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Archimède

04. April 2000



 

Schnell wie ein Delphin

Dem Sportpädagogen Thierry Brunel geht es um eine Leistungsverbesserung im Schwimmsport. Aus diesem Grund interessiert er sich für Delphine. Diese Tiere besitzen die unglaubliche Fähigkeit, über weite Strecken eine Geschwindigkeiten von 65 Kilometern pro Stunde zu halten.

Thierry Brunel hat seine eigene Theorie zur Erklärung dieses Phänomens entwickelt und die Tiere während der Delphinshows im Marineland von Antibes genau beobachtet. Heute versucht er Chloé seine Hypothese zu erklären.

Thierry Brunel
Die Kommunikation mit den Tieren ist sehr wichtig, denn wenn ich auf dem Meer einem Delphin begegne, kann ich mich mit ihm natürlich nicht unterhalten. Man muss ihm erst beibringen, mit den Menschen zu kommunizieren. Und diese Kommunikation macht es überhaupt erst möglich, genauer zu untersuchen, mit welcher Art von "Antriebskräften" sich diese Tiere fortbewegen. Ich könnte einem Delphin ja niemals sagen, schau, ich habe eine Kamera dabei, mit der ich Entfernungen messen kann, schwimm' doch bitte mal an diesen oder jenen Ort. Das tut er nur, wenn man es ihm zuerst beibringt und mit ihm kommuniziert. Deshalb komme ich hierher ins Marineland, denn nur hier habe ich die Delphine in Reichweite. Nur hier kann ich meine Experimente durchführen, weil die Tiere das tun, was ich ihnen sage.

Mit unserer Studie wollen wir sozusagen das Antriebssystem der Delphine untersuchen. Dazu müssen wir zunächst einmal verstehen lernen, was passiert, wenn ein Delphin im Wasser schwimmt. Da ist einerseits die Luft und andererseits das Wasser. Was geschieht nun im Einzelnen? Da ein Delphin - im Gegensatz zu allen anderen Fischen - atmet, muss er regelmäßig aus dem Wasser an die Oberfläche tauchen. Und diese Tatsache stellt ihn vor einige Probleme. Im Wasser gibt es nämlich drei verschiedene Arten von Widerständen, die einen Körper bremsen.
Den Ersten dieser Widerstände nennt man Reibung. Dabei handelt es sich eigentlich um Wasser, das über unsere Haut, bzw. die des Delphins rinnt und dadurch eine Reibung verursacht. Wir wollen nun versuchen, uns diese Widerstandsreibung ein wenig zu verdeutlichen. Hier haben wir zwei Holzbretter. Das eine ist mit Plastikfolie bedeckt und soll die relativ glatte Haut eines Delphins nachbilden. Für das andere haben wir ein Frotteehandtuch genommen, denn menschliche Haut ist viel großporiger als die von Delphinen. Das Handtuch ist also etwas rauer als die Plastikfolie. Zwei Münzen sollen jeweils ein Wassermolekül darstellen, das über den Körper eines Menschen bezw. eines Delphins rinnt. Wir wollen nun sehen, welches von beiden leichter hinuntergleitet. Wenn ich die Holzbretter vorsichtig anhebe, erkennt man sofort, dass die Münze hier ganz leicht über die "Haut des Delphins" gleitet; im anderen Fall...

Chloé
... entsteht eine Reibung...

Thierry Brunel
... entsteht auf der "menschlichen Haut" eine Reibung.

Chloé
... ja, und davon wird die Münze gebremst.

Thierry Brunel
... beim Menschen ein wenig stärker als beim Delphin. Aber Achtung, auch die Haut des Delphins ist nicht völlig glatt. Auch sie ist von einigen kleinen Unebenheiten und mikrofeinen Härchen durchzogen, die den Effekt der so genannten laminaren Strömung begünstigen. Nun haben wir also gesehen, was es mit dem Reibungswiderstand auf sich hat. Doch diesen Widerstand kann der Delphin eigentlich nicht beeinflussen. Bei der Geburt hat die menschliche Haut oder die eines Delphins eben eine ganz bestimmte Beschaffenheit, und die verändert sich auch nicht. Eine Veränderung geschieht nur im Verlaufe der Evolution - das dauert aber Jahrhunderte oder Jahrtausende.
Die zweite Art von Widerstand hingegen spielt schon eine sehr viel größere Rolle - es handelt sich dabei um den so genannten Formwiderstand. Der Formwiderstand wird bestimmt durch die Form des Delphins oder durch die Form des Menschen oder die eines Schiffes. Das Wasser bremst einen solchen Körper.

