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04. April 2000 |
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Alte Retorte Das Jahrhundert neigte sich seinem Ende zu, und die Welt befand sich mitten in einem Wandlungsprozess. Die Wissenschaft schien immer schnellere Fortschritte zu machen, eine bessere, aber auch unbekannte und andersartige Welt kündigte sich an... Diesem Fortschrittsglauben erwuchs nicht nur eine überzogene Erwartungshaltung, gleichzeitig säte die Wissenschaft in den Menschen auch eine bis zu diesem Zeitpunkt nie da gewesene Angst. Eine wissenschaftliche Disziplin machte diesen Widerstreit ganz besonders deutlich: Im Jahre 1900 verändert nicht die Informatik oder die Gentechnologie den Lauf der Welt, sondern die Chemie. Die Massenmedien jener Zeit - die illustrierten Zeitungen - belegen diese tief greifenden Veränderungen, die sich auch auf das tägliche Leben auswirken. Die Anwendungsbereiche der Chemie sind vielfältig: Düngemittel..., künstliche Aromen..., Farben..., Sprengstoffe..., aber auch Medikamente und sogar synthetischer Alkohol. Seife und Javel werden zu Industrieprodukten und treiben die voll entbrannte Hygienewelle ihrem Höhepunkt entgegen. Dank dieses hochmodernen Instrumentes - der Badewanne - verspricht uns die Wissenschaft eine mikrobenfreie Zukunft! 1894 ist Marcellin Berthelot, berühmter Chemiker und Minister der dritten Republik, Ehrengast auf dem Bankett des Chemie-Arbeitgeberverbandes: "Muss ich Sie an die Fortschritte erinnern, die im nun gerade zu Ende gegangenen Jahrhundert erzielt worden sind? Das Bleichen und Färben von Stoffen, der Rübenzucker, die therapeutisch genutzten Alkaloide, das Leuchtgas und viele andere Erfindungen mehr? Die Sprengstoffe wurden durch den Fortschritt der Thermochemie weiterentwickelt und leisten machtvolle Unterstützung in den Bergwerken und auf an den Kriegsschauplätzen. Im Jahr 2000 wird es auf der Welt weder Landwirtschaft, noch Weideflächen noch Bauern geben. Das Problem der existenznotwendigen Bodenkultivierung wird dank der Chemie gelöst sein. Schon heute ist die Chemie in der Lage, die Pflanzen zu ersetzen, doch in Zukunft wird sie dieser Aufgabe weitreichender und vollkommener gerecht werden, als die Natur es jemals könnte. Denn darin liegt die Macht der synthetischen Chemie. " Die illustrierten Zeitungen
der Epoche werfen einen amüsierten Blick auf diese Veränderungen.
Die technische Spielerei jener Zeit ist also nicht das Handy sondern das
Zündholz. Auch wenn
die Zahl der Quacksalber unter den Ärzten noch hoch ist, tauchen
die ersten synthetisch hergestellten Medikamente auf.
