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Naturgewalt
Lawinen
Seit dem 2.Weltkrieg wurden
systematisch Schutzwälle gegen Lawinen errichtet. Die Schweiz hat dafür
fast 2,5 Milliarden DM ausgegeben. Im letzten Winter haben Sie ihre Feuerprobe
bestanden.
Trotzdem entstanden riesige
Schäden. Und viele Menschen erlebten wieder die archaische Angst, von
Schneemassen lebendig begraben zu werden. Eine Wissenschafterin erzählt,
wie sie in eine Lawine geraten ist und mit viel Glück überlebt hat.
Marcia Philips, Geographin:
„... ich habe gedacht, das muss eine Lawine sein, obwohl ich nichts gesehen
und gehört hatte. Und dann sind wir runtergefallen, immer schneller,
hatten Schnee im Mund, in den Kleidern, konnten nicht mehr atmen. Ich
hatte wirklich Angst, es fühlte sich an, als ob ein Lastwagen über mich
fährt, ein ganz ganz schlimmer Druck, und ich hab gedacht, jetzt muss
es bald fertig sein, ich kann's nicht mehr lange aushalten. Und dann wurde
es steiler, und ich bin aus der Lawine rausgeflogen. Als sie zum Stillstand
gekommen war, sass ich auf der Lawine; wenn wir nicht rausgeflogen wären,
wären wir da drin gewesen."
Im Schweizerischen Wallis
betreibt das Institut für Schnee-und Lawinenforschung ein riesiges natürliches
Versuchsgelände. Nirgendwo lassen sich Lawinen besser beobachten als im
Vallée de la Sionne. In Zusammenarbeit mit Frankreich, Österreich und
Spanien werden hier die immer noch rätselhaften Staublawinen
erforscht.
Noch vor dem letzten Winter hatten die Forscher zahlreiche Experimente
geplant. Sie wollten eine Lawine künstlich auslösen und mit Radar ihre
Geschwindigkeit messen. Hindernisse, vollgepackt mit Elektronik, sollten
eine genaue Rekonstruktion der Lawine ermöglichen. Der Bunker muss einem
unvorstellbaren Luftdruck standhalten. Die Auswirkungen reichen in der
Regel viel weiter als die Lawine selbst. Im Februar '99, nach den starken
Schneefällen, wurde zum erstenmal eine Lawine ausgelöst. Die
Kraft der Lawine hatte alle Erwartungen und Vorkehrungen übertroffen.
Trotzdem ist es gelungen, noch Millionen von Daten aufzuzeichnen.
François Dufour, Institut
für Schnee- und Lawinenforschung, SLF Valais:
"Im Winter '99 untersuchten wir hauptsächlich Staublawinen. Der Schnee
türmte sich stellenweise bis zu 30 Metern hoch, der Bunker selbst befand
sich 5 Meter unter der Oberfläche. Der Schnee war steinhart. Nur mit Hilfe
einer Motorsäge konnten wir die Leute aus dem Bunker zu befreien. In einer
Staublawine sind feinste Schneepartikel mit Luft vermischt. Atmet jemand
dieses Gemisch ein, schmilzt der Schnee und die Person ertrinkt. "
Bei der Katastrophe von Galtür,
am 23. Februar 1999, vereinigten sich 2 Staublawinen und brachten Tod
und Zerstörung. 38 Personen verloren ihr Leben. Seit mindestens 300 Jahren
war eine Lawine nicht mehr so weit ins Tal vorgedrungen.
François Dufour:
"Eine Fließlawine ist eine
Nasschnee-Lawine. Während Staublawinen mit Geschwindigkeiten zwischen
300 und 350 Stundenkilometern zu Tal donnern, erreicht eine Fließlawine
nur 100 bis 150 Stundenkilometer. Eine Staublawine zerschmettert ein Haus
völlig, das ihr im Weg steht, während eine Fließlawine alles mit
sich reißt. "
Nichts hält ihr stand: Bäume,
Maschinen, Häuser. Die meisten Lawinen, die im Februar '99 niedergingen,
waren von diesem Typ. Am 21. Februar '99 wurde das Dorf Evolène von 2
Fließlawinen verschüttet und von der Umwelt abgeschnitten. Neun
Wohnhäuser und 30 Berghütten wurden zerstört, 12 Personen kamen in den
Schneemassen ums Leben.
François Dufour:
"Ein dritter Grundtypus sind Schneebrett-Lawinen.
Sie sind im allgemeinen kleiner als Staublawinen, aber viel gefährlicher,
vor allem für Skifahrer, weil man sie viel schlechter sieht. Wo die großen
Lawinen niedergehen, ist im allgemeinen bekannt. Schneebretter sind oft
im Gelände versteckt, und in genau diesen Lawinen starben all die Leute,
die die gesicherten Pisten verlassen hatten."
Oft ist Unvorsichtigkeit die
Ursache. 95 Prozent aller Verschütteten haben das Schneebrett selbst ausgelöst.
Varianten-Skifahrer sollten sich genau informieren und wichtige Punkte
berücksichtigen:
Franz Tschierky, Institut
für Schnee- und Lawinenforschung, Davos:
„Zunächst einmal die Hangneigung: Hänge die steiler sind als etwa
30 Grad, sind grundsätzlich lawinengefährdet, dort kann man Lawinen auslösen;
weiter muss man beachten, dass Schattenhänge lawinengefährdet sind, weil
dort der Schneedeckenaufbau, der für die Beurteilung der Lawinengefahr
das A und O ist, ungünstig ist. Weiter ist der Wind ein wesentlicher Faktor:
Der Wind verfrachtet den Schnee, und an den windabgekehrten Hängen, wo
sich der Schnee ansammelt, ist es dann auch in einer ersten Phase gefährlich.
Eine weitere Situation, die gefährlich sein kann, ist der erste schöne
sonnige Tag nach einem Schneefall, weil mit der intensiven Sonneneinstrahlung
die Schneedecke destabilisiert wird und Lawinen bevorzugt abgehen können."
Ob und wann eine Lawine losbricht,
lässt sich auch heute noch nicht genau voraussagen. Bezüglich der Staublawinen
hat man im Vallée de la Sionne neue Erkenntnisse gewonnen: Sie reichen
weiter und entwickeln eine viel größere Gewalt als bisher angenommen.
An vielen Stellen müssen die Lawinenzonen mit Hilfe der jetzt zur Verfügung
stehenden Daten neu berechnet werden.
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