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Archimède

04. April 2000



 

Pierre Tambourin

Mein Name ist Pierre Tambourin. Zwanzig Jahre lang habe ich als Wissenschaftler nach den Mechanismen geforscht, die aus einer normalen Zelle eine Krebszelle machen. Nach dieser langen Zeit in den Forschungslaboratorien - unter anderem war ich auch vier Jahre in den USA - hat man mich gebeten, mir doch einmal über verschiedene Organisationsprobleme im Bereich der Forschung Gedanken zu machen. Ich übernahm die Forschungsabteilung des Institutes Curie und dann den Bereich "Wissenschaft des Lebens" am Nationalen Forschungsinstitut CNRS. Nach dieser langen Zeitspanne kam ich schließlich nach Evry, um hier das so genannte Genopole aufzubauen. Das ist eine weitere Möglichkeit, mich um die Dinge zu kümmern, die heute im Mittelpunkt meines Interesses stehen, die Frage nämlich, wie man die öffentliche und private Forschung so eng wie möglich miteinander verknüpfen kann, ohne die ureigensten Interessen der einzelnen Bereiche außer Acht zu lassen. Und das ist alles andere als einfach, denn die Rechte und Pflichten dieser beiden Zweige sind ganz und gar verschieden. Auch wenn die Wissenschaftler, die in den jeweiligen Laboratorien forschen, natürlich alle einen ähnlichen Hintergrund besitzen, unterscheiden sich ihre Zielsetzungen doch erheblich voneinander. Auf der einen Seite geht es darum, Zusammenhänge zu begreifen und das Wissen voranzutreiben, und auf der anderen Seite will man in erster Linie Medikamente oder neue Technologien herstellen und verkaufen. Hier stehen sich also Wissen und industrielle Interessen diametral gegenüber.

Heute zeichnet sich ganz klar ab, dass basierend auf diesen Studien neue Therapieformen entwickelt werden können, dass es neue Medikamente geben wird, genauso wie neue Anwendungsmöglichkeiten im Bereich der Nahrungsmittelindustrie und der Umweltforschung. Viele Techniken, die wir in Zukunft gegen die Umweltverschmutzung einsetzen, werden aus der Biotechnologie hervorgehen. Die genetische Information kann sogar zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden. Diese Verwendung der DNA als Medikament scheint heute neue, viel versprechende therapeutische Möglichkeit zu eröffnen. Dies gilt insbesondere bei bestimmten Krankheiten, für deren Behandlung uns keine wirklich effektiven Mittel zur Verfügung stehen. Aus diesen Bestrebungen heraus wurde Genopole konzipiert, aber nicht nur deshalb, sondern auch aus den Gründen, die ich eben schon genannt habe und die sich auf die Bereich Industrie und Forschung beziehen.

Die genetische Forschung wird sehr schnell dazu führen, dass zahlreiche Gene identifiziert werden, wobei einige das, was man als menschliche Privatsphäre bezeichnet, antasten könnten. Trotzdem wird es solche Forschungen unweigerlich geben. Das eigentliche Problem für die Gesellschaft besteht darin, unter welchen Bedingungen man die Anwendung dieser Forschungsergebnisse akzeptiert. Und das liegt nicht mehr im Verantwortungsbereich der Wissenschaftler, das ist ein Problem jedes einzelnen Bürgers. Eine der Fragen, die uns täglich von den Versicherungsgesellschaften gestellt werden, zielt auf die so genannten Risikogene für ganz bestimmte Krankheiten ab. Die Gesellschaft hat noch nicht entschieden, welche Haltung sie bezüglich dieser Frage einnehmen will. Das ist ein äußerst schwieriges Problem, und hinsichtlich seiner Behandlung ist man beispielsweise in Frankreich und den USA völlig unterschiedlicher Meinung. In den Vereinigten Staaten ist es den Arbeitgebern heute bereits möglich - und das geschieht dann im Namen des Arbeitsschutzes - an ganz bestimmte Informationen heranzukommen, ohne die der Arbeiter vielleicht Risiken ausgesetzt sein würde, die unmittelbar mit seiner genetischen Empfindlichkeit in Verbindung stehen.
Unsere Haltung hier in Frankreich ist da sehr viel restriktiver. Bei uns gilt, dass der Einzelne die Verfügungsgewalt über seine Daten besitzt und dass höchstens der Arzt, der ja durch seine Schweigepflicht und seinen Berufskodex gebunden ist, diese Daten in Händen haben darf, um sie unter vier Augen mit seinem Patienten zu besprechen. Aber man kann schon erkennen, dass man hier durch diese Forschungen auf äußerst heikle, fundamentale Fragen stößt und dass die Antworten auf diese Fragen nicht von den Wissenschaftlern kommen können, die hier in Evry arbeiten, sondern von der Gemeinschaft der betroffenen Bürger. Die Wissenschaft muss Teil der Gesellschaft sein und in ihrer Verfügungsgewalt bleiben, denn nur die Gesellschaft ist in der Lage - über ihre Vertreter oder wie auch immer - zu entscheiden, ob man einen solchen Weg weiterverfolgen soll oder nicht. Nichts ist schlimmer als ein Berufsstand, der sich seines eigenen Schicksals bemächtigt. Diese Fragen zu beantworten, fällt in erster Linie in den Entscheidungsbereich des Bürgers.

  © 1999 ARTE G.E.I.E