Chloé
Also, er wird durch seine Oberfläche gebremst...?

Thierry Brunel
Genau. Die dem Wasser ausgesetzte Fläche wirkt einer Vorwärtsbewegung entgegen. Diesen Formwiderstand kann man zeigen, indem man den Schatten eines Delphins darstellt. Nimm' einmal an, dieser Delphin hier würde in einem Becken auf eine Wand zuschwimmen. Wenn er sich so fortbewegt erkennt man, dass er einen relativ kleinen Schatten wirft. Das nennt man stromlinienförmig. Wenn sich der Delphin nun aber senkrecht zum Wasser bewegt, wird sein Schatten bedeutend größer. Damit steigt natürlich in einer solchen Position der Widerstand gegen seine Vorwärtsbewegung an und ist viel größer, als würde er in waagerechter Haltung schwimmen.
Auch hier ist es wieder das Gleiche: Ob beim Auto oder beim Delphin, am Formwiderstand ist nicht viel zu machen. Der Delphin kann sich so oder so positionieren, aber wenn er diese Stellung eingenommen hat, ist es ihm nicht möglich, kleiner oder größer zu werden. Er kann also durch seine Position Einfluss auf den Formwiderstand nehmen, aber wenn er dieses Problem erst einmal geregelt hat, ist er mit seinem Latein auch schon am Ende.
Die dritte Art des Widerstandes nennt man Wellenwiderstand - und mit diesem Phänomen wollen wir auch versuchen, das Problem des Delphins zu lösen. Nehmen wir als Beispiel einmal dieses kleine Boot hier. Eben haben wir gesagt, dass wir uns zwischen der Luft und dem Wasser bewegen - also zwischen zwei Fluiden. Ein Wellenwiderstand existiert aber nur auf der Wasseroberfläche. Dieses Brett hier erzeugt kleine Wellen - da vorne kann man sie sehen, einverstanden? Drücke ich das Brett nun unter Wasser, entstehen solche Wellen nicht. Einen Wellenwiderstand gibt es also nur, wenn der Delphin zum Atmen an die Oberfläche kommt oder auf dem Wasser schwimmt. Solange er unter Wasser bleibt, entsteht auch kein Wellenwiderstand.

Chloé
Ja, einverstanden.

Thierry Brunel
Also, das will ich dir jetzt mit meinem kleinen Boot demonstrieren. Ein Körper auf einer Wasseroberfläche erzeugt einen so genannten Wellenzug. Ein solcher Wellenzug besteht nicht aus einer einzigen Welle, sondern aus einem Wellenpaar. Die eine der beiden Wellen befindet sich am Bug und die andere entsteht am Heck - das ist eine solche Vertiefung im hinteren Bereich.

Der Delphin hat nun zwei Möglichkeiten: Entweder er verringert seinen Wellenwiderstand oder er erhöht seine Schubkraft. Ich möchte versuchen, dir das anhand einer Kurve zu erläutern...
Es gibt also drei verschiedene Arten von Widerständen, und die Summe dieser Widerstände bewirkt, dass wir Probleme haben, uns im Wasser vorwärts zu bewegen.

Chloé
Ja.

Thierry Brunel
Am Reibungswiderstand ist nichts zu machen. Der hängt von meiner Haut ab. Der Formwiderstand ist das Ergebnis meiner äußeren Gestalt. Auch darauf habe ich wenig Einfluss. Aus dieser Kurve hingegen geht hervor, dass ein Delphin oder ein Schwimmer umso mehr Wellen erzeugt, je schneller er sich fortbewegt.
Und dass er von diesen Wellen umso mehr gebremst wird, je höher sie sind. Das bedeutet also, je schneller ein Delphin schwimmt, desto größer wird sein Wellenwiderstand.

