Zurück       Diese Woche      Archiv      Diskussionsforum     
Archimède

28. März 2000


Links und Adressen zur Sendung:

ZAUG GmbH
Dr. Manfred Roth
Gießener Straße 52
35444 Biebertal
Tel.: 06409/2376
Fax: 06409/9944
e-mail: MROTH85050@aol.com
Internet: www.blutegel.de


 

Das Comeback der Blutsauger

Arten, die vom Aussterben bedroht sind, gilt im allgemeinen das besondere Mitgefühl des Menschen. Man setzt sich dafür ein, dass diese Spezies erhalten bleibt und ihr Bestand wieder zunimmt.

Beim Blutegel ist das anders. Der Hirudo medicinalis ist in Europa bereits so gut wie ausgestorben. Manfred Roth arbeitet seit 10 Jahren daran diesen Zustand zu ändern. Der Zoologe bewundert diese Tiere und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den medizinischen Blutegel in Europa wieder anzusiedeln.

Dr. Manfred Roth:
"Als Zoologe ist man, wie Konrad Lorenz schon betont hat, nicht unbedingt jemand, der Hunde, Katzen und Pferde gern hat, sondern jemand, der auch mal gern mit einem Frosch in der Tasche rumläuft. Und außerdem sind Blutegel auch ziemlich spannend, bzw. welche ökologische Nische sie sich gebaut haben, im Laufe ihrer doch schon mehr als 650 Millionen Jahre währenden Evolution. Sie saugen nicht nur als reine Parasiten Blut, sondern geben ihrem Opfer oder in 'Patienten' auch etwas zurück."

Der Egel gilt als Parasit, er ruft Ekel hervor und Ablehnung. Eine Haltung, die aus Unkenntnis entsteht, denn man weiß bis heute eher wenig über dieses Tier:

Dr. Manfred Roth:
"Die Blutegel sind enge Verwandte des Regenwurms: Sie leben hauptsächlich im Wasser, können aber auch auf dem Land leben. Und da können sie sich wie auch im Wasser fortbewegen, indem sie mit dem oberen und dem hinteren Saugnapf spannerraupenartige Bewegungen machen. Übrigens einzigartig im Tierreich ist die Tatsache, dass der Kopf gleichzeitig ein Fortbewegungsorgan ist. Seine drei Zahnleisten sind halblinsenförmig und bewegen sich in einer sägenden Richtung hin und her. In der gleichen Form sägen sie auch die Haut auf."

Das Mundwerkzeug des Egels schneidet sich mühelos durch das dicke Fell von Rindern. Die Kiefer sind dabei sternförmig im Schlund angeordnet. Immer mehr Ärzte und Heilpraktiker sind wieder von der heilenden Wirkung des Egelbisses überzeugt. Er lindert Rheuma und treibt die Gicht aus dem Körper, löst Gefäss-Stauungen und heilt Infektionen, hilft bei Depressionen und Angina Pectoris. Auf die Haut gesetzt, saugt ein Egel etwa ein Schnapsglas voll Blut.

Dr. Ulrich Storck:
"Die Blutegelbehandlung ist eine vergessene oder beinahe in Vergessenheit geratene Behandlungsmethode, die ihre Blütezeit wohl im Mittelalter erlebt hat. Später hat man sich aber wieder auf diese Methode besonnen. Der Blutegel benutzt seine Reagenzien dazu, um in dem Einzugsbereich die Blutgefäße zu erweitern und die Blutflüssigkeit zu verdünnen. Er betäubt die Stelle etwas, weil er ja sonst in der Natur sofort erkannt und abgeschüttelt werden würde. Diese Eigenschaften machen wir uns zu Nutze, um eine Methode zur Anwendung zu bringen, die für den Patienten (v)erträglich und möglichst nebenwirkungsarm ist - Und ihren Effekt hat, nämlich in einem etwa handtellergroßen Bezirk eine Durchblutungsverbesserung zu erreichen."

Nach einer halben Stunde hat der Blutegel sein Gewicht vervielfacht und lässt gesättigt von selbst los. Blutegel dürfen nur einmal eingesetzt werden, leicht könnten Krankheiten wie Aids oder Hepatitis übertragen werden. Gegen eine Rücknahmegebühr werden einmal benutzte Egel in eine Art Rentnerdasein entlassen. In speziell angelegten Teichen leben sie dann unter natürlichen Bedingungen. Manche Exemplare werden bis zu dreißig Jahre alt. Die eigentliche Gestalt der Egel ist in der Natur schwer zu beobachten und wird erst bei besonderer Beleuchtung deutlich. Die farbige Rückenzeichnung ist von Tier zu Tier verschieden. Ihr Körper besteht aus 95 Ringen und ist überall mit Sinneszellen ausgestattet. Der Egel gleicht einer schwimmenden Zunge, die sich in delphinartig im Wasser fortbewegt. Blutegel benötigen kalkarmes Süßwasser zum Leben. Die zwittrigen Würmer reagieren äußerst sensibel auf Wasserbewegungen jeder Art, die von Wirtstieren ausgehen könnten, von vermeintlichen Opfern, die es schon lange nicht mehr gibt.

Dr. Manfred Roth:
"In Österreich, Deutschland, Frankreich und Holland sind Blutegel aus zwei Gründen ausgerottet. Einmal weil im letzten Jahrhundert der gleiche Raubbau an Blutegeln betrieben wurde, es wurden teilweise bis zu 100 Blutegel angesetzt. Dazu kommt dann, nachdem die Egel schon fast ausgerottet waren, noch die Trockenlegung der Feuchtgebiete, so dass Opfer und Täter nicht mehr zusammenkamen. Die Rinder zum Beispiel sind ja heute alle in den trockenen Bereichen und da kommt der Egel, der sich in den sumpfigen Bereichen aufhält, nicht mehr dran."

In den letzten Jahren hat sich ein reger Handel mit Egeln entwickelt. Was über lange Zeit nicht funktionierte, die Zucht der Tiere, ist im hessischen Biebertal in der Nähe von Frankfurt gelungen. Dort werden im großen Stil Tiere gezüchtet. Bisher wurde der Bedarf an Blutegeln durch Importe aus dem Ausland gedeckt. Aber eingeführt werden sie noch immer, vor allem aus der Türkei. Die Aufzucht dieser äußerst sensiblen Tiere ist schwieriger als es scheint.

Dr. Manfred Roth:
"Es gibt wenig Literatur über die Blutegel und viele Schwierigkeiten bei ihrer Aufzucht. Zum Beispiel die, dass Egel dazu neigen, wenn sie hungrig sind, auch über satte Gefährten herzufallen. Eine Art Kannibalismus - eines der großen Probleme in der Zucht. Die Aufzucht von Jungegeln ist ein ziemlich großes Problem; wir betreiben sie, trotz dieser Probleme, insbesondere aus Gründen des Artenschutzes. Weil auch in der Türkei die Blutegel zur Neige gehen; vor allem die Pharmaindustrie importiert tonnenweise Egel."

Die Zucht findet in konstruierten Lebensräumen statt, umgeben von Schilf. Für die erfolgreiche Fortpflanzung ist ein gleichbleibender Wasserstand Voraussetzung. Nach der wechselseitigen Befruchtung legen die Egel ihre Eier in eichelgroßen Kokons ab, in der feuchten Ufererde, zumeist im Sommer. Aus diesen Eiern schlüpfen nach etwa sechs Wochen bis zu 30 Jungegel aus. Je nach Ernährungslage brauchen sie zwei bis fünf Jahre, um so groß zu werden, dass sie medizinisch eingesetzt werden können. Frisch geschlüpfte Egel gelten als besonders beißfreudig, sie saugen an Fischen, Fröschen und Kröten. Für die Fortpflanzung ist jedoch Warmblüterblut von größter Bedeutung. Nur jeder zehnte wird alt genug, um der Medizin von Nutzen zu sein. Viele Tiere erkranken.

Dr. Manfred Roth:
"Wir haben früher versucht, Egel durch Antibiotika und alle möglichen Arten der Therapie zu heilen. Es hat alles nichts genützt, bis einer unserer Mitarbeiter auf den klugen Gedanken kam, die kranken Egel einfach mal in einen natürlichen Teich zu setzen und in Ruhe zu lassen. Und das hat geholfen."

Das ist der Traum des Egelzüchters. Die Tiere wieder in freier Wildbahn anzusiedeln. Unsere Tümpel, die flachen Teiche und langsam fließende Gewässer sollen wieder heimisch werden für den Blutegel. Aber eine solche Maßnahme führt unweigerlich zu Komplikationen mit anderen Naturfreunden.

Prof. Fritz Jauker:
"Stellen Sie sich vor, wir setzen Blutegel aus. Zehn Blutegel 'schaffen' einen Frosch. Und stellen sie sich vor, es kommen Betreuer von Renaturierungsgebieten in ihre wunderschönen Biotope und finden einen ausgesaugten Frosch und zehn Blutegel dran. Das gibt vielleicht Probleme. Es muss also sowohl geklärt werden, was den Egeln geschieht als auch, wie es den anderen Mitbewohnern der Habitate ergeht."

Wie und wo siedelt man die Tiere wieder an? Kann man den Egel ohne weiteres wieder mit anderen Tierarten in Kontakt treten lassen? Aber selbst wenn gelingen sollte, dass der Egel in seiner neuen Umgebung überlebt, in friedlicher Koexistenz mit anderen Wasserwesen, dann ist da immer noch der Mensch, der ihn einfach nicht mag.

Prof. Fritz Jauker:
"Es gibt zwei Vorbehalte. Einmal ist der Blutegel ein wirbelloses Tier, was sich schlängelt und wurmartig aussieht, was viele Leute ekelt. Und das zweite ist, was er tut. Er beißt in die Haut und trinkt das Blut. Das macht vielen Menschen Probleme."

Und dabei gibt er seinem Opfer auch etwas zurück: Eine Eigenschaft, die der Mensch nun wiederentdeckt hat und dem Egel eine Renaissance beschert. Ob es aber der Mensch zulässt, dass der Blutegel je wieder in freier Wildbahn balzt, ist eher fraglich.

  © 1999 ARTE G.E.I.E