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Archimède

17. Juli 2001


 

Marmelade? Schokolade?

Sind Affen in der Lage, soziale Verhaltensweisen zu erlernen? Können sie untereinander Informationen austauschen?

Im Zentrum für Primatologie der Universität Louis Pasteur in Strasbourg untersucht eine Forschergruppe die Verhaltensmechanismen von Affen. Dazu werden eine Reihe von Versuchen durchgeführt, die Aufschluss darüber geben sollen, ob zwischen den Tieren - in diesem Falle Javaneraffen - tatsächlich ein Informationsaustausch stattfindet.

Bernard Thierry
Unser Versuch soll zeigen, ob die Tiere in der Lage sind, sich bezüglich ihrer physikalischen Umwelt mitzuteilen. Wenn beispielsweise in der Natur ein Baum reife Früchte trägt und eines der Tiere diese Nahrungsquelle entdeckt, kann dann sein Artgenosse erkennen, dass der andere diese reifen Früchte gefunden hat?
Diese Tiere sind in Halbfreiheit aufgewachsen. Sie leben in zwei bewaldeten Parks von jeweils einem halben Hektar Größe, die über Gitterkäfige miteinander verbunden sind. Diese bestehen aus drei Feldern, die mit Fallen ausgestattet sind, damit wir die Tiere für unsere Versuche auswählen können. Diese Bedingungen eignen sich hervorragend, um so genannte "Versuche auf freiem Gelände" durchzuführen. Für solche Versuche halten wir die Gruppen zusammen und locken sie in einen der beiden Parks. Dort beobachten wir dann das Verhalten einzelner Tiere.
Maud versucht gerade, die Aufmerksamkeit der Tiere auf die Früchte zu lenken, damit wir sie alle zusammen in den Park hineinführen können. Damit leeren wir den Versuchskäfig, vorausgesetzt, die Affen folgen uns. Um sie anzulocken, werfen wir ihnen kleine Apfelstückchen zu. Wir lassen die gesamte Gruppe aus dem Käfig und behalten nur die Tiere, die für uns von Interesse sind. Némo und Ianek sind die beiden, die wir für den Versuch ausgewählt haben.

Maud Drapier
Wir trennen die beiden nun. Das erwachsene Männchen kommt in den kleinen Käfig, und das junge Tier in den anderen, den wir an einer Seite geschlossen haben, damit der Affe nicht sieht, was im Park vor sich geht.

Bernard Thierry
Um eine Situation nachzubilden, wie sie in der Natur vorkommen könnte, haben wir junge Männchen in den Park gelassen, wo sie entweder einen Topf Marmelade finden können oder - an einem anderen Ort - einen Vorrat Schokolade. Das Experiment besteht darin, dass einer der Artgenossen sich zum Beispiel an der Konfitüre gütlich tut und danach wieder zu seinem Partner - also unserem Versuchsobjekt - zurückkehrt. Diesen lassen wir, nachdem er an der Schnauze des anderen Tieres geschnuppert hat, ebenfalls in den Park und schauen, ob er direkt den Platz ansteuert, an dem er die Nahrung finden kann, deren Witterung er soeben aufgenommen hat.
Wir lassen Némo jetzt hinaus; er ist unser Informationsbote. Er geht auf Nahrungssuche. Ianek ist derjenige, der die Informationen erhalten soll. Jetzt wird Némo von Maud in den Käfig zurückgelockt. Das ist nun der entscheidende Moment unseres Experiments. Wir lassen Ianek hinein und warten, ob er an der Schnauze von Némo schnuppern wird, um zu erfahren, was dieser gefressen hat. Das ist natürlich der heikelste Moment. Das Beschnuppern geschieht nicht sofort, und wenn es zu keinem Informationsaustausch kommt, kann unser Experiment nicht stattfinden.

Maud Drapier
Wir lassen Ianek jetzt frei. Dort drüben ist der Topf mit Schokolade und hier der Ort mit der Marmelade. Némo hat Marmelade gefressen, und Ianek hat diesen Geruch aufgenommen. Er hat die Information seines Artgenossen erhalten und ist auf direktem Weg an den Ort mit der Marmelade gelaufen, deren Geruch er zuvor an der Schnauze von Némo gewittert hat!

Bernard Thierry
Dieser Test war erfolgreich. Das reicht aber noch nicht aus, um daraus gesicherte Schlussfolgerungen zu ziehen, denn die Chancen des Tieres, den Topf zu finden oder nicht lagen bei 50 zu 50. Wir müssen also eine Vielzahl solcher Versuche machen, um statistische Vergleiche anstellen zu können. Sollten diese Tests überwiegend erfolgreich verlaufen, ist das ein Beleg dafür, dass ihr Ergebnis nicht zufällig, sondern aufgrund eines Informationsaustausches zustande gekommen ist. Unsere Experimente machen deutlich, wie wichtig es für die sozialen Gruppen der Primaten ist, Informationen in Bezug auf die Umweltgegebenheiten untereinander auszutauschen. Natürlich ist seit langem bekannt, dass die verschiedenen Tierarten - und hier besonders die Primaten - zusammen mit ihren Sozialpartnern über eine Art kommunikative Zeichensprache verfügen. Meistens handelt es sich hierbei um aktuelle Ereignisse, die sich unmittelbar zuvor ereignet haben. Aber bei unseren Versuchen im freien Gelände können wir nachweisen, dass sich diese Informationsübermittlung auch auf Ereignisse beziehen kann, die zeitlich und örtlich weiter auseinander liegen und dass ein Tier dank der Informationen seiner Artgenossen über bestimmte Nahrungsquellen, die ihm innerhalb seiner Umwelt zur Verfügung stehen, auf dem Laufenden ist. Wir stehen erst am Anfang unserer Arbeit, und vor uns liegt noch eine Vielzahl ähnlicher Experimente.

  © 1999 ARTE G.E.I.E