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Archimède

28. März 2000



 

Porträt: Das Semjonov-Institut

Die wissenschaftlichen Leistungen des Instituts im Übergangsbereich zwischen Festkörperphysik und Chemie werden auf der ganzen Welt geschätzt - nur nicht vom russischen Staat. Der kürzte sein Forschungsbudget um zwei Drittel und gefährdet damit den größten Schatz, den er von der Sowjetunion erbte: Forschung auf Spitzenniveau.

Seit 1944 arbeiten Wissenschaftler in den Labors des Semjonov-Instituts für Chemische Physik in Moskau. Der Chemiker Viktor Radzig forscht über die physikalische Struktur des Quarzglases. Er regt bestimmte chemische Prozesse an, durch die sich molekulare Strukturen an der Oberfläche aufbauen. Seit 15 Jahren laufen die Versuchsreihen und anschließenden Auswertungen der Experimente. Zu Sowjetzeiten arbeitete Radzig isoliert. Erst in den letzten Jahren erfuhr er, welche ausländischen Kollegen an verwandten Themen arbeiten, und dass seine Forschungsergebnisse in der wissenschaftlichen Welt beachtet und gebraucht werden.

Viktor Radzig:
„Natürlich können wir das Niveau unserer Arbeit mit dem im Ausland vergleichen. Aber es gibt große methodische Unterschiede: Die amerikanische Wissenschaft zum Beispiel ist stark ergebnisorientiert. Die Wissenschaftler arbeiten meist an ganz konkreten Problemen. Das ist eine technologische Herangehensweise auf wissenschaftlichem Niveau. Wir Russen folgen einer anderen wissenschaftlichen Tradition: Unser Wissen und unsere Interessen richten sich weitgehend auf die Grundlagenforschung der Physik und Chemie. In Russland verfügen wir im Moment nicht über die finanziellen Möglichkeiten, um in der Forschung mit sehr teuren Versuchsaufbauten zu arbeiten. Es scheint mir, dass solche Forschungsbedingungen überhaupt nur Auserwählte genießen. Ich bin mit meiner Theorie-orientierten Arbeitsmethode zufrieden, denn ich kann die Grundlagen der Probleme verstehen - und zwar besser, als andere."

Der Chemiker und Nobelpreisträger Nikolaj Semjonov ist Gründungsdirektor und Namensgeber des Instituts. Dessen Sitz ist seit 1944 ein ehemaliges Fürstenpalais in Moskau. Von hier aus wuchs es zu einem Forschungsgiganten mit zahlreichen Außenstellen in Russland heran. Für seinen wissenschaftlichen Nachwuchs setzte Semjonov eine Eliteausbildung durch: In den ersten drei Studienjahren pauken die Studenten an der Universität, dann werden die zwanzig besten an das Semjonov-Institut übernommen. Nur wer den Magisterabschluss mit einem Roten Examen ablegt, erhält danach die Möglichkeit zur Promotion. Die Professoren des Instituts sind Mitglieder der Akademie der Wissenschaften... und zählen damit zur Wissenschaftselite Russlands.

Pavel Butjagin:
„Unsere Studenten werden in den USA gerne genommen. Einige von ihnen sind heute am Institute of Technology in Massachusetts! Wer an unserem Institut ausgebildet wurde, der hat die grundlegenden naturwissenschaftlichen Gesetze verinnerlicht. Deshalb wird aus ihm ein erstklassiger Wissenschaftler. Es gibt ja unzählige Wissenschaftler auf der Welt, aber nur sehr wenige von ihnen sind wirkliche Forscher. Aber an unserem Institut gibt es sie und darum existieren wir überhaupt noch. Das wichtigste an unserer Ausbildung ist, dass die Studenten lernen, das Wesentliche eines chemischen oder physikalischen Prozesses zu erfassen. In den letzten Jahren beobachten wir, dass die Absolventen unseres Institutes auch Erfolg in der Wirtschaft haben. Das heißt, dass unsere wissenschaftlichen Arbeitsmethoden auch auf Banken und Betriebe übertragbar sind. Unsere Absolventen machen hier in Russland und auch im Ausland schnell Karriere. Viele von ihnen haben schon eigene Firmen im Westen, obwohl sie dort ganz klein anfangen mussten. Die Ausbildung unseres Instituts hilft den jungen Menschen überall. Nur hier können wir sie nicht halten."

