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Archimède

17. Juli 2001


 

Schminke der Ägypter

Ein markantes Augen-Make-up ist oft das charakteristische Merkmal der Statuen und Fresken aus dem Alten Ägypten. Aber wie stellten die Ägypter ihre Kosmetika her?

Bevor wir diese Frage beantworten, erfahren wir von Geneviève Pierrat-Bonnefois - Konservatorin im Louvre - warum sich die Alten Ägypter überhaupt schminkten.

Geneviève Pierrat-Bonnefois
Die Ägypter schminkten sich aus den gleichen Gründen wie wir es heute tun, ganz einfach aus dem Aspekt der Verschönerung. Bei dieser Frauenstatue, die sehr natürlich geschminkt ist, erkennt man eine Hervorhebung des unteren Lidinnenrandes und eine Verlängerung der oberen Linie des Augenlides und der Augenbrauen. Ihr Ehemann hingegen - Séninéfer - trägt ein viel auffälligeres Make-up mit einem blau-grünen Streifen bis an die Schläfen. Man fragt sich, ob er damit den Pharaonen und Göttern gleichgestellt werden sollte, die in Form von Statuen und auf Wandmalereien ähnlich geschminkt waren. Denn Figuren wie diese hier sollen nicht unbedingt einen lebenden Menschen darstellen, es sind vielmehr schon zu Göttern erhobene Bildnisse einer bestimmten Person, so wie man sie sich nach ihrem Tode vorstellt.
Aber im täglichen Leben unterliegt das Schminken keinen wirklichen Ritualen, denn die entsprechenden Töpfe und Behältnisse, die in den Gräbern gefunden wurden, trugen keine Inschriften, die das belegt hätten. Wir kennen also die genauen Methoden nicht, die den alltäglichen Akt des sich Schminkens begleiteten.

Anhand genauer Untersuchungen von Augen-Make-up-Resten, die in 3.500 Jahre alten Behältnissen entdeckt wurden, konnte ein Team des Nationalen Forschungszentrums CNRS die Zusammensetzung der im Alten Ägypten verwendeten Schminke rekonstruieren. Bei dieser Gelegenheit stellten sie fest, dass die Alten Ägypter dabei auf sehr viel höher entwickelte chemische Techniken zurückgriffen, als man bisher angenommen hatte.

Philippe Walter
Eine Durchsicht der Toilettenartikel, die sich im Besitz des Louvre befinden, hat man bereits vor 25 Jahren durchgeführt. Dabei wurde eine sehr große Anzahl von Gegenständen zutage gefördert, die Teil der nicht zugänglichen Bestände des Museums waren und - nach Aussagen der zuständigen Konservatorin - noch Reste der entsprechenden Substanzen enthielten. Wir haben uns entschlossen, diese Substanzen einer erneuten Analyse zu unterziehen. Wenn man durch den Louvre geht und sich die Sammlung anschaut, findet man eine ganze Reihe solcher Flakons, die meisten bestehen aus Alabaster. Manche sind auch mit einem kleinen Deckel verschlossen. Sie haben innen einen Hohlraum, in dem sich kleinere oder größere Mengen Puder befinden - dieser Puder kann schwarz oder weiß sein. Fest steht, dass alle diese Gegenstände aus der Zeit zwischen 1.500 und 2.000 vor Christus stammen.
Im Labor haben wir von diesen Gegenständen zunächst Röntgenbilder angefertigt. Mit Hilfe der Röntgenstrahlen kann man beispielsweise den Inhalt dieses kleinen Flakons sichtbar machen. Hier ist nun ein solches Röntgenbild, und Sie können die Umrisse des Flakons aus Alabaster mit seinem fast runden Hohlraum in Innern erkennen. Überall an den Seitenwänden klebt der kosmetische Puder.
Schon vor etwa einem Jahrhundert wurden in England und Deutschland die Inhalte solcher Flakons analysiert. Man stellte fest, dass der Grundstoff der meisten Substanzen aus Blei bestand, hauptsächlich aus Galenit - das ist ein Bleisulfid. Man fand aber auch noch andere Grundsubstanzen - in erster Linie auf Mangan und Kupfer basierend - mit denen es möglich war, auch andere Farbschattierungen zu erzeugen - schwarz, braun oder grün. Wir haben eine winzige Probe aus dem Innern dieser Flakons entnommen und versucht, mit den uns zur Verfügung stehenden modernen Labormethoden die Inhaltsstoffe dieser Substanzen so genau wie möglich zu bestimmen.