Ricqlès, Pfefferminzalkohol schützt gegen Grippeepidemien. Die Chemie macht neugierig und zieht die Menschen in ihren Bann. Immer mehr Bücher tragen Titel wie "Ergötzliche Chemie", in denen alle möglichen ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen Experimente gezeigt werden. So beispielsweise der Kampferskorpion, das Walzer tanzende Ei, das elektrisch geladene Papier, die entflammbaren Blasen oder auch der Kanonenschlag am Tisch: "Wollen Sie bei Tisch einmal einen richtigen Kanonenschlag erleben? Sie können kühn mit einem klaren "ja" antworten, denn das Experiment, das ich Ihnen nun vorstellen möchte, ist völlig harmlos - wie Sie selbst unschwer feststellen werden. Nehmen Sie eine leere Flasche aus dickwandigem Glas und füllen Sie sie zu einem Drittel mit Wasser. Lösen Sie in diesem Wasser ein wenig Natriumbikarbonat. Geben Sie Weinsäure in eine zusammengerollte Spielkarte und befestigen diese mit einer Nadel an den Flaschenkorken. Nun können Sie das Feuer frei geben. Legen Sie die Flasche dazu waagerecht auf zwei Bleistifte. Das Wasser dringt nun in den Zylinder und vermischt sich mit der Weinsäure. Daraus entsteht Kohlensäure, die den Korken mit einer lauten Explosion aus der Flasche katapultiert. " Aber in der Vorstellung des einfachen Volkes hat die Chemie auch eine finstere Seite: Die Macht des Dynamits beflügelt die Phantasien - natürlich in Bezug auf den großen Nutzen dieser Erfindung, aber auch hinsichtlich der spektakulären Unfälle und der ersten terroristischen Anschläge, die damit verübt werden. Auch die Anarchisten nehmen für sich in Anspruch, die Menschheit mit den Wundern der Chemie einen Schritt weiter zu bringen. Die Herstellung von Sprengstoffen wird zu einem beliebten Zeitvertreib. Wer erinnert sich an das Melinit von Eugène Turpin oder an das gefürchtete Kaliumpikrat? Ob politische Attentate oder industrielle Unfälle - Sprengstoffe machen in den illustrierten Zeitungen regelmäßig Schlagzeilen, gespickt mit den makabersten Einzelheiten: " Die Körper wurden durch den gewaltigen Schlag völlig zerschmettert und in Stücke gerissen. Die in alle Richtungen verstreuten Trümmer beschädigten die Auslagen eines benachbarten Geschäfts. Menschliche Gehirnteile wurden bis hinauf in die Wohnung im zweiten Stock geschleudert, und den Kopf eines der Opfer fand man in der Rue Victor Cousin, die sich gegenüber dem Ort der Katastrophe befindet. " Die Chemie besitzt eine erschreckende Fähigkeit: Sie vermag in den Kern der Dinge einzudringen und verändert deren Natur. Das Stören der natürlichen Ordnung ist eine Macht, die den Menschen Angst einflößt. In diesen Jahren kommt es zu einigen Lebensmittelskandalen, und die Zeitschrift "Assiette au Beurre" widmet diesem Thema eine Sonderausgabe, auf deren Titelseite ein direkter Zusammenhang zur Chemie herstellt wird. Dem Berufsstand des Chemikers wird dabei - ganz und gar zu unrecht - ein herber Schlag versetzt. 1902 kommt es zu einem weiteren Skandal: Säuglinge sterben an vergifteter, mit Wasser gestreckter Mich. Obwohl die Chemiker in dem Ruf stehen, die Büchse der Pandora geöffnet zu haben, sind doch sie es, die die Betrüger entlarven - wie hier in den städtischen chemischen Untersuchungslabors. Sie bilden die Nahtstelle zwischen den alten Vertretern der Alchimie und der modernen Wissenschaft. Omnipresent in allen populären Darstellungen, verkörpert die Retorte - als das Symbol der Chemie schlechthin - diese Zwiespältigkeit am besten. Hinter dem modernen, durchsichtigen, ätherischen Instrument erahnt man mühelos die Silhouette eines anderen Gehörnten, dessen infernalischem Kessel bereits der übelste Modergeruch entströmt. Die Retorte spielt in der politischen Karikatur jener Zeit eine wichtige metaphorische Rolle und symbolisiert sozusagen die Übertragung der politischen Praktiken in eine wissenschaftliche - also moderne - Fassung. Dergestalt wird sie zum Beispiel von Monsieur Thiers benutzt, der sich über die Auflösung der Nationalversammlung Gedanken macht. Auflösung - ein Standardbegriff der Chemie - genauso wie Zusammensetzung und Verbindung - dies alles magische Vokabeln der Antiparlamentarier jeglicher politischer Couleur. Einige renommierte Chemiker überschreiten die Grenze zwischen Wissenschaft und Politik, wie der schon erwähnte Marcellin Berthelot, der zwei Ministerposten innehatte - zunächst stand er dem Erziehungsministerium vor, später wurde er Außenminister - oder Naquet, Chemiker und Abgeordneter, Vater des ersten Scheidungsgesetzes - hier in einer Skizze von "Geo Smile". Das ist das Pseudonym eines gewissen Georges Méliès, der den Kinematographen noch nicht für sich entdeckt hat. Eine neue Geschichte beginnt - die eines neuen Jahrhunderts, einer neuen Wissenschaft und neuer Ängste. |
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