Zurück       Diese Woche      Archiv      Diskussionsforum     
Archimède

29. Februar 2000




 

Tanya Atwater

Die Santa-Inez-Berge oberhalb von Santa Barbara in Kalifornien sind ihr Revier : Hier kann die Geologin Tanya Atwater nach Millionen Jahre alten Spuren der Entstehung dieser spektakulären Landschaft suchen.

Das ist Teil ihres Berufes. Sie gilt heute als prominenteste Geologin der USA. Ihr Fachgebiet ist das Auseinanderdriften der Kontinentalplatten, sie hat diesen Forschungszweig mit begründet. Wie ist Tanya Atwater zur Geologie gekommen ?

Dr. Tanya Atwater:
"Als Kind habe ich noch nicht einmal gewußt , dass es sowas wie Geologie überhaupt gibt und dass man einen entsprechenden Beruf ausüben kann. Aber ich stamme aus einer Wissenschaftler-Familie. Meine Mutter ist Botanikerin und mein Vater Ingenieur. Und wir sind immer zum Camping in die Wildnis gefahren. Landschaften und Berge habe ich von Anfang an geliebt. Aber ich dachte, ich würde Künstlerin werden. Ich habe auch Kunstschulen besucht und all meine Arbeiten haben auch irgendwie einen künstlerischen Aspekt. Aber als ich aufs Gymnasium kam, wurde gerade die Sputnik in den Weltraum geschossen. Für junge Leute, die heute leben, ist es vielleicht schwer zu verstehen, wie sehr uns das damals geprägt hat. Es war unglaublich für uns, dass Menschen tatsächlich in der Lage sein sollten, ein solches Ding ins All zu befördern. Wenn Wissenschaft das kann, so dachten wir, kann sie alles. Deshalb bin ich Forscherin geworden. Und dann habe ich die verschiedensten Wissenschaften ausprobiert, bis ich zufällig einen Geologie-Kurs erwischte und dort hängenblieb. Einfach, weil es die Wissenschaft von dem war, was ich ohnehin am meisten liebte. "

Tanya Atwater machte eine glänzende Karriere an einigen amerikanischen Elite-Universitäten. Heute ist sie eine der wenigen Frauen, die zum Mitglied der renommierten Nationalakademie der Wissenschaften in den USA berufen wurden. Und ihre Forschungen zur Bewegung der Kontinentalplatten haben ihr auch einen internationalen Ruf eingebracht.

Atwater:
"Platten-Tektonik ist die neue Lehre von der Bewegung der Kontinentalplatten. Die Kontinente driften über die Erdoberfläche. Wenn sie aneinanderstoßen, entstehen große Bergketten wie der Himalaya oder die Alpen. Und wenn sie auseinanderdriften, ergibt das neue Ozeane. Das ist das entscheidende.
Bevor es diese umfassende Theorie zur Entstehung der Erde gab, konnte sich niemand vorstellen, wie sich die Ozeane gebildet haben. Aber zunächst glaubte niemand so recht an die Platten-Tektonik - zumindest in den USA. Der entscheidende Punkt war tatsächlich das Verständnis der Entstehung und Veränderung der Ozeane. Und dazu weiß man heute, dass ständig Veränderungen am Meeresboden passieren. Neuer Boden entsteht, andere Teile werden geradezu eingesaugt. Es ist ein gigantisches Materialrecycling. Material kommt aus dem Erdmantel heraus und gelangt auf die Erdoberfläche. So wird die Erde überschüssige Hitze los. Die Landzunge, auf der Santa Barbara liegt, befand sich ursprünglich ganz unten, bei San Diego. Dann kam die pazifische Kontinentalplatte vorbei, riss dieses Stück ab und nahm es einfach mit. Und jetzt liegt es eben hier, zum Teil als Festland, zum Teil als Inseln vor der Küste.

