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Archimède

14. März 2000



 

Versinkende Platten

Eine großartige Neuigkeit ist gerade publik geworden: 1999 haben Messungen ergeben, dass untergegangene Kontinente bis in eine Tiefe von 3.000 Kilometern herabsinken können - bis in den inneren Kern der Erde.

Bisher hatte man geglaubt, die Kontinente seien zu leicht, um sich so tief eingraben zu können. Professor Archipi ist sehr, sehr aufgeregt.
"Wie kommt es überhaupt zum Verschwinden ganzer Kontinente"- fragt sein Lieblingsschüler Archiprimus.
"Die Erdkruste ist ein Mosaik aus etwa zehn tektonischen Platten - bestehend aus leichtem Felsgestein - die auf dem Erdmantel dahintreiben. Dieser Erdmantel ist eine dicke Schicht, die den gesamten Kern der Erde bedeckt" - erklärt Archipi.
"Einige dieser Platten bilden die Ozeane, andere die Kontinente. An manchen Stellen treiben die Platten aber auseinander, und die glühend heiße Materie aus dem Erdkern dringt an die Oberfläche und erkaltet dort. Das geschieht mit einer Geschwindigkeit von einigen Zentimetern pro Jahr. So bildet sich entlang dieser Grenze jährlich ein neues drei Quadratkilometer großes Stück Erdkruste. Da die Erdoberfläche jedoch gleich bleibt, verschwindet an anderer Stelle des Globus ein entsprechend großes Stück, und zwar dort, wo zwei solcher Zonen aneinander stoßen.
Nehmen wir beispielsweise die Verschiebung des indischen Kontinents. In einem Zeitraum von 70 Millionen Jahren ist Indien von Madagaskar aus nach Norden gewandert und dort auf den asiatischen Kontinent geprallt. Während dieser Kollision kam es zu einer Faltung der asiatischen Platte, aus der die Gebirgskette des Himalaya entstand. Man musste also nun darüber befinden, ob die indische Platte gegen die asiatische gestoßen ist, oder ob sich Indien unter die asiatische Platte geschoben hat. Viele Geologen glaubten" - fuhr Archipi fort - "dass die Kontinente -leichter als die anderen Teile der Erdkruste - nicht bis tief in den Erdmantel eindringen konnten. Wie hat man diese Frage gelöst? Mit Hilfe der Aufzeichnungen von Erdbeben! Die von einem Epizentrum ausgehenden Wellen breiten sich bis ins Innere der Erde aus. Nach einer Zeit, deren Dauer man messen kann, erreichen sie irgendeinen beliebigen Punkt der Erdoberfläche. Und diese Zeit hängt von der Zusammensetzung und der Temperatur des Gesteins ab, aus dem der Erdmantel an dieser Stelle besteht. Ist das Gestein kälter - wie bei einer tektonischen Platte, die sich unter einen anderen Kontinent geschoben hat - breiten sich die Wellen langsamer aus. Misst man nun die Geschwindigkeit der Tausenden von Wellen, die während eines Bebens die Erde durchlaufen, ist man in der Lage, die innere Struktur des Erdkerns zu rekonstruieren."

"Und was ist dabei herausgekommen" - fragt Archiprimus. "Nun, man hat eine kältere Gesteinszunge unter dem Kollisionspunkt der beiden Kontinente entdeckt, die sich bis in den Erdkern hinein fortsetzt. Diese Zunge beweist, dass sich hier zwei Platten untereinander geschoben haben. Damit hat meine Theorie gesiegt" - frohlockt Archipi. "Das ist der Höhepunkt einer arbeitsreichen Karriere, das lohnende Ergebnis zahlreicher, anstrengender Jahre: Die indische Platte hat sich also unter den asiatischen Kontinent geschoben... Und auf der Oberfläche des Erdkerns muss sich demnach ein Friedhof voller sehr alter tektonischer Platten befinden. Dieser Beweis des gegenseitigen Ineinanderschiebens solcher Platten wird die Geologie völlig auf den Kopf stellen: Um die Struktur der Gebirge zu verstehen, muss man immer weiter in Bereiche eindringen, die tief, tief unter unseren Füßen liegen."

  © 1999 ARTE G.E.I.E