
|
|
Tanya Atwater
Die Santa-Inez-Berge oberhalb
von Santa Barbara in Kalifornien sind ihr Revier : Hier kann die Geologin
Tanya Atwater nach Millionen Jahre alten Spuren der Entstehung dieser
spektakulären Landschaft suchen.
Das ist Teil ihres Berufes.
Sie gilt heute als prominenteste Geologin der USA. Ihr Fachgebiet ist
das Auseinanderdriften der Kontinentalplatten, sie hat diesen Forschungszweig
mit begründet. Wie ist
Tanya Atwater zur Geologie gekommen ?
Dr. Tanya Atwater:
"Als Kind habe ich noch nicht einmal gewußt , dass es sowas wie Geologie
überhaupt gibt und dass man einen entsprechenden Beruf ausüben kann. Aber
ich stamme aus einer Wissenschaftler-Familie. Meine Mutter ist Botanikerin
und mein Vater Ingenieur. Und wir sind immer zum Camping in die Wildnis
gefahren. Landschaften und Berge habe ich von Anfang an geliebt. Aber
ich dachte, ich würde Künstlerin werden. Ich habe auch Kunstschulen besucht
und all meine Arbeiten haben auch irgendwie einen künstlerischen Aspekt.
Aber als ich aufs Gymnasium kam, wurde gerade die Sputnik in den Weltraum
geschossen. Für junge Leute, die heute leben, ist es vielleicht schwer
zu verstehen, wie sehr uns das damals geprägt hat. Es war unglaublich
für uns, dass Menschen tatsächlich in der Lage sein sollten, ein solches
Ding ins All zu befördern. Wenn Wissenschaft das kann, so dachten wir,
kann sie alles. Deshalb bin ich Forscherin geworden. Und dann habe ich
die verschiedensten Wissenschaften ausprobiert, bis ich zufällig einen
Geologie-Kurs erwischte und dort hängenblieb. Einfach, weil es die Wissenschaft
von dem war, was ich ohnehin am meisten liebte. "
Tanya Atwater machte eine glänzende
Karriere an einigen amerikanischen Elite-Universitäten. Heute ist sie
eine der wenigen Frauen, die zum Mitglied der renommierten Nationalakademie
der Wissenschaften in den USA berufen wurden. Und ihre Forschungen zur
Bewegung der Kontinentalplatten haben ihr auch einen internationalen Ruf
eingebracht.
Atwater:
"Platten-Tektonik ist die neue Lehre von der Bewegung der Kontinentalplatten.
Die Kontinente driften über die Erdoberfläche. Wenn sie aneinanderstoßen,
entstehen große Bergketten wie der Himalaya oder die Alpen. Und wenn sie
auseinanderdriften, ergibt das neue Ozeane. Das ist das entscheidende.
Bevor es diese umfassende Theorie zur Entstehung der Erde gab, konnte
sich niemand vorstellen, wie sich die Ozeane gebildet haben. Aber zunächst
glaubte niemand so recht an die Platten-Tektonik - zumindest in den USA.
Der entscheidende Punkt war tatsächlich das Verständnis der Entstehung
und Veränderung der Ozeane. Und dazu weiß man heute, dass ständig Veränderungen
am Meeresboden passieren. Neuer Boden entsteht, andere Teile werden geradezu
eingesaugt. Es ist ein gigantisches Materialrecycling. Material kommt
aus dem Erdmantel heraus und gelangt auf die Erdoberfläche. So wird die
Erde überschüssige Hitze los. Die Landzunge, auf der Santa Barbara liegt,
befand sich ursprünglich ganz unten, bei San Diego. Dann kam die pazifische
Kontinentalplatte vorbei, riss dieses Stück ab und nahm es einfach mit.
Und jetzt liegt es eben hier, zum Teil als Festland, zum Teil als Inseln
vor der Küste.
