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Schminke
der Ägypter
Ein markantes
Augen-Make-up ist oft das charakteristische Merkmal der Statuen und Fresken
aus dem Alten Ägypten. Aber wie stellten die Ägypter ihre Kosmetika her?
Bevor wir diese Frage
beantworten, erfahren wir von Geneviève Pierrat-Bonnefois - Konservatorin
im Louvre - warum sich die Alten Ägypter überhaupt schminkten.
Geneviève Pierrat-Bonnefois
Die Ägypter schminkten sich aus den gleichen Gründen wie wir es heute
tun, ganz einfach aus dem Aspekt der Verschönerung. Bei dieser Frauenstatue,
die sehr natürlich geschminkt ist, erkennt man eine Hervorhebung des unteren
Lidinnenrandes und eine Verlängerung der oberen Linie des Augenlides und
der Augenbrauen. Ihr Ehemann hingegen - Séninéfer - trägt ein viel auffälligeres
Make-up mit einem blau-grünen Streifen bis an die Schläfen. Man fragt
sich, ob er damit den Pharaonen und Göttern gleichgestellt werden sollte,
die in Form von Statuen und auf Wandmalereien ähnlich geschminkt waren.
Denn Figuren wie diese hier sollen nicht unbedingt einen lebenden Menschen
darstellen, es sind vielmehr schon zu Göttern erhobene Bildnisse einer
bestimmten Person, so wie man sie sich nach ihrem Tode vorstellt.
Aber im täglichen Leben unterliegt das Schminken keinen wirklichen Ritualen,
denn die entsprechenden Töpfe und Behältnisse, die in den Gräbern gefunden
wurden, trugen keine Inschriften, die das belegt hätten. Wir kennen also
die genauen Methoden nicht, die den alltäglichen Akt des sich Schminkens
begleiteten.
Anhand genauer Untersuchungen
von Augen-Make-up-Resten, die in 3.500 Jahre alten Behältnissen entdeckt
wurden, konnte ein Team des Nationalen Forschungszentrums CNRS die Zusammensetzung
der im Alten Ägypten verwendeten Schminke rekonstruieren. Bei dieser Gelegenheit
stellten sie fest, dass die Alten Ägypter dabei auf sehr viel höher entwickelte
chemische Techniken zurückgriffen, als man bisher angenommen hatte.
Philippe Walter
Eine Durchsicht der Toilettenartikel, die sich im Besitz des Louvre befinden,
hat man bereits vor 25 Jahren durchgeführt. Dabei wurde eine sehr große
Anzahl von Gegenständen zutage gefördert, die Teil der nicht zugänglichen
Bestände des Museums waren und - nach Aussagen der zuständigen Konservatorin
- noch Reste der entsprechenden Substanzen enthielten. Wir haben uns entschlossen,
diese Substanzen einer erneuten Analyse zu unterziehen. Wenn man durch
den Louvre geht und sich die Sammlung anschaut, findet man eine ganze
Reihe solcher Flakons, die meisten bestehen aus Alabaster. Manche sind
auch mit einem kleinen Deckel verschlossen. Sie haben innen einen Hohlraum,
in dem sich kleinere oder größere Mengen Puder befinden - dieser Puder
kann schwarz oder weiß sein. Fest steht, dass alle diese Gegenstände aus
der Zeit zwischen 1.500 und 2.000 vor Christus stammen.
Im Labor haben wir von diesen Gegenständen zunächst Röntgenbilder angefertigt.
Mit Hilfe der Röntgenstrahlen kann man beispielsweise den Inhalt dieses
kleinen Flakons sichtbar machen. Hier ist nun ein solches Röntgenbild,
und Sie können die Umrisse des Flakons aus Alabaster mit seinem fast runden
Hohlraum in Innern erkennen. Überall an den Seitenwänden klebt der kosmetische
Puder.
Schon vor etwa einem Jahrhundert wurden in England und Deutschland die
Inhalte solcher Flakons analysiert. Man stellte fest, dass der Grundstoff
der meisten Substanzen aus Blei bestand, hauptsächlich aus Galenit - das
ist ein Bleisulfid. Man fand aber auch noch andere Grundsubstanzen - in
erster Linie auf Mangan und Kupfer basierend - mit denen es möglich war,
auch andere Farbschattierungen zu erzeugen - schwarz, braun oder grün.
Wir haben eine winzige Probe aus dem Innern dieser Flakons entnommen und
versucht, mit den uns zur Verfügung stehenden modernen Labormethoden die
Inhaltsstoffe dieser Substanzen so genau wie möglich zu bestimmen.
