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Die neuen
Mäuse von Seveso
Die zwei grauen Mäuse von
Prof. Redi sehen ihren Artgenossen zum Verwechseln ähnlich. Aber in den
Genen der beiden Exemplare verbirgt sich ein kleines Wunder der Wissenschaft.
Sie gehören einer ganz neuen
Art an und die Forscher konnten ihre Entstehung sozusagen live miterleben.
Ihr Entdecker, der Biologe Carlo Alberto Redi, leitet an der Universität
von Pavia in Italien ein international anerkanntes Genforschungsteam.
Das mutierte Mäuschen hat Redi mit seinen Kollegen in Seveso aufgespürt.
Dort analysieren sie seit Jahren die Auswirkungen der verheerenden Dioxinkatastrophe
von 1976. Aber die giftige Chemikalie hat aus der Maus kein Monster gemacht,
sondern indirekt der Evolution auf die Sprünge geholfen.
Prof. Carlo Alberto Redi,
Universität Pavia:
„Diese Maus ist eine Variante der gemeinen Hausmaus, im Fachlatein „mus
musculus domesticus". Von ihrer Musterung her unterscheidet sie sich überhaupt
nicht von anderen Mäusen. Sie ist eine von 40 geografischen Unterarten
in Europa. Das Erbgut der Maus von Seveso war uns bisher unbekannt. Sie
hat eine völlig neue Chromosomenstruktur. Zwar sind Mäuse für häufige
Mutationen bekannt, aber sie überleben fast nie. Die eigentliche Sensation
unserer Entdeckung ist allerdings, dass diese Unterart in einem Zeitraum
von höchstens 20 Jahren entstanden ist. Normalerweise dauert dieser Prozess
viele hunderttausend Jahre."
Seveso. Der Name dieser kleinen
Industriestadt vor den Toren Mailands erinnert an eine der schlimmsten
Umweltkatastrophen. Am 10. Juli 1976 explodiert in der Chemiefabrik Icmesa
ein Kessel. 20 Minuten lang entweicht völlig unkontrolliert hochgiftiges
Dioxin. Der Unfall bleibt zunächst unbemerkt. Bis zu diesem Zeitpunkt
weiß man nicht viel über die Gefahren von Dioxin. Erst als Tiere sterben
und viele Kinder von einer grausamen Chlorakne gezeichnet sind, wird Alarm
geschlagen. Das Gebiet im Umkreis von sechs Kilometern ist kontaminiert.
Am schlimmsten ist die Gegend im Südosten der Fabrik betroffen, die Zone
A: total verseuchtes Gebiet. Alle Bewohner werden evakuiert, die Häuser
niedergerissen, die toten Tiere beseitigt. Das vergiftete Erdreich wird
abgetragen, das Land künstlich verödet.
Die Angst vor Spätfolgen wächst im Laufe der folgenden Jahre: Dioxin,
so weiß man nun, ist nicht nur krebserregend. Es kann auch das Erbgut
verändern, die Chromosomen schädigen und zu spontanen Mutationen führen,
das heißt: zu Mißbildungen bei Neugeborenen. Heute erinnert an den
Katastrophenort nur noch ein Hügel. Darunter lagern in einem Zementbunker
Dioxinfässer, die Reste der demolierten Fabrik. Tonnenweise Giftmüll,
der nicht anders entsorgt werden konnte. Darüber ist buchstäblich Gras
gewachsen. Aus der einstigen Zone A wurde ein Park mit Ententeich und
Tiergehege.
Prof. Redi:
"Von 1984 an ist das gesamte Ökosystem neu aufgebaut worden. Als
das Land wieder urbar war, beriet man über die zukünftige Nutzung. Die
zentrale Frage war, ob die Grünzone jemals wieder der Öffentlickeit zugänglich
gemacht werden konnte oder nicht. Die Universität Pavia wurde beauftragt,
Studien auszuarbeiten. Meine Kollegen und ich sollten dabei vor allem
das biologische Risiko für den Menschen definieren. Im Rahmen dieser Studie
brauchten wir natürlich auch Versuchsobjekte und da haben wir uns der
Fauna bedient, der Tiere, die jetzt hier leben.