Das wunderbare an der Wissenschaft sind jene Momente, wenn verschiedene
Dinge zusammenkommen und plötzlich einen Sinn ergeben. Man sieht dann
einfach mehr. So ging es mir, als ich zum erstenmal diesen Stein sah:
Er ist nichts anderes als ein Stück Erdkruste oder Erdmantel, wie wir
sagen. Ursprünglich wurde dieses Material aus irgendeinem Vulkan auf die
Erdoberfläche geschleudert. Man kann all die grünen Kristalle sehen und
wenn man genau hinschaut, erkennt man auch kleine rote Granat-Einsprengsel.
So sieht der Erdmantel aus. Ich habe mich an der Universität viel mit
Geophysik beschäftigt. Damals sah ich zum ersten Mal solche Teile der
Erdkruste. Es faszinierte mich schon allein, dass man sie einfach so in
die Hand nehmen konnte. Und dann lernten wir, dass das, was wir als Erdoberfläche
bezeichnen, eigentlich ganz dünn ist, nur eine Art Staubschicht. Und alles
darunter ist Erdkruste, also das, was ich hier in der Hand habe. Und für
mich hieß das damals: WHOW ! - wir leben auf einem grünen Juwel. Wenn
wir einfach die oberste Schicht abbürsten würden, das bisschen Erde, die
Menschen, das Wasser und die Wolken, dann hätten wir ein großes grünes,
glänzendes Juwel mit kleinen roten Einsprengseln aus Granit. Das machte
mich einfach glücklich. Und es macht mich heute noch glücklich, dass die
Erde so wunderschön ist.
Das Aufregendste in meinem
Fachgebiet ist heute die Suche nach einem modernen geologischen Erdsystem,
in dem das komplizierte Zusammenspiel zwischen Ozeanen, Land und Wetter
erfasst werden kann. Ein Jahrhundert lang haben die Geologen immer nur
einzelne Teile dieses Systems angeschaut und analysiert. Die große Zusammenschau
ist bisher ausgeblieben. Die Menschen belasten den Planeten - ob sie wollen
oder nicht. Einfach mit ihren Hochtechnologien und durch die Bevölkerungsexplosion.
Und wenn sie die Erde derart belasten, dann sollten sie wenigstens wissen,
was sie da belasten und wie das alles auf das große System wirkt. Dann
werden sie auch bessere Entscheidungen treffen. Die Wissenschaft hat die
Verantwortung, dafür zu arbeiten und sie muss die Grundlagen für ein vernünftiges
Management des Planeten in den kommenden hundert Jahren liefern.
Sie sehen, wie steil diese
Felsen sind und auf ihrer Oberfläche kann man all die Schichten und andere
Spuren der Zeit sehen. Das war einst der Meeresboden , aber er war ziemlich
eben und erst später wurde er angehoben. Das ist alles noch gar nicht
so lange her, ein paar Millionen Jahre vielleicht. Ein großes Stück Land
ist einfach um 180 Grad gedreht worden, als sich der Sankt-Andreas-Graben
bildete. Auf genau diesem Stück stehen wir hier. Wie gesagt: Die Kontinentalplatte
ist einfach vorbeigekommen, hat das Stück ergriffen und umgedreht, als
Teil der großen Deformation. Und dann wurde es in den nächsten Block gepresst
, so dass alles gedrückt wurde und sich schließlich faltete. Ein anderes
Stück erkennt man dort draußen: diese Inseln wurden ebenfalls aus der
Gegend von San Diego, ein paar hundert Meilen weiter südlich, hierher
in die Bucht von Santa Barbara mitgenommen und dabei einmal um 180 Grad
gedreht. Die pazifische Kontinentalplatte versucht, uns nach Alaska zu
ziehen.
Was sagt uns dieses Beispiel
über die tektonischen Bewegungen auf diesem Planeten im allgemeinen?
Dr. Atwater:
"Mir persönlich sagt es, dass diese wunderschönen Berge noch jung
sind und dass sie von gigantischen Kräften geformt wurden und werden.
Ein Resultat ist, dass wir viele Erdbeben haben in Kalifornien. Aber das
ist die Sache wert. Wir können mit Erdbeben leben, denn sie bringen uns
wunderschöne Landschaften, indem sie den gesamten Boden umformen."