Chloé
Ja.

Thierry Brunel
Wir wollen uns nun anschauen, wie das "Antriebssystem" von Haien funktioniert und verstehen lernen, auf welche Art und Weise sie sich fortbewegen. Du musst vor allem auf ihre Hinterflossen achten - die Haie bewegen sie von links nach rechts. Und das ist auch schon ihr Antriebssystem. Was passiert dabei genau? Alle Fische - Goldfische, Lachse, die gesamten Süßwasser- und Meeresfische - schlagen zur Fortbewegung ihre Schwanzflossen in horizontaler Richtung von links nach rechts. Eben während der Delphinvorstellung konnte man sehen - ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, wenn nicht, musst du das nächst Mal ganz besonders darauf achten - dass sich die Schwanzflossen der Delphine von oben nach unten bewegen - wie bei den Schwertwalen und allen anderen Walfischen.

Die Schwertwale sind schon eine Nummer größer als Delphine...! Und wir wollen uns anschauen, wie hoch die Wellen sind, die bei ihren Schwimmbewegungen entstehen. Wir werden sehen, dass ein Männchen von etwa vier Tonnen Gewicht eine riesige Welle erzeugt. Sehen wir uns seine Bugwelle einmal an, aber vor allem auch die, die hinter seinen Schwanzflossen entsteht. Sieh nur, was für eine enorme Welle er hinter sich herzieht! So, und jetzt lässt er sich von der Welle einholen, die ihm einen zusätzlichen Schub gibt und ihn zurück zu seinem Pfleger bringt.

Wir haben also gesehen, dass es im Wasser drei verschiedene Widerstände gibt. Im Folgenden wollen wir uns aber ausschließlich auf den Wellenwiderstand konzentrieren. Ein Japaner namens Inuit hatte 1860 die Idee, ein Boot mit einem Bulb zu bauen. Das heißt...

Chloé
Was ist das, ein Bulb?

Thierry Brunel
Anstatt eines einfachen Kiels hat er vorne am Schiff eine Art Ausbuchtung angebracht...
Das ist so etwas Ähnliches wie die Schnauze eines Delphins. Das heißt, am Schiff wurden vorne und hinter weit ausladende Nasen angebracht.
Der japanische Schiffskonstrukteur hat festgestellt, dass ein Schiff mit einem jeweils 16 Meter langen Bulb am Bug und am Heck keinen Wellenzug mehr erzeugt. Was ist daran für uns so interessant? Wie lässt sich das auf unsere Delphine übertragen? Nun, in Form seiner Schnauze besitzt er natürlich auch einen solchen Bulb.

Chloé
Ja.

Thierry Brunel
Der vordere ist ziemlich klein, aber auch die Schwanzflossen hinten bilden einen solchen Bulb.

Und nun will ich abschließend noch zwei Phänomene vorstellen, die uns helfen werden zu verstehen, warum die Delphine so schnelle Schwimmer sind. Zunächst einmal möchte ich dir erklären, wie Wellen eigentlich funktionieren. Diese beiden Bälle sollen eine solche Welle darstellen. Betrachten wir zunächst einmal nur meinen Ball hier. An dieser Stelle ist das Wasser höher, dort niedriger, und hier steigt es wieder an - wie bei einer richtigen Welle. Ich lege nun meine Hand hier oben auf diesen Ball und stelle mir vor, sie wäre ein Wassermolekül seiner Oberfläche. Wenn ich diese Welle jetzt um ihre eigene Achse drehe - ganz langsam und vorsichtig - kehrt auch das Wassermolekül wieder an seinen ursprünglichen Platz zurück. Mache ich das Gleiche nun mit zwei Wellen, bewegen sich auch diese beiden nicht von der Stelle, sondern bleiben an ihrem Platz. Wir drehen unsere Bälle gleichzeitig um ihre eigene Achse - das heißt, du stellst die hintere Welle des Schiffes dar und ich die vordere. Und schließlich kehren unsere Hände wieder auf den jeweiligen Scheitelpunkt zurück. Dieses Prinzip drückt aus, dass bei einer Welle die Wassermoleküle immer am gleichen Platz bleiben. Das heißt, sie schieben sich nach vorne, weichen zurück, aber nach einer Umdrehung sind sie wieder an ihrer ursprünglichen Stelle angelangt.