Gerade die jungen Mitarbeiter werden aber als Wissenschaftsmanager gebraucht, denn der gesellschaftliche Umgestaltungsprozess fordert einen neuen, marktorientierten Umgang mit Forschung. Know-How muß praktische Anwendung finden, damit es sich an finanzkräftige Abnehmer verkauft. Doch mit der Vermarktung tun sich die Institutsmitarbeiter sehr schwer, denn sie forschen zu den theoretischen Grundlagen der chemischen Physik. Das hochspezialisierte Arbeitsgebiet des Instituts zwischen Festkörperphysik und Chemie bringt nicht unmittelbar praktischen Nutzen, und Interessenten aus der Industrie sind rar. Die Physiker und Chemiker des Semjonov-Instituts erforschen die Eigenschaften von Oberflächen fester Körper. Eine Forschergruppe arbeitet zum Beispiel seit einigen Jahren über das Verhalten von Metallen unter Druck. Andere Institutsmitarbeiter forschen an der Wirkung chemischer Prozesse auf Molekularstrukturen oder Schwingungseigenschaften. In Wissenschaftskreisen sind nicht nur die Forschungsergebnisse der Semjonov-Mitarbeiter gefragt, sondern auch Forschungskooperationen. Einladungen zu Forschungssemestern oder zu Sommerakademien ins Ausland sind keine Seltenheit. Die Europäische Union, die amerikanische Regierung und auch private Stiftungen wie die Open Society von George Soros unterstützen das Institut. So werden Reisen finanziert, wissenschaftliche Publikationen ermöglicht und internationale Forschungsvorhaben gefördert. Darüber hinaus haben Internet und e-mail zu einer wahren Revolution des Arbeitsalltags geführt.

Viktor Radzig:
„Wir genießen die vielfältigen Möglichkeiten, mit unseren Kollegen im Ausland zu diskutieren. Außerdem publizieren wir heute häufig in ausländischen Fachzeitschriften. Aufsätze, die dort erscheinen, bringen dem Verfasser höhere fachliche Anerkennung, als die in russischen Zeitschriften."

Die Wissenschaftler sind in den Kreis der forschenden Weltgemeinschaft integriert, aber ihre Arbeitsbedingungen sind schlecht. Das Semjonov-Institut gehört zur Akademie der Wissenschaften, doch das Budget der renommierten Dachorganisation ist im neuen Russland um zwei Drittel kleiner als in der alten Sowjetunion. Deshalb gibt es für die moderne Ausstattung der Institute kein Geld. Wissenschaftler verdienen miserable 30 bis 90 Mark im Monat. Sie können nur im Institut arbeiten, wenn Ehepartner oder Eltern für sie mitverdienen.

Pavel Butjagin:
„Die Wissenschaftler, die hier arbeiten, sind Enthusiasten, Menschen, aus deren Leben die Wissenschaft nicht wegzudenken ist. Forschung ist für sie Lebensenergie."

Vom Enthusiasmus kann niemand leben und längst nicht jedes Forschungsvorhaben kann verkauft werden, schon gar nicht bevor die wissenschaftliche Arbeit beginnt. Ohne kontinuierliche staatliche Förderung kann die russische Forschung nicht existieren. Russland gefährdet seine Zukunft, denn worauf sollte sie gebaut werden, wenn nicht auf innovatives Wissen?"

  © 1999 ARTE G.E.I.E