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Archimède

17. Juli 2001

Schminke der Ägypter

Wie Forscher des Labors der französischen Museen und des Kosmetikkonzerns „L'Oréal" kürzlich entdeckten, hatte die Schminke der Ägypter nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine heilende Wirkung.

Die Chemiker untersuchten den Inhalt zahlreicher Schminkdosen aus den erhaltenen ägyptischen Sammlungen. Noch heute enthalten viele dieser Gefäße aus Stein, Schilfrohr oder Holz antike Schminkmittel. Die Forscher setzten für ihre Analysen die europäische Synchroton-Strahlenquelle im französischen Grenoble ein. Die von ihrer Bahn abgelenkten und beschleunigten Teilchen erzeugen eine intensive, stark gebündelte Strahlung. Das Strahlenbündel wird auf die Analysemischung gerichtet. An der abgegebenen Strahlung lässt sich die chemische Zusammensetzung der jeweiligen Substanz ableiten.

49 Schminkdosen aus der Zeit von 2000 bis 1200 v. u. Z. wurden dieser Prozedur unterzogen und außerdem elektronenmikroskopisch untersucht. Die Chemiker entdeckten in der schwarzen Schminke Vorkommen von Galen, einem Bleisulfat, das früher „Narrengold" genannt wurde. Aufgehellt wird die schwarze Färbung der Substanz mitunter durch Cerusit, ein weißes Bleikarbonat. In den meisten Substanzen wurden außerdem zwei Arten von Bleichlorid, Laurionit und Phosgenit, entdeckt. Die Forscher konnten nachweisen, dass diese Mineralien nicht auf den Alterungsprozess zurückzuführen sind, sondern vom Schminkmittelhersteller absichtlich beigefügt wurden. Man gewann sie sogar synthetisch, da diese selten vorkommenden Stoffe nicht jahrhundertelang in ausreichenden Mengen für die Herstellung der Mischung vorrätig gewesen wären.

Wie lässt sich die Verwendung der weißen Mineralien Laurionit und Phosgenit erklären?
Warum begnügte man sich nicht mit dem weißen und leichter verfügbaren Cerusit? Synthetisierten die Ägypter Laurionit und Phosgenit, um der Schminke besondere Eigenschaften zu verleihen? Die Analyse alter Rezepturen zur Herstellung von Heilmitteln scheint diese Hypothese zu untermauern. In den Schriften des griechischen Arztes Dioskurides und des römischen Naturforschers Plinius des Älteren (1. Jh. n. u. Z.) sind solche Rezepturen überliefert. Dort kann man nachlesen, wie „Schlacke von gereinigtem Silber" (Bleioxid) zerstoßen und in Wasser mit aus Minen gewonnenem Steinsalz, manchmal unter Zugabe von Natron aus Natriumkarbonat, vermischt wurde; nach der Filtration wiederholte man den Vorgang mehrere Wochen lang mehrmals täglich. Was wollte man damit herstellen? Die Chemiker beschlossen, die Rezeptur einfach selbst auszuprobieren und mischten Bleioxid mit Natriumchlorid, dem üblichen Kochsalz, im Wasser. So entdeckten sie, dass nach dem Wässern durch eine langsame chemische Reaktion Laurionit entstand. Wurden der Mischung unter Anwendung des gleichen Verfahrens noch Karbonate zugefügt, bildete sich Phosgenit.

Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wurden Laurionit und Phosgenit zur Behandlung von Augenleiden eingesetzt. Der römische Arzt Celsus empfahl eine Augensalbe aus Gummi, Galen, Bleiweiß und Schlacke von gereinigtem Silber. War diese heilende Wirkung schon vor 2000 Jahren im alten Ägypten bekannt? Auf Papyrusrollen fand man medizinische Abhandlungen, in denen zahlreiche Mittel zur Behandlung der weit verbreiteten, durch das ägyptische Klima verursachten Augenkrankheiten beschrieben werden. In der sogenannten „Ebers-Papyrusrolle" aus dem Jahr 1500 v. u. Z. werden beispielsweise Behandlungen auf der Grundlage von Galen und anderen noch nicht identifizierten Substanzen beschrieben. In einer Grabkammer aus derselben Epoche wie der dieser Papyrusrolle fand man drei Behältnisse aus Schilfrohr, wovon eines die Aufschrift „echte schwarze Lidschminke" trug; auf den beiden anderen stand „Augenpulver zum Auflösen, gut für das Sehvermögen". Diese Augenmittel enthalten ein Karbonat und ein Bleichlorid, bei dem es sich wahrscheinlich um Phosgenit handelt. So wird deutlich, dass die von den Schminkmittelherstellern benutzten Mineralien einen doppelten Zweck erfüllten: Sie hatten sowohl eine färbende und als auch eine heilende Wirkung. Die Mineralien in Pulverform waren, wie auch heute, in einer Fettgrundlage verarbeitet. Wie in der Gegenwart gab es damals Mittel mit einem sehr geringen Fettanteil, andere mit einem Gehalt zwischen 0,1 und 0,5 % und wieder andere, bei denen der Fettgehalt zwischen 5 und 7 % betrug. Auch damals schon gab es losen Puder, Lidschminke und Kajalstifte.

  © 1999 ARTE G.E.I.E