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Flachland
"Wie soll ich mir bloß
die Existenz einer vierten Dimension vorstellen" - beklagt sich Archiprimus,
der Schüler von Archipi.
" Indem du dir diese erfundene Geschichte anhörst, die Gulliver angeblich
passiert sein soll" - erwidert der Professor.
" Der König hatte den Abenteurer auf Reisen geschickt, um ihn darüber
berichten zu lassen, was in Welten geschieht, die über weniger als drei
Dimensionen verfügen. So macht sich Gulliver also auf den Weg in den eindimensionalen
Raum. Die Linearen leben auf einer Geraden: Sie bestehen aus völlig identischen
Segmenten mit zwei Enden, die sich nur in ihrer Länge voneinander unterscheiden.
Ihr soziales Leben ist eintönig, sie kennen nur die Nachbarn links und
rechts neben sich. Eine Zeit lang beobachtet der Abenteurer einen Linearen
dabei, wie er sich in zwei Hälfte teilt. Eine andere Möglichkeit zur Fortpflanzung
besitzen diese Wesen nicht... Das ist ja alles andere als aufregend -
sagt sich Gulliver - das wird den König ganz schön langweilen. Hoffentlich
ist das Leben in einer zweidimensionalen Welt ein bisschen spannender.
In diesem Universum - oder vielleicht sollte man es eher Planiversum nennen
- wird Gulliver auf eine merkwürdige Fläche aufmerksam. Dort leben seltsame
Wesen, die einer ganz sonderbaren Schwerkraft ausgesetzt sind. Die Bewohner
- Planaren genannte - sind in ihrem Bewegungsradius eingeschränkt. So
leben alle männlichen Planaren in einer Richtung und alle weiblichen in
der entgegengesetzten. Dabei kommt es manchmal zu recht drolligen Situationen.
Ist ein männlicher Planar an der Dame seines Herzens vorbeigegangen, kann
er nur zu ihr zurückkehren, wenn er rückwärts über sie hinwegsteigt.
Das größte Problem der Planaren ist ihre physische Beschaffenheit. Ihr
Körper ist durch einen Verdauungskanal in zwei Hälften geteilt, der an
beiden Enden mit einer Art Klettverschluss zusammengehalten wird. Um nun
zu verhindern, dass ein Teil ihres Körpers irgendwann auf der Strecke
bleibt, müssen sie höllisch aufpassen, nicht beide Enden gleichzeitig
zu öffnen. Gulliver - so fährt Archipi fort - sieht noch viele andere
Dinge, die nur in einer zweidimensionalen Welt vorstellbar sind.
Der Häuptling der Planaren, außer sich vor Ärger, dass Gulliver sein flaches
Land der Lächerlichkeit preisgibt, will die Intelligenz unseres Abenteurers
auf die Probe stellen. Wir haben Raumschiffe entsendet, die erforschen
sollen, ