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Archimède

07. März 2000




 

Spuren

Seit 1995 begleiten wir das Team des Paläontologen Jean-Michel Mazin bei seiner Arbeit in Crayssac in der Nähe von Cahors.

Hier, an diesem wichtigsten paläontologischen Fundort Europas, kann man auf Spuren längst ausgestorbener Tiere treffen, deren Abdrücke sich bei jeder neuen Flut in diesem 140 Millionen Jahre alten versteinerten Strand verewigt haben. Die Forscher arbeiten gerne bei Nacht, weil die freigelegten Abdrücke unter dem gleißenden Licht der Scheinwerfer besser zu erkennen sind. Und immer fragen sie sich: Zu welchem Tier gehörten sie wohl? Wie bewegte es sich fort? Und mit welcher Geschwindigkeit? Doch zuweilen reicht ihr Wissen nicht aus, um diese Fragen zu beantworten. So muss man zur Deutung solch rätselhafter Spuren völlig neue Wege beschreiten.

Jean-Michel Mazin
Unter den etwa vierzig Tierspuren und -abdrücken, die wir hier in Crayssac bisher entdeckt haben, geben uns einige Rätsel auf. Ganz besonders eine lange, sinusförmige Spur, die sich über einige Meter erstreckt. Und auf beiden Seiten dieser Spur sind zusätzliche Abdrücke zu erkennen, Abdrücke einer Hand, und dahinter der Absatz eines Fußes. Das Tier bewegte sich also in dieser Richtung. Wenn wir uns den Abdruck etwas näher ansehen, erkennen wir, dass die Hand aus fünf Gliedern besteht: eins, zwei, drei, vier, fünf, und dass der Fuß - er ist noch nicht vollständig freigelegt, wir sind noch dabei - dreieckig geformt ist. Von anderen Spuren wissen wir, dass er vier Glieder besitzt. Diese Spur hier stammt höchstwahrscheinlich von einem kleinen krokodilähnlichen Tier. Daher haben wir uns entschlossen, in der Krokodilfarm von Pierrelatte einen Versuch durchzuführen. Dazu lassen wir heute lebende Krokodile über Lehmerde und Schlamm laufen und vergleichen danach diese Spuren mit denen, die wir in Crayssac gefundenen haben.

Die Krokodilfarm von Pierrelatte nahe bei Montélimar ist ein riesiges 6500 m2 großes Tropenhaus, in dem 500 Krokodile leben und sich vermehren. Jean-Michel Mazin und Jean-Paul Billon-Bruyat haben sich zur Durchführung ihres Versuchs für eines der jüngsten Bewohner dieser Farm entschieden.
Mit einer Videokamera nimmt Jean-Michel Mazin jede Bewegung des Krokodils auf, um später daraus dessen Geschwindigkeit ermitteln zu können. In dem feuchten Lehmboden hinterlässt das Tier deutlich erkennbare Abdrücke.

Jean Michel Mazin
Die gesamte Oberfläche wird photographiert, und zwar mit Hilfe einer Digitalkamera, damit wir sie später im Laborcomputer detailgetreu rekonstruieren können.
Bei diesem Experiment geht es nicht in erster Linie darum, möglichst tiefe, deutliche Abdrücke zu erhalten, sondern wir wollen die biometrischen Merkmale des Tieres anhand seiner Spuren erfassen. Damit können wir seine theoretische Geschwindigkeit berechnen. Diese Ergebnisse vergleichen wir dann mit unserer Videoaufzeichnung, mit deren Hilfe die tatsächliche Geschwindigkeit des Krokodils ermittelt werden kann.

Jean-Paul Billon-Bruyat
Wir messen zunächst den Abstand zwischen den Füßen, die so genannte Schrittweite. Wir nennen diese Distanz d1-d2...
Jetzt zeichne ich ein, welchen Winkel die Füße zueinander bilden. Anhand der Position dieser Spuren kann man erkennen, wie sich das Tier fortbewegt und ob die Füße eher neben oder eher unter dem Körper liegen. Bei den Krokodilen ist deutlich zu erkennen, dass sich die Hände und Füße seitlich neben dem Körper befinden.

Jean Michel Mazin
Wir ermitteln die gesamte Körperlänge des Tieres, danach nehmen wir noch einige andere Messungen vor, die zur Berechnung der Geschwindigkeit notwendig sind, wie beispielsweise der Abstand zwischen Schulter und Hüfte oder die Fußgröße. Denn zwei unterschiedlich große Tiere hinterlassen möglicherweise eine Spur mit gleicher Schrittweite, genauso wie zwei Menschen unterschiedlicher Größe einen Schritt von 80 cm besitzen können, ohne dass sich daraus Rückschlüsse auf ihre Geschwindigkeit ziehen ließe.

Die Wissenschaftler hatten bei der Auswahl des Versuchstieres eine glückliche Hand - die Spuren des kleinen Krokodils weisen große Ähnlichkeiten mit den fossilen Abdrücken aus Crayssac auf.

Jean-Paul Billon-Bruyat
Nun können wir die Spuren, die wir in Crayssac gefunden haben, mit denen aus der Krokodilfarm von Pierrelatte vergleichen. Man sieht deutlich, dass es sich bei dem kleinen Tier, welches vor 140 Millionen Jahren hier an den Strand von Crayssac kam, um ein Krokodil gehandelt haben muss. Da sind wir uns ganz sicher, denn die Ähnlichkeit der Spuren und die Position der Hände und Füße des Tieres lassen keinen anderen Schluss zu. Das Krokodil von Pierrelatte hatte eine Länge von etwa 70 cm. Die Spuren von Crayssac sind um ungefähr 5 mm kleiner - daraus ergibt sich eine Länge von schätzungsweise 50 bis 60 cm. Die Schrittweite des Krokodils von Pierrelatte beträgt etwa 20 cm, die des Tieres von Crayssac liegt bei 14 cm, ist also ein wenig kürzer. Das Krokodil von Pierrelatte bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von 1,6 km/h. Aus den 140 Millionen Jahre alten Spuren kann man ablesen, dass sich das Tier am Strand von Crayssac etwas langsamer fortbewegte, seine Gangart war etwas ruhiger.

Jean Michel Mazin
Die Tatsache, dass es hier am Strand von Crayssac Krokodile gab, wirft schon die nächste Frage auf. Vor 140 Millionen Jahren war dies eine Lagune. Es ist also überhaupt nicht verwunderlich, dass man hier auf Abdrücke von Krokodilen stößt - Meereskrokodile übrigens. Aber alle Spuren an diesem Strand stammen von kleinen, noch nicht ausgewachsenen Echsen, sogar von gerade erst geschlüpften. Und natürlich stellt sich sofort die Frage, was taten diese jungen Krokodile hier in der Lagune von Crayssac?

Jean-Paul Billon-Bruyat
Vielleicht war das eine Brutstätte für diese Krokodilart - möglicherweise konnten sich hier die Jungtiere besonders gut entwickeln.

Jean Michel Mazin
Diese Hypothese ist vielleicht am plausibelsten, denn wie alle Krokodile vermehrte sich auch diese Art über das Ausbrüten von Eiern. Und möglicherweise entwickelten sich hier in der Lagune die Jungtiere ganz besonders gut - schließlich handelt es sich um Meereskrokodile, das darf man nicht vergessen. Sie müssen Nahrung in Hülle und Fülle gefunden haben. Vielleicht also war die Lagune von Crayssac vor 140 Millionen Jahren eine bevorzugte Brutstätte für diese Art von Meereskrokodilen.

  © 1999 ARTE G.E.I.E