Und so dürfte die kalifornische
Küstenlandschaft vor etwa drei bis vier Milliarden Jahren entstanden sein.
Tanya Atwater hat alles, was man heute darüber weiß, in einer Animation
zusammengefaßt.
Dr. Atwater:
"Das ist der Block mit all den Erhebungen in der Nähe von Santa Barbara
und hier ist die Küste von Santa Monica, mit Malibu , wo sich die Surfer
tummeln. Und so sind die Berge entstanden: Als das rotierende Stück gegen
die Küste prallte und sie regelrecht verkürzte. In diesem Moment wuchsen
durch Deformation die Berge aus dem Boden. Außerdem entstand ein riesiges
Loch, das natürlich inzwischen mit Sedimenten gefüllt ist. Wenn man den
Highway One entlangfährt, ist die Küste die ganze Zeit sehr steil, weil
die Falte unter dem Boden enorm groß ist. "
Hat Tanya Atwater Angst vor
dem sogenannten BIG ONE , dem großen Beben, auf das hier alle warten?
Dr. Atwater:
"Nein, ich habe keine Angst. Es wird ein bisschen schwierig sein,
weil dann Vieles kaputt ist und wir es wieder aufbauen müssen. Aber jeder
Ort hat mit Naturgewalten zu kämpfen. Andere Plätze haben ihre großen
Stürme und man muss doch einfach nur flexibel sein , um damit umgehen
zu können. Menschen haben eine ausgesprochene Begabung für Flexibilität.
Es wird also wahrscheinlich gar nicht so schlimm sein. Wir haben in Kalifornien
sehr gute Baubestimmungen - das heißt : Es werden nicht sehr viele Menschen
durch einstürzende Gebäude verletzt werden - das ist sehr wichtig. Das
große Beben wird also, nüchtern betrachtet, ein paar Unannehmlichkeiten
zur Folge haben. Sehr dramatisch wird es wohl nicht. Aber es ist in jedem
Fall ein merkwürdiges Gefühl, wenn sich der Boden plötzlich unter einem
bewegt. Man geht im Kopf davon aus, dass fester Boden unter den Füßen
auch fest bleibt. Und wenn er sich dann doch bewegt, kann einem das schon
Angst machen.
Aber man bekommt den Eindruck,
dass das für Sie nicht so sehr gilt und Sie dieses Gefühl eher mögen...
Dr. Atwater:
"Das stimmt. Die letzten größeren Beben, die wir hier in Südkalifornien
hatten, kamen alle mitten in der Nacht. Und ich wache dann auf und spüre,
daß sich mein Bett bewegt und dann strecke ich mich aus, so dass ich es
noch besser fühlen kann. Ich liebe es. Die Erde führt in meinen Augen
ein ganz eigenes Leben, sie verändert und entwickelt sich ununterbrochen.
"
Ihre Verbundenheit mit dem
Planeten Erde und all den Vorgängen in und auf ihm will Tanya Atwater
auch anderen vermitteln. Deshalb denkt sie - zusammen mit Künstlern -
ständig über neue Formen der Darstellung geologischer Zusammenhänge nach.
Ihre Studenten sollen davon ebenso profitieren wie die Schüler an amerikanischen
Highschools, für die sie Lehrmittel entwirft. Die Erde als ein großer
, lebendiger und sich ständig verändernder Organismus - das ist ihre Botschaft
und in diese Richtung gehen auch ihre Forschungen.
Dr. Atwater:
"Wenn man Geologie betreibt, fühlt man sich winzig klein und man
empfindet sich als etwas Vorübergehendes, Kurzlebiges. Wir sind nur winzige
Eintagsfliegen auf diesem gigantischen Globus, kleine Bakterien auf der
Erdoberfläche. Das macht einen doch sehr bescheiden. Menschen sind erst
ein paar Millionen Jahre auf diesem Planeten, der mindestens seit vier
Milliarden Jahren existiert. Wir sind erst sehr spät dazugekommen und
es wird sich noch herausstellen, wie lange wir als Menschen wirklich mithalten
können."
|