Das wunderbare an der Wissenschaft sind jene Momente, wenn verschiedene Dinge zusammenkommen und plötzlich einen Sinn ergeben. Man sieht dann einfach mehr. So ging es mir, als ich zum erstenmal diesen Stein sah: Er ist nichts anderes als ein Stück Erdkruste oder Erdmantel, wie wir sagen. Ursprünglich wurde dieses Material aus irgendeinem Vulkan auf die Erdoberfläche geschleudert. Man kann all die grünen Kristalle sehen und wenn man genau hinschaut, erkennt man auch kleine rote Granat-Einsprengsel. So sieht der Erdmantel aus. Ich habe mich an der Universität viel mit Geophysik beschäftigt. Damals sah ich zum ersten Mal solche Teile der Erdkruste. Es faszinierte mich schon allein, dass man sie einfach so in die Hand nehmen konnte. Und dann lernten wir, dass das, was wir als Erdoberfläche bezeichnen, eigentlich ganz dünn ist, nur eine Art Staubschicht. Und alles darunter ist Erdkruste, also das, was ich hier in der Hand habe. Und für mich hieß das damals: WHOW ! - wir leben auf einem grünen Juwel. Wenn wir einfach die oberste Schicht abbürsten würden, das bisschen Erde, die Menschen, das Wasser und die Wolken, dann hätten wir ein großes grünes, glänzendes Juwel mit kleinen roten Einsprengseln aus Granit. Das machte mich einfach glücklich. Und es macht mich heute noch glücklich, dass die Erde so wunderschön ist.

Das Aufregendste in meinem Fachgebiet ist heute die Suche nach einem modernen geologischen Erdsystem, in dem das komplizierte Zusammenspiel zwischen Ozeanen, Land und Wetter erfasst werden kann. Ein Jahrhundert lang haben die Geologen immer nur einzelne Teile dieses Systems angeschaut und analysiert. Die große Zusammenschau ist bisher ausgeblieben. Die Menschen belasten den Planeten - ob sie wollen oder nicht. Einfach mit ihren Hochtechnologien und durch die Bevölkerungsexplosion. Und wenn sie die Erde derart belasten, dann sollten sie wenigstens wissen, was sie da belasten und wie das alles auf das große System wirkt. Dann werden sie auch bessere Entscheidungen treffen. Die Wissenschaft hat die Verantwortung, dafür zu arbeiten und sie muss die Grundlagen für ein vernünftiges Management des Planeten in den kommenden hundert Jahren liefern.

Sie sehen, wie steil diese Felsen sind und auf ihrer Oberfläche kann man all die Schichten und andere Spuren der Zeit sehen. Das war einst der Meeresboden , aber er war ziemlich eben und erst später wurde er angehoben. Das ist alles noch gar nicht so lange her, ein paar Millionen Jahre vielleicht. Ein großes Stück Land ist einfach um 180 Grad gedreht worden, als sich der Sankt-Andreas-Graben bildete. Auf genau diesem Stück stehen wir hier. Wie gesagt: Die Kontinentalplatte ist einfach vorbeigekommen, hat das Stück ergriffen und umgedreht, als Teil der großen Deformation. Und dann wurde es in den nächsten Block gepresst , so dass alles gedrückt wurde und sich schließlich faltete. Ein anderes Stück erkennt man dort draußen: diese Inseln wurden ebenfalls aus der Gegend von San Diego, ein paar hundert Meilen weiter südlich, hierher in die Bucht von Santa Barbara mitgenommen und dabei einmal um 180 Grad gedreht. Die pazifische Kontinentalplatte versucht, uns nach Alaska zu ziehen.

Was sagt uns dieses Beispiel über die tektonischen Bewegungen auf diesem Planeten im allgemeinen?

Dr. Atwater:
"Mir persönlich sagt es, dass diese wunderschönen Berge noch jung sind und dass sie von gigantischen Kräften geformt wurden und werden. Ein Resultat ist, dass wir viele Erdbeben haben in Kalifornien. Aber das ist die Sache wert. Wir können mit Erdbeben leben, denn sie bringen uns wunderschöne Landschaften, indem sie den gesamten Boden umformen."

