keine Zerstörung der Flora statt - sondern man lässt die vielen zehntausend verschiedenen Fermentstämme, die in der unbehandelten Milch enthalten sind, gären und reifen. Bis heute scheiterten alle Versuche, die natürliche Milchflora künstlich zu erzeugen und so den echten Geschmack eines traditionell hergestellten Rohmilch-Camemberts zu erreichen.

Dennoch hat ein Team des Nationalen Instituts für agronomische Forschung versucht, neue Wege zu beschreiten. Hier impft man die über einen Mikrofilter gereinigte Milch mit Bakterien und erzeugt so eine dritte Sorte Camembert.

Jean-Louis Maubois
Wir befinden uns hier in einem Labor des I.N.R.A. [des Nationalen Instituts für agronomische Forschung] in Rennes, in dem das Pilotprojekt zur Erforschung neuer Technologien im Bereich Milchverarbeitung durchgeführt wird. Hier wurde das Verfahren der Mikrofiltration entwickelt. Dazu verwendet man eine Membran aus Keramik, die mit einem mikroskopisch feinen Sieb vergleichbar ist. Diese Membran wird in eine Apparatur eingesetzt; die Milch fließt durch den Schlauch und durchläuft nun zunächst die Membran. Diese so genannte mikrofiltrierte Milch ist jetzt frei von Mikroorganismen.
Der Vorteil dieser Technologie ist, dass bei diesem Vorgehen die Milch auf sehr niedriger Temperatur gehalten werden kann und ihre Bestandteile dabei keinen Schaden nehmen. In diesem Behälter wird das Bakteriengemisch aufgefangen, in dem alle in der Milch vorhandenen Mikroorganismen konzentriert sind.
Die Bakterien werden von der Membran zurückgehalten und herausgefiltert. Die kleineren Bestandteile der Milch hingegen können das 1,4 Mikrometer feine Sieb ungehindert passieren. Das Ergebnis ist eine bakterienfreie - oder anders ausgedrückt - mikrofiltrierte Milch.

Jean-Yves Gassi
Dieser mikrogefilterten Milch wurde pasteurisierte Sahne mit einem Fettgehalt von 28 Gramm pro Liter beigemischt. Das entspricht dem Standard. Danach haben wir das Ganze mit einem komlexen Bakterienstamm geimpft, in dem sich sowohl Milchbakterien zur Säurebildung als auch Fermente für den Reifeprozess befinden.

Nun setze ich der Milch Lab zu. Dadurch bekommt die flüssige Milch eine feste Konsistenz. Wir durchlaufen diese Phase der Herstellung, um den industriellen Fabrikationsprozess nachzubilden. Nun wird die geronnene Milch - der so genannte Bruch - in Würfel geschnitten. Dort sieht man, wie die Molke langsam heraustritt. Der in Würfel geschnittene Bruch wird nun sorgfältig durchgerührt, um die geronnene Milch wieder zu verflüssigen. Mit Hilfe dieser Apparatur wird die Masse gleichmäßig in die einzelnen Formen verteilt. Danach wird der Käse gedreht, damit er eine einheitliche Form und eine schöne Haut bekommt.

Jean-Louis Maubois
Diese beiden Käse sind etwa bei einem Drittel ihres Reifungsprozesses angelangt, das heißt, sie haben ein Alter von sieben Tagen erreicht. Und wenn man sich ein wenig näher anschaut, was in den sieben Tagen passiert ist, erkennt man die für einen Camembert so typische Schimmelbildung, das Penicillium. Außerdem wird unter dieser Schicht langsam eine feste Struktur sichtbar. In dieser Phase des Reifungsprozesses enthält der Camembert eine äußerst komplexe Flüssigkeit, bestehend aus löslichen Milchbestandteilen und einer Vielzahl von Molekülen, die sich im Laufe der Reifung herausbilden. Die Zusammensetzung dieser Flüssigkeit im Innern des Camemberts verändert sich ständig. Dieser Sachverhalt war dann Ausgangspunkt für unsere Idee, dem Camembert die Flüssigkeit zu entziehen. Wir nennen sie "den Saft", um so ganz deutlich auf die äußerst komplexen Mechanismen eines solchen Reifungsprozesses hinzuweisen.

Rachel Boutrou
Zur Herstellung eines solchen Extrakts haben wir einen sieben Tage gereiften Camembert zunächst tiefgefroren. In diesem Zustand lässt er sich ganz fein raspeln.
Nun vermischen wir ihn mit diesem ganz besonders feinkörnigen Fontainebleau-Sand. Der Sand dient als eine Art Schleifmittel und erhöht die Qualität der feingeraspelten Camembert-Masse. Unser Gemisch aus Käseraspeln und Sand geben wir in eine Form und schlagen das Ganze sorgfältig mit einem Tuch ein. Dann schließen wir den Behälter und stellen ihn in eine hydraulische Presse. Der Druck im Innern der Form steigt ganz langsam an - das dauert ungefähr drei Stunden - bis schließlich ein maximaler Druck von 50 Kilogramm pro Quadratzentimeter erreicht ist.