Pauline Martinetto
Zunächst einmal sehen wir uns den Puder unter dem Mikroskop etwas genauer an. Dabei erhalten wir eine vergrößerte Darstellung der Elemente, aus denen er sich zusammensetzt. Auf dem Bildschirm sind viele Kristalle der selben grauen Form und Farbe zu erkennen. Ihre kubische Form ist sehr charakteristisch, denn dank ihrer Facetten wird das Licht gebrochen und reflektiert. Es sind Bleiglanz-Kristalle. Davon sind also sehr viele vorhanden. Außerdem sehen wir noch gelbliche und bräunliche Körnchen; wir vermuten, dass es sich dabei um organische Teilchen handelt, die dem Puder zugesetzt wurden, um eine bessere Haftung auf dem Augenlid zu gewährleisten.
In den meisten Fällen hat der Puder eine grau-schwarze, silbrig schimmernde Farbe. Aber man findet auch noch andere, sehr viel hellere Farbnuancen: Eine weitere Probe, die wir einem dieser Flakons entnommen haben, zeigt ein ganz anderes Bild - ihre Körnchen sind sehr viel heller, und außerdem findet sich darin kein Bleiglanz. Wir haben in den Flakons Puder in allen möglichen Grauschattierungen gefunden, angefangen von einem sehr hellen Grau bis hin zu einem intensiven Grauschwarz.


Zur Bestimmung der einzelnen Bestandteile des Puders werden die Proben unter einem Elektronenmikroskop betrachtet und mit Röntgenstrahlen behandelt.

Pauline Martinetto
Mit einem Elektronenrastermikroskop sind sehr starke Vergrößerungen möglich - Jedes Puderkörnchen wird um das 960fache vergrößert. Hier ist sehr deutlich ein Bleiglanz-Kristall zu erkennen. Seine kubische Form und die Facetten treten ganz scharf hervor. Diese winzigen Kristalle haben eine Größe von 20 bis 50 Mikrometer. Neben diesen Bleiglanz-Kristallen sieht man sehr viel feinere runde Körnchen, und wenn man das Ganze noch stärker heranzieht, bekommt man eine Vorstellung von der Größe ihres Durchmessers; er liegt bei etwa einem Mikrometer. Um festzustellen, aus welchen Bestandteilen sich diese Puderkörnchen zusammensetzen, machen wir eine Röntgenspektralanalyse. Wir erkennen, dass die Puderkörnchen aus Kohlenstoff, Sauerstoff, Blei und Chlor bestehen, eine Tatsache, die uns erstaunt hat, denn diese Bestandteile waren in den anderen Untersuchungen zuvor nicht festgestellt worden. Nun haben wir also eine Vorstellung von der chemischen Zusammensetzung dieser kleinen Körnchen - keine Bleiglanz-Kristalle übrigens, denn Bleiglanz besteht aus Bleisufid.

Will man den Alten Ägyptern das Geheimnis ihrer Schminke entreißen, reicht das Wissen um die Bestandteile einer einzigen Probe nicht aus. Zusätzlich benötigt man Kenntnisse darüber, wie sich die Atome zusammenfügen und welche Mineralien sie bilden. Daher werden die Proben im Synchrotron von Grenoble - dem größten Teilchenbeschleuniger Europas - weiteren Analysen unterzogen.

Eric Doorythee
In dem Speicherring - einem riesigen Zirkel von 840 Metern Umfang - kreisen die Elektronen in Form von Paketen, und zwar mit Lichtgeschwindigkeit. Dieser Ring ist mit Magneten versehen, die ein magnetisches Feld erzeugen. Man versetzt die Elektronen in eine Drehbewegung, wobei sie durch die Magnetfelder von ihrem Kurs abgelenkt werden. Dabei senden sie scharf gebündelte Röntgenstrahlen ab, am besten vergleichbar mit einem Laserstrahl.
Diese Röntgenstrahlen kommen von der Seite, passieren eine Vakuumröhre, werden über einen so genannten Schlitzkoppler geleitet und treffen schließlich auf die zu analysierende Probe. Diese besteht aus einigen Milligramm des kosmetischen Puders, den wir mit einer kleinen Spachtel direkt aus einem der ägyptischen Flakons entnommen haben. Dann füllen wir die Probe in diesen Glaszylinder von einigen Zehntel Millimetern Durchmesser. Der Puder besteht aus verschiedenen Bleimineralien, und diese Mineralien wiederum setzen sich aus winzigen Körnchen zusammen, den so genannten Kristalliten. Jeder dieser Kristalliten besitzt ein Netz aus geordneten Atomen. Wenn die Röntgenstrahlen auf die Kistalliten treffen, werden sie abgelenkt und fallen auf den Detektor, der sich entsprechend um die Probe bewegt. Aus dem Winkel, mit dem die Strahlen auf den Detektor treffen, können wir auf die Natur der Mineralien schließen, aus denen sich der Kosmetikpuder zusammensetzt. Außerdem gibt uns die Intensität des abgelenkten Strahlenbündels Auskunft darüber, in welcher Quantität ein bestimmtes Mineral anteilig vorhanden ist.