Und so dürfte die kalifornische Küstenlandschaft vor etwa drei bis vier Milliarden Jahren entstanden sein. Tanya Atwater hat alles, was man heute darüber weiß, in einer Animation zusammengefaßt.

Dr. Atwater:
"Das ist der Block mit all den Erhebungen in der Nähe von Santa Barbara und hier ist die Küste von Santa Monica, mit Malibu , wo sich die Surfer tummeln. Und so sind die Berge entstanden: Als das rotierende Stück gegen die Küste prallte und sie regelrecht verkürzte. In diesem Moment wuchsen durch Deformation die Berge aus dem Boden. Außerdem entstand ein riesiges Loch, das natürlich inzwischen mit Sedimenten gefüllt ist. Wenn man den Highway One entlangfährt, ist die Küste die ganze Zeit sehr steil, weil die Falte unter dem Boden enorm groß ist. "

Hat Tanya Atwater Angst vor dem sogenannten BIG ONE , dem großen Beben, auf das hier alle warten?

Dr. Atwater:
"Nein, ich habe keine Angst. Es wird ein bisschen schwierig sein, weil dann Vieles kaputt ist und wir es wieder aufbauen müssen. Aber jeder Ort hat mit Naturgewalten zu kämpfen. Andere Plätze haben ihre großen Stürme und man muss doch einfach nur flexibel sein , um damit umgehen zu können. Menschen haben eine ausgesprochene Begabung für Flexibilität. Es wird also wahrscheinlich gar nicht so schlimm sein. Wir haben in Kalifornien sehr gute Baubestimmungen - das heißt : Es werden nicht sehr viele Menschen durch einstürzende Gebäude verletzt werden - das ist sehr wichtig. Das große Beben wird also, nüchtern betrachtet, ein paar Unannehmlichkeiten zur Folge haben. Sehr dramatisch wird es wohl nicht. Aber es ist in jedem Fall ein merkwürdiges Gefühl, wenn sich der Boden plötzlich unter einem bewegt. Man geht im Kopf davon aus, dass fester Boden unter den Füßen auch fest bleibt. Und wenn er sich dann doch bewegt, kann einem das schon Angst machen.

Aber man bekommt den Eindruck, dass das für Sie nicht so sehr gilt und Sie dieses Gefühl eher mögen...

Dr. Atwater:
"Das stimmt. Die letzten größeren Beben, die wir hier in Südkalifornien hatten, kamen alle mitten in der Nacht. Und ich wache dann auf und spüre, daß sich mein Bett bewegt und dann strecke ich mich aus, so dass ich es noch besser fühlen kann. Ich liebe es. Die Erde führt in meinen Augen ein ganz eigenes Leben, sie verändert und entwickelt sich ununterbrochen. "

Ihre Verbundenheit mit dem Planeten Erde und all den Vorgängen in und auf ihm will Tanya Atwater auch anderen vermitteln. Deshalb denkt sie - zusammen mit Künstlern - ständig über neue Formen der Darstellung geologischer Zusammenhänge nach. Ihre Studenten sollen davon ebenso profitieren wie die Schüler an amerikanischen Highschools, für die sie Lehrmittel entwirft. Die Erde als ein großer , lebendiger und sich ständig verändernder Organismus - das ist ihre Botschaft und in diese Richtung gehen auch ihre Forschungen.

Dr. Atwater:
"Wenn man Geologie betreibt, fühlt man sich winzig klein und man empfindet sich als etwas Vorübergehendes, Kurzlebiges. Wir sind nur winzige Eintagsfliegen auf diesem gigantischen Globus, kleine Bakterien auf der Erdoberfläche. Das macht einen doch sehr bescheiden. Menschen sind erst ein paar Millionen Jahre auf diesem Planeten, der mindestens seit vier Milliarden Jahren existiert. Wir sind erst sehr spät dazugekommen und es wird sich noch herausstellen, wie lange wir als Menschen wirklich mithalten können."

  © 1999 ARTE G.E.I.E