Jean-Louis Maubois
Dieser frische Saft wird in einem Ragenzglas aufgefangen. Er duftet nach reifem Camembert, und es ist sehr schade, dass die Leser diese Mannigfaltigkeit an Gerüchen nicht wahrnehmen können, denn hier ist wirklich das ganze Aroma eines Camembert enthalten. Aber dieser Saft kann lediglich für eine chemische Analyse herangezogen werden. Dazu haben wir eine kleine Probe des Extrakts gefiltert und erhalten eine völlig klare Flüssigkeit, mit der wir nun die Analyse durchführen und die Inhaltsstoffe charakterisieren können. Dabei gehen wir in zwei Schritten vor.

Anne Thierry
Zunächst werden die flüchtigen Bestandteile des Saftes analysiert. Das sind die Komponenten, die Sie wahrnehmen, wenn Sie an einem Camembert riechen oder ein Stück davon essen. Das ist das so genannte Produktaroma. Wir bedienen uns hier eines chromatographischen Verfahrens, das mit Hilfe eines so genannten "Head space" arbeitet. Dabei werden die flüchtigen Inhaltsstoffe des Extrakts mit einem Gas vermischt und darin eingeschlossen. Dieses Stoffgemisch wird nun dem eigentlichen Chromatographen zugeleitet; mit Hilfe eines Massespektrometers werden die einzelnen Anteile registriert und identifiziert.
Auf dem Chromatogramm eines Camemberts gibt es neben großen, deutlich sichtbaren Peaks noch eine Vielzahl von Bestandteilen, die man erst bei entsprechender Vergrößerung erkennen kann. Die geschmackliche Wahrnehmung der einzelnen Komponenten hängt aber nicht unmittelbar mit der Größe dieser Peaks zusammen, auch sehr schwach konzentrierte Inhaltsstoffe können eine große Rolle spielen. Der Geschmack des Produkts resultiert aus der Summe aller Einzelbestandteile, wobei ein ausgewogenes Verhältnis aller vorhandenen Moleküle von ganz entscheidender Bedeutung ist. Es ist ähnlich wie bei einem Wein: Wenn man eine bestimmte Geschmacksnote hervorhebt und dafür eine andere vernachlässigt, bringt man die gesamte Struktur des Produkts aus dem Gleichgewicht. Besonderes wichtig bei einem Camembert ist das Knoblaucharoma, ein starker, würziger Geruch oder auch die etwas leichteren fruchtigen Geschmacksnuancen.

Jean-Louis Maubois
Das eigentliche Kriterium zur Charakterisierung des Camemberts ist letztlich sein Geschmack - und das ist schließlich für den Verbraucher am wichtigsten. Unser Geschmackstest besteht aus drei Proben, wobei die Testpersonen einen Käse aus mikrofiltrierter Milch mit einem herkömmlichen Rohmilch-Camembert vergleichen müssen. Der Test wird unter Rotlicht durchgeführt. Das dient dazu, mögliche Unterschiede im Aussehen der beiden Sorten zu verwischen. Ich erwähnte ja schon, dass jeder Tester drei Proben vor sich hat, wobei jeweils zwei von derselben Käsesorte stammen. Wenn die Tester, deren Zahl für ein repräsentatives Ergebnis möglichst hoch sein sollte, die beiden Proben derselben Sorte erkennen und von der dritten unterscheiden können, ist das ein Zeichen dafür, dass es zwischen den beiden Camemberts noch geschmackliche Unterschiede gibt. Wenn sie sich hingegen täuschen lassen, sind diese Unterschiede nicht mehr vorhanden und unser Produkt aus mikrofiltrierter Milch schmeckt genauso wie der Rohmilch-Camembert. Der Bakterienstamm, der unserem Camembert zugesetzt wird, ist das Ergebnis einer dreijährigen Forschungsarbeit.

Jean-Louis Maubois
Der Vergleich zeigt, dass beide Camembertsorten noch leicht unterschiedlich schmecken, aber dass wir nicht mehr weit von unserem Ziel entfernt sind. Wir werden noch einige Wochen oder Monate an der Verfeinerung unseres Bakterienstammes weiterarbeiten müssen. Dies ist also das Ergebnis aus mehr als drei Jahren Forschungsarbeit, und das für eine einzige Käsesorte - den Camembert. Wollten wir auf alle 400 in Frankreich hergestellten Käsesorten diese Technologie anwenden, hätten wir ungefähr tausend arbeitsreiche Jahre vor uns.

  © 1999 ARTE G.E.I.E