Das Ergebnis unserer Analayse ist ein sogenanntes Spektrum, sozusagen die charakteristische Handschrift einer dieser Proben. Diese Sequenz aus verschiedenen Peaks nennt man Beugungsspektrum, wobei sowohl die Intensität als auch die Position der einzelnen Linien eine Rolle spielt. Durch den Vergleich des Spektrums mit den Daten aus einer Datenbank können wir dann das Mineral bestimmen, von dem ein solches Signal ausgeht. Die schwarze Linie entspricht dem Anteil an Bleiglanz, also dem Bleisulfid. Die Reihe roter Peaks geht auf Cerusit zurück - in unserem Kosmetikpuder ist also sehr häufig Bleicarbonat zu finden. Eine dritte Serie Peaks - die blauen Linien - sind kleiner und belegen die Existenz von Laurionit; das ist ein Bleichlorit. Aus der Tatsache, dass diese Peaks kleiner sind als die anderen Spektrallinien, kann man schließen, dass der Anteil an Laurionit in der ursprünglichen Pudermischung geringer war als der der anderen Bestandteile. In den meisten untersuchten Kosmetika haben wir noch eine vierte Komponente gefunden, nämlich Phosgenit , ein Bleichlorcarbonat, das in dieser Probe jedoch nicht vorhanden ist. Man kann festhalten, dass der Puder hauptsächlich aus Bleiglanz und Cerusit besteht. Diese Stoffe sind in der Natur in Hülle und Fülle vorhanden, Laurionit und Phosgenit hingegen kommen sehr viel seltener vor. Daher haben wir die Hypothese aufgestellt, dass die Alten Ägypter diese beiden Substanzen synthetisch hergestellt und erst nachträglich der Mischung zugesetzt haben.

Philippe Walter
Die Entdeckung von Laurionit und Phosgenit in den ägyptischen Kosmetika war eine Überraschung. Diese beiden Mineralien - das Laurionit und hier das Phosgenit - sind weiß. Sie wurden auf synthetische Weise hergestellt, obwohl den Ägyptern reichlich natürliches Cerusit zur Verfügung stand, das ebenfalls weiß ist und mit dem die Farbe des schwarzen Bleiglanzes ganz einfach zu nuancieren gewesen wäre. Diese beiden Mineralien hatten also nicht alleine die Funktion, die Farbe des Puders zu bestimmen. Außerdem ist bemerkenswert, dass Laurionit und Phosgenit beim Erhitzen sehr instabil reagieren, und es ist ja bekannt, dass die Alten Ägypter sehr viele Produkte mit Hilfe von Techniken herstellten, bei denen hohe Temperaturen eine Rolle spielten, so beispielsweise in Verbindung mit Metallen oder bei der Erzeugung synthetischer Pigmente wie das ägyptische Blau. Laurionit und Phosgenit konnten aber auf diese Weise nicht hergestellt werden, dazu benötigte man sehr viel schonendere chemische Methoden. Die griechischen und römischen Schriftsteller haben uns hinsichtlich dieser antiken Techniken auf die richtige Spur geführt.

Georges Tsoucaris
In der Tat haben wir bei Dioskurides, einem griechischen Arzt aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, und bei Plinius dem Älteren, einem römischen Naturforscher aus der selben Epoche, entsprechende Rezepte gefunden. Ich möchte Ihnen gerne einen Auszug aus einem solchen Rezept vorlesen: "Man nehme Bleioxyd. Dann zerstößt man dieses sechs Tage lang mit einem Mörser, wobei man das Ganze dreimal täglich mit kaltem Wasser und gegen Abend mit heißem Wasser abspült, in dem zuvor Steinsalz - also Natriumchlorid - in einer Dosierung von einem Obolos pro Pfund Bleioxyd aufgelöst wird." Das Obolos ist ein antikes Gewichtsmaß.