Pauline Martinetto
Zunächst einmal sehen wir uns den Puder unter dem Mikroskop etwas genauer
an. Dabei erhalten wir eine vergrößerte Darstellung der Elemente, aus
denen er sich zusammensetzt. Auf dem Bildschirm sind viele Kristalle der
selben grauen Form und Farbe zu erkennen. Ihre kubische Form ist sehr
charakteristisch, denn dank ihrer Facetten wird das Licht gebrochen und
reflektiert. Es sind Bleiglanz-Kristalle. Davon sind also sehr viele vorhanden.
Außerdem sehen wir noch gelbliche und bräunliche Körnchen; wir vermuten,
dass es sich dabei um organische Teilchen handelt, die dem Puder zugesetzt
wurden, um eine bessere Haftung auf dem Augenlid zu gewährleisten.
In den meisten Fällen hat der Puder eine grau-schwarze, silbrig schimmernde
Farbe. Aber man findet auch noch andere, sehr viel hellere Farbnuancen:
Eine weitere Probe, die wir einem dieser Flakons entnommen haben, zeigt
ein ganz anderes Bild - ihre Körnchen sind sehr viel heller, und außerdem
findet sich darin kein Bleiglanz. Wir haben in den Flakons Puder in allen
möglichen Grauschattierungen gefunden, angefangen von einem sehr hellen
Grau bis hin zu einem intensiven Grauschwarz.
Zur Bestimmung der einzelnen Bestandteile des Puders werden die Proben
unter einem Elektronenmikroskop betrachtet und mit Röntgenstrahlen behandelt.
Pauline Martinetto
Mit einem Elektronenrastermikroskop sind sehr starke Vergrößerungen möglich
- Jedes Puderkörnchen wird um das 960fache vergrößert. Hier ist sehr deutlich
ein Bleiglanz-Kristall zu erkennen. Seine kubische Form und die Facetten
treten ganz scharf hervor. Diese winzigen Kristalle haben eine Größe von
20 bis 50 Mikrometer. Neben diesen Bleiglanz-Kristallen sieht man sehr
viel feinere runde Körnchen, und wenn man das Ganze noch stärker heranzieht,
bekommt man eine Vorstellung von der Größe ihres Durchmessers; er liegt
bei etwa einem Mikrometer. Um festzustellen, aus welchen Bestandteilen
sich diese Puderkörnchen zusammensetzen, machen wir eine Röntgenspektralanalyse.
Wir erkennen, dass die Puderkörnchen aus Kohlenstoff, Sauerstoff, Blei
und Chlor bestehen, eine Tatsache, die uns erstaunt hat, denn diese Bestandteile
waren in den anderen Untersuchungen zuvor nicht festgestellt worden. Nun
haben wir also eine Vorstellung von der chemischen Zusammensetzung dieser
kleinen Körnchen - keine Bleiglanz-Kristalle übrigens, denn Bleiglanz
besteht aus Bleisufid.
Will man den Alten
Ägyptern das Geheimnis ihrer Schminke entreißen, reicht das Wissen um
die Bestandteile einer einzigen Probe nicht aus. Zusätzlich benötigt man
Kenntnisse darüber, wie sich die Atome zusammenfügen und welche Mineralien
sie bilden. Daher werden die Proben im Synchrotron von Grenoble - dem
größten Teilchenbeschleuniger Europas - weiteren Analysen unterzogen.
Eric Doorythee
In dem Speicherring - einem riesigen Zirkel von 840 Metern Umfang - kreisen
die Elektronen in Form von Paketen, und zwar mit Lichtgeschwindigkeit.
Dieser Ring ist mit Magneten versehen, die ein magnetisches Feld erzeugen.
Man versetzt die Elektronen in eine Drehbewegung, wobei sie durch die
Magnetfelder von ihrem Kurs abgelenkt werden. Dabei senden sie scharf
gebündelte Röntgenstrahlen ab, am besten vergleichbar mit einem Laserstrahl.
Diese Röntgenstrahlen kommen von der Seite, passieren eine Vakuumröhre,
werden über einen so genannten Schlitzkoppler geleitet und treffen schließlich
auf die zu analysierende Probe. Diese besteht aus einigen Milligramm des
kosmetischen Puders, den wir mit einer kleinen Spachtel direkt aus einem
der ägyptischen Flakons entnommen haben. Dann füllen wir die Probe in
diesen Glaszylinder von einigen Zehntel Millimetern Durchmesser. Der Puder
besteht aus verschiedenen Bleimineralien, und diese Mineralien wiederum
setzen sich aus winzigen Körnchen zusammen, den so genannten Kristalliten.