Chloé
Aber wieso sieht man dann am Strand eine Welle auf sich zukommen?

Thierry Brunel
Eine Welle, die auf den Strand zurollt, bewegt sich nicht wirklich. Was sich bewegt, ist der Wellenzug, das heißt, die einzelnen Wassermoleküle übertragen ihre Energie auf die nächste Welle. Die Welle selbst dreht sich um die eigene Achse, aber ihr Wasser bewegt sich nicht auf den Strand zu.

Thierry Brunel
Hast du das verstanden? Kommen wir nun auf unseren Delphin zurück. Das Interessanteste für ihn ist...

Chloé
... auf der Welle zu schwimmen...

Thierry Brunel
... auf der Welle zu schwimmen. Wenn er sich hier befindet, was geschieht dann? Die Welle schiebt ihn nach vorne, ohne dass er auch nur das Geringste dafür tun muss. Das spart Kräfte. Und wurde er erste einmal nach vorne geschoben, was passiert dann bei der nächsten Welle?

Chloé
Er wird wieder nach hinten gedrückt.

Thierry Brunel
Ja. Das heißt, das Problem wird hier sein, dass unser Delphin vom Wasser wieder zurückgedrängt wird.

Chloé
Ja.

Thierry Brunel
Also wird er an dieser Stelle versuchen, unter der Welle hindurchzutauchen, so daß er schließlich hier ankommt. Und nun hilft ihm die Drehrichtung des Wassers dabei, wieder nach oben auf den Wellenkamm zu gelangen. Dort nimmt ihn die nächste Welle erneut mit, usw. usw...

Chloé
O.k.!

Thierry Brunel
Welche Wirkung auf die Welle hatte nun der Schiffsbulb, von dem wir vorhin gesprochen haben?

Chloé
Er hat sie gebrochen.

Thierry Brunel
Er hat sie gebrochen. Und der Delphin kann mit seiner Schnauze und den Schwanzflossen seinen eigenen Bulb kontrollieren, das heißt, er sagt sich, jetzt fahre ich meinen Bulb aus, denn ich will keine eigenen Wellen erzeugen, weil ich mir die Schiffs- oder Meereswellen zunutze machen will. Wenn es aber mal keine Wellen gibt, wie beispielsweise in den Delphinbecken hier, sagt er sich vielleicht, jetzt nehme ich meinen Bulb weg und erzeuge mir meine eigenen Wellen!

Chloé
Und wie kann er seinen Bulb wegnehmen?

Thierry Brunel
Nun, das ist eine Frage der Kontrolle. Er kann seinen Bulb regulieren. Der Bulb eines Schiffes ist unveränderlich, aber ein Delphin kann seinen Kopf anheben oder absenken und damit seine Nase mehr oder weniger weit herausstrecken. Und er kann die Stellung seiner Schwanzflossen kontrollieren. Damit ist er in der Lage, in einem solchen Bassin wie hier in Marineland seine eigenen Wellen zu erzeugen und sich von ihnen tragen zu lassen. Dieses ganze Wellensystem, wie wir es mit den Ballons demonstriert haben, ist lediglich eine Hypothese. Das alles wollen wir hier in Marineland genauer untersuchen und erforschen. Wir werden zusammen mit den Delphinen schwimmen gehen, um zu erkennen, wie sie ihre eigenen Wellen erzeugen und auf welche Weise sie sich ihrer bedienen. Wir werden eine kleine Versuchsreihe starten, die uns helfen soll, unsere Hypothese zu bestätigen oder zu widerlegen.

In der nächsten Woche gehen Thierry Brunel und Chloé zusammen mit den Delphinen schwimmen. Sie legen Versuchsprotokolle an, um die Richtigkeit ihrer Hypothese belegen zu können.

  © 1999 ARTE G.E.I.E