Philippe Walter
Wir haben diese Texte von Plinius und Dioskurides aufgegriffen und sind genau nach ihren Rezepten vorgegangen. In eine einfache Wasserlösung mit einem neutralen PH-Wert von 7geben wir das gelbe Bleioxyd... und Steinsalz, ganz normales Küchensalz. Man sieht sehr schnell, wie diese Lösung zusammen mit dem Bleioxyd reagiert und den PH-Wert ansteigen lässt. Schon nach einigen Minuten messen wir einen Wert von 12, wobei das Bleioxyd infolge einer langsamen chemischen Reaktion in andere Komponenten aufgespalten wird. Die Schwierigkeit besteht darin, dass diese Reaktion nicht zu lange anhalten darf, weil sonst kein Laurionit sondern andere Substanzen entstehen. Das hatten die Alten Ägypter erkannt, und deshalb unterbrachen sie die Reaktion, um das Pulver ausfällen zu lassen. Man sieht, wie schnell es sich auf dem Boden des Gefäßes absetzt. Danach kann man das Wasser abgießen und erneuern. Um den Vorgang zu beschleunigen, werden wir ganz einfach ein wenig Säure zusetzen; das hat den selben Effekt wie der Austausch der Flüssigkeit.
Sobald man die Säure zugesetzt hat, beginnt der PH-Wert wieder zu sinken, und wir kommen in einen Bereich, in dem Laurionit gebildet werden kann. Nach etwa zwei Tagen hat die Substanz eine dunkelorangene Farbe, und nach einer Woche erhält man einen weißen Puder. Eine Analyse durch Röntgenbeugung zeigt, dass es sich dabei um reines Laurionit handelt. Wir haben damit also nachweisen können, dass sich solche Substanzen auch bei Zimmertemperatur auf chemischem Wege herstellen lassen, wenn man sehr viel Zeit aufwendet und äußerst sorgfältig vorgeht.

Doch wozu dienten sie? Auch bei dieser Frage helfen uns die Texte aus der Antike weiter. Plinius und Dioskurides schreiben, dass diese Puder als eine Art Augentropfen verwendet wurden oder auch dazu, Hautflecken im Gesicht der Frauen zu überdecken. In der Römerzeit verwendete man diese Substanzen also sowohl unter einem therapeutischen, gesundheitsvorbeugenden und kosmetischen Aspekt. Für die ägyptische Epoche fehlen uns solche direkten Hinweise, aber auf medizinischen Papyrustexten aus dem 1500. Jahrhundert vor Christus finden sich mehr als einhundert Rezepte zur Behandlung von Augenkrankheiten. Darin wird sowohl Bleiglanz erwähnt, als auch andere Mineralien, für die wir aber keine geeignete Übersetzung in eine moderne Sprache besitzen, wie beispielsweise das Mineral "Sia", das möglicherweise dem Laurionit oder dem Phosgenit entspricht.

Eine Analyse, die sich völlig mit einigen archäologischen Funden deckt, die sich im Louvre befinden.

Geneviève Pierrat-Bonnefois
Dies hier ist ein typisches Beispiel für ein solches Töpfchen mit Schönheitspuder, in dem sich auch medizinische Substanzen befanden. Darauf steht zu lesen: "lames demet nefet", was soviel heißt wie "schöne schwarze Schminke aus Bleiglanz". Und hier steht: "Schön anzusehende Schminke"... Was war daran wohl anderes... "Verjagt das Blut"... "Lässt die Müdigkeit schwinden" - wohl die der Augen. Die kürzlich gemachte Entdeckung der auf chemischem Wege erzeugten Inhaltsstoffe wie Laurionit und Phosgenit, denen medizinische Qualitäten zugeschrieben werden - beispielsweise eine lindernde Wirkung bei Augenentzündungen - deckt sich sehr schön mit diesen archäologischen Funden. Man sieht, dass ein solches Töpfchen sowohl kosmetische als auch therapeutische Produkte enthalten konnte.

Diese Schminktradition reicht weit in die Vergangenheit zurück - und doch bedient man sich ihrer noch heute. Im Mittleren Osten verwenden die Frauen Kajal, der aus reinem Bleiglanz besteht. Vergleicht man ihre Art sich zu schminken mit den archäologischen Funden aus dem Alten Ägypten, werden die frappanten Ähnlichkeiten sichtbar.

Lesen Sie zu diesem Thema auch unsere Reportage Schminke der Ägypter

  © 1999 ARTE G.E.I.E