Im Laufe der Untersuchungen wurden vor allem die Fortpflanzungsorgane
der Versuchstiere analysiert, Samen- und Eizellen, weil sie normalerweise
am sensibelsten auf potenzielle Schäden durch das Dioxin reagieren. Aber
während der Analyse des Erbguts haben wir in den Samenzellen gar kein
Dioxin gefunden und konnten auch keine schädliche Wirkung des Dioxins
auf die Chromosomen feststellen. Stattdessen fanden wir Umwandlungen in
der Chromosomenstruktur der Tiere, sie unterschieden sich deutlich von
ihren Artgenossen. Was wir da entdeckten, können wir als Mutationen bezeichnen."
Prof. Silvia Garagna, Universität
Pavia:
„Es gab natürlich eine riesige Aufregung, wir waren total verblüfft. Wir
konnten herausfinden, dass unser Mäusevolk von einer Population abstammt,
die weit im Süden Sevesos lebt. Die neue Unterart ist durch eine Mutation
der Chromosomen enstanden, bei der sich durch den Austausch von Chromosomenpaaren
eine ganz neue Struktur im Erbgut gebildet hat. Dass dieser Prozess erfolgreich
abgeschlossen werden konnte, verdanken die Tiere sicher der Nische, die
sie im neuangelegten Park gefunden haben. "
Prof. Redi:
„Die Vorraussetzung für die Mutation der Mäuse hat der Mensch geschaffen,
in dem er ihnen einen biologischen Freiraum zur Verfügung gestellt hat.
Vorher lebten in dieser Gegend andere Mäuse mit anderen genetischen Merkmalen.
Der Dioxin-Unfall hat dazu geführt, dass sie ausgerottet wurden. Das hat
anderen Exemplaren, die in den Häusern der angrenzenden Stadtteile wohnten,
ermöglicht, sich hier anzusiedeln. Das heißt, sie hatten jetzt auch die
Möglichkeit, neue genetische Merkmale durchzusetzen. Solche Phänomene
kennen wir über eine Spanne von erdgeschichtlichen Zeitaltern und durch
die Analyse von Fossilien. Seveso hat es uns ermöglicht, in genau diesem
Moment der Evolution dabeizusein."
Für die Genforscher aus Pavia
zählt aber nicht nur ihre Entdeckung selbst. Ihre Vision richtet sich
auf die Zukunft: Sie hoffen, dass man mit dem neuen Wissen bald in den
Prozess des Artensterbens auf unserem Planeten eingreifen kann.
Prof. Redi:
„Bei den Säugetieren ist es das erste Mal überhaupt, dass wir dem Moment
der Enstehung einer Art beiwohnen.
Das hat natürlich für viel Wirbel in Wissenschaftskreisen gesorgt. Immerhin
hat die Entdeckung dazu beigetragen, die Kenntnisse im Bereich der Evolutionsbiologie
grundlegend zu erweitern. Wir können die Mindestdauer einer Chromosomenmutation
bestimmen, die Zeitspanne also, in der sich eine neue Chromo-somenstruktur
im Erbgut einer Population bildet. Wir kennen also jetzt die Mindestzeit
für die Enstehung einer neuen Art.
In den letzten 7000 Jahren
haben wir mehr als die Hälfte der Erdoberfläche künstlich verändert, ein
Drittel allein seit der industriellen Revolution. Seveso zeigt uns, dass
man in diesen negativen Prozess auch positiv eingreifen kann und zwar,
indem man durch die Umweltpolitik regelrechte Reparaturen vornimmt, die
über das reine Erhalten des Status quo hinausgehen - Darwin hätte sich
darüber sicher gefreut.
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