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Archimède

29. Februar 2000




 

Naturgewalt Lawinen

Seit dem 2.Weltkrieg wurden systematisch Schutzwälle gegen Lawinen errichtet. Die Schweiz hat dafür fast 2,5 Milliarden DM ausgegeben. Im letzten Winter haben Sie ihre Feuerprobe bestanden.

Trotzdem entstanden riesige Schäden. Und viele Menschen erlebten wieder die archaische Angst, von Schneemassen lebendig begraben zu werden. Eine Wissenschafterin erzählt, wie sie in eine Lawine geraten ist und mit viel Glück überlebt hat.

Marcia Philips, Geographin:
„... ich habe gedacht, das muss eine Lawine sein, obwohl ich nichts gesehen und gehört hatte. Und dann sind wir runtergefallen, immer schneller, hatten Schnee im Mund, in den Kleidern, konnten nicht mehr atmen. Ich hatte wirklich Angst, es fühlte sich an, als ob ein Lastwagen über mich fährt, ein ganz ganz schlimmer Druck, und ich hab gedacht, jetzt muss es bald fertig sein, ich kann's nicht mehr lange aushalten. Und dann wurde es steiler, und ich bin aus der Lawine rausgeflogen. Als sie zum Stillstand gekommen war, sass ich auf der Lawine; wenn wir nicht rausgeflogen wären, wären wir da drin gewesen."

Im Schweizerischen Wallis betreibt das Institut für Schnee-und Lawinenforschung ein riesiges natürliches Versuchsgelände. Nirgendwo lassen sich Lawinen besser beobachten als im Vallée de la Sionne. In Zusammenarbeit mit Frankreich, Österreich und Spanien werden hier die immer noch rätselhaften Staublawinen erforscht.
Noch vor dem letzten Winter hatten die Forscher zahlreiche Experimente geplant. Sie wollten eine Lawine künstlich auslösen und mit Radar ihre Geschwindigkeit messen. Hindernisse, vollgepackt mit Elektronik, sollten eine genaue Rekonstruktion der Lawine ermöglichen. Der Bunker muss einem unvorstellbaren Luftdruck standhalten. Die Auswirkungen reichen in der Regel viel weiter als die Lawine selbst. Im Februar '99, nach den starken Schneefällen, wurde zum erstenmal eine Lawine ausgelöst.
Die Kraft der Lawine hatte alle Erwartungen und Vorkehrungen übertroffen. Trotzdem ist es gelungen, noch Millionen von Daten aufzuzeichnen.

François Dufour, Institut für Schnee- und Lawinenforschung, SLF Valais:
"Im Winter '99 untersuchten wir hauptsächlich Staublawinen. Der Schnee türmte sich stellenweise bis zu 30 Metern hoch, der Bunker selbst befand sich 5 Meter unter der Oberfläche. Der Schnee war steinhart. Nur mit Hilfe einer Motorsäge konnten wir die Leute aus dem Bunker zu befreien. In einer Staublawine sind feinste Schneepartikel mit Luft vermischt. Atmet jemand dieses Gemisch ein, schmilzt der Schnee und die Person ertrinkt. "

Bei der Katastrophe von Galtür, am 23. Februar 1999, vereinigten sich 2 Staublawinen und brachten Tod und Zerstörung. 38 Personen verloren ihr Leben. Seit mindestens 300 Jahren war eine Lawine nicht mehr so weit ins Tal vorgedrungen.

François Dufour:
"Eine Fließlawine ist eine Nasschnee-Lawine. Während Staublawinen mit Geschwindigkeiten zwischen 300 und 350 Stundenkilometern zu Tal donnern, erreicht eine Fließlawine nur 100 bis 150 Stundenkilometer. Eine Staublawine zerschmettert ein Haus völlig, das ihr im Weg steht, während eine Fließlawine alles mit sich reißt. "

Nichts hält ihr stand: Bäume, Maschinen, Häuser. Die meisten Lawinen, die im Februar '99 niedergingen, waren von diesem Typ. Am 21. Februar '99 wurde das Dorf Evolène von 2 Fließlawinen verschüttet und von der Umwelt abgeschnitten. Neun Wohnhäuser und 30 Berghütten wurden zerstört, 12 Personen kamen in den Schneemassen ums Leben.

François Dufour:
"Ein dritter Grundtypus sind Schneebrett-Lawinen. Sie sind im allgemeinen kleiner als Staublawinen, aber viel gefährlicher, vor allem für Skifahrer, weil man sie viel schlechter sieht. Wo die großen Lawinen niedergehen, ist im allgemeinen bekannt. Schneebretter sind oft im Gelände versteckt, und in genau diesen Lawinen starben all die Leute, die die gesicherten Pisten verlassen hatten."

Oft ist Unvorsichtigkeit die Ursache. 95 Prozent aller Verschütteten haben das Schneebrett selbst ausgelöst. Varianten-Skifahrer sollten sich genau informieren und wichtige Punkte berücksichtigen:

Franz Tschierky, Institut für Schnee- und Lawinenforschung, Davos:
„Zunächst einmal die Hangneigung: Hänge die steiler sind als etwa 30 Grad, sind grundsätzlich lawinengefährdet, dort kann man Lawinen auslösen; weiter muss man beachten, dass Schattenhänge lawinengefährdet sind, weil dort der Schneedeckenaufbau, der für die Beurteilung der Lawinengefahr das A und O ist, ungünstig ist. Weiter ist der Wind ein wesentlicher Faktor: Der Wind verfrachtet den Schnee, und an den windabgekehrten Hängen, wo sich der Schnee ansammelt, ist es dann auch in einer ersten Phase gefährlich. Eine weitere Situation, die gefährlich sein kann, ist der erste schöne sonnige Tag nach einem Schneefall, weil mit der intensiven Sonneneinstrahlung die Schneedecke destabilisiert wird und Lawinen bevorzugt abgehen können."

Ob und wann eine Lawine losbricht, lässt sich auch heute noch nicht genau voraussagen. Bezüglich der Staublawinen hat man im Vallée de la Sionne neue Erkenntnisse gewonnen: Sie reichen weiter und entwickeln eine viel größere Gewalt als bisher angenommen. An vielen Stellen müssen die Lawinenzonen mit Hilfe der jetzt zur Verfügung stehenden Daten neu berechnet werden.

  © 1999 ARTE G.E.I.E