Jeder dieser Kristalliten besitzt ein Netz aus geordneten Atomen. Wenn
die Röntgenstrahlen auf die Kistalliten treffen, werden sie abgelenkt
und fallen auf den Detektor, der sich entsprechend um die Probe bewegt.
Aus dem Winkel, mit dem die Strahlen auf den Detektor treffen, können
wir auf die Natur der Mineralien schließen, aus denen sich der Kosmetikpuder
zusammensetzt. Außerdem gibt uns die Intensität des abgelenkten Strahlenbündels
Auskunft darüber, in welcher Quantität ein bestimmtes Mineral anteilig
vorhanden ist.
Das Ergebnis unserer
Analayse ist ein sogenanntes Spektrum, sozusagen die charakteristische
Handschrift einer dieser Proben. Diese Sequenz aus verschiedenen Peaks
nennt man Beugungsspektrum, wobei sowohl die Intensität als auch
die Position der einzelnen Linien eine Rolle spielt. Durch den Vergleich
des Spektrums mit den Daten aus einer Datenbank können wir dann das Mineral
bestimmen, von dem ein solches Signal ausgeht. Die schwarze Linie entspricht
dem Anteil an Bleiglanz, also dem Bleisulfid. Die Reihe roter Peaks geht
auf Cerusit zurück - in unserem Kosmetikpuder ist also sehr häufig Bleicarbonat
zu finden. Eine dritte Serie Peaks - die blauen Linien - sind kleiner
und belegen die Existenz von Laurionit; das ist ein Bleichlorit. Aus der
Tatsache, dass diese Peaks kleiner sind als die anderen Spektrallinien,
kann man schließen, dass der Anteil an Laurionit in der ursprünglichen
Pudermischung geringer war als der der anderen Bestandteile. In den meisten
untersuchten Kosmetika haben wir noch eine vierte Komponente gefunden,
nämlich Phosgenit , ein Bleichlorcarbonat, das in dieser Probe jedoch
nicht vorhanden ist. Man kann festhalten, dass der Puder hauptsächlich
aus Bleiglanz und Cerusit besteht. Diese Stoffe sind in der Natur in Hülle
und Fülle vorhanden, Laurionit und Phosgenit hingegen kommen sehr viel
seltener vor. Daher haben wir die Hypothese aufgestellt, dass die Alten
Ägypter diese beiden Substanzen synthetisch hergestellt und erst nachträglich
der Mischung zugesetzt haben.
Philippe Walter
Die Entdeckung von Laurionit und Phosgenit in den ägyptischen Kosmetika
war eine Überraschung. Diese beiden Mineralien - das Laurionit und hier
das Phosgenit - sind weiß. Sie wurden auf synthetische Weise hergestellt,
obwohl den Ägyptern reichlich natürliches Cerusit zur Verfügung stand,
das ebenfalls weiß ist und mit dem die Farbe des schwarzen Bleiglanzes
ganz einfach zu nuancieren gewesen wäre. Diese beiden Mineralien hatten
also nicht alleine die Funktion, die Farbe des Puders zu bestimmen. Außerdem
ist bemerkenswert, dass Laurionit und Phosgenit beim Erhitzen sehr instabil
reagieren, und es ist ja bekannt, dass die Alten Ägypter sehr viele Produkte
mit Hilfe von Techniken herstellten, bei denen hohe Temperaturen eine
Rolle spielten, so beispielsweise in Verbindung mit Metallen oder bei
der Erzeugung synthetischer Pigmente wie das ägyptische Blau. Laurionit
und Phosgenit konnten aber auf diese Weise nicht hergestellt werden, dazu
benötigte man sehr viel schonendere chemische Methoden. Die griechischen
und römischen Schriftsteller haben uns hinsichtlich dieser antiken Techniken
auf die richtige Spur geführt.
Georges Tsoucaris
In der Tat haben wir bei Dioskurides, einem griechischen Arzt aus dem
ersten Jahrhundert nach Christus, und bei Plinius dem Älteren, einem römischen
Naturforscher aus der selben Epoche, entsprechende Rezepte gefunden. Ich
möchte Ihnen gerne einen Auszug aus einem solchen Rezept vorlesen: "Man
nehme Bleioxyd. Dann zerstößt man dieses sechs Tage lang mit einem Mörser,
wobei man das Ganze dreimal täglich mit kaltem Wasser und gegen Abend
mit heißem Wasser abspült, in dem zuvor Steinsalz - also Natriumchlorid
- in einer Dosierung von einem Obolos pro Pfund Bleioxyd aufgelöst wird."
Das Obolos ist ein antikes Gewichtsmaß.
Philippe Walter
Wir haben diese Texte von Plinius und Dioskurides aufgegriffen und sind
genau nach ihren Rezepten vorgegangen. In eine einfache Wasserlösung mit
einem neutralen PH-Wert von 7geben wir das gelbe Bleioxyd... und Steinsalz,
ganz normales Küchensalz. Man sieht sehr schnell, wie diese Lösung zusammen
mit dem Bleioxyd reagiert und den PH-Wert ansteigen lässt. Schon nach
einigen Minuten messen wir einen Wert von 12, wobei das Bleioxyd infolge
einer langsamen chemischen Reaktion in andere Komponenten aufgespalten
wird. Die Schwierigkeit besteht darin, dass diese Reaktion nicht zu lange
anhalten darf, weil sonst kein Laurionit sondern andere Substanzen entstehen.
Das hatten die Alten Ägypter erkannt, und deshalb unterbrachen sie die
Reaktion, um das Pulver ausfällen zu lassen. Man sieht, wie schnell es
sich auf dem Boden des Gefäßes absetzt. Danach kann man das Wasser abgießen
und erneuern. Um den Vorgang zu beschleunigen, werden wir ganz einfach
ein wenig Säure zusetzen; das hat den selben Effekt wie der Austausch
der Flüssigkeit.
Sobald man die Säure zugesetzt hat, beginnt der PH-Wert wieder zu sinken,
und wir kommen in einen Bereich, in dem Laurionit gebildet werden kann.
Nach etwa zwei Tagen hat die Substanz eine dunkelorangene Farbe, und nach
einer Woche erhält man einen weißen Puder. Eine Analyse durch Röntgenbeugung
zeigt, dass es sich dabei um reines Laurionit handelt. Wir haben damit
also nachweisen können, dass sich solche Substanzen auch bei Zimmertemperatur
auf chemischem Wege herstellen lassen, wenn man sehr viel Zeit aufwendet
und äußerst sorgfältig vorgeht.
Doch wozu dienten
sie? Auch bei dieser Frage helfen uns die Texte aus der Antike weiter.
Plinius und Dioskurides schreiben, dass diese Puder als eine Art Augentropfen
verwendet wurden oder auch dazu, Hautflecken im Gesicht der Frauen zu
überdecken. In der Römerzeit verwendete man diese Substanzen also sowohl
unter einem therapeutischen, gesundheitsvorbeugenden und kosmetischen
Aspekt. Für die ägyptische Epoche fehlen uns solche direkten Hinweise,
aber auf medizinischen Papyrustexten aus dem 1500. Jahrhundert vor Christus
finden sich mehr als einhundert Rezepte zur Behandlung von Augenkrankheiten.
Darin wird sowohl Bleiglanz erwähnt, als auch andere Mineralien, für die
wir aber keine geeignete Übersetzung in eine moderne Sprache besitzen,
wie beispielsweise das Mineral "Sia", das möglicherweise dem Laurionit
oder dem Phosgenit entspricht.
Eine Analyse, die
sich völlig mit einigen archäologischen Funden deckt, die sich im Louvre
befinden.
Geneviève Pierrat-Bonnefois
Dies hier ist ein typisches Beispiel für ein solches Töpfchen mit Schönheitspuder,
in dem sich auch medizinische Substanzen befanden. Darauf steht zu lesen:
"lames demet nefet", was soviel heißt wie "schöne schwarze Schminke aus
Bleiglanz". Und hier steht: "Schön anzusehende Schminke"... Was war daran
wohl anderes... "Verjagt das Blut"... "Lässt die Müdigkeit schwinden"
- wohl die der Augen. Die kürzlich gemachte Entdeckung der auf chemischem
Wege erzeugten Inhaltsstoffe wie Laurionit und Phosgenit, denen medizinische
Qualitäten zugeschrieben werden - beispielsweise eine lindernde Wirkung
bei Augenentzündungen - deckt sich sehr schön mit diesen archäologischen
Funden. Man sieht, dass ein solches Töpfchen sowohl kosmetische als auch
therapeutische Produkte enthalten konnte.
Diese Schminktradition
reicht weit in die Vergangenheit zurück - und doch bedient man sich ihrer
noch heute. Im Mittleren Osten verwenden die Frauen Kajal, der aus reinem
Bleiglanz besteht. Vergleicht man ihre Art sich zu schminken mit den archäologischen
Funden aus dem Alten Ägypten, werden die frappanten Ähnlichkeiten sichtbar.
Lesen Sie zu diesem
Thema auch unsere Reportage Schminke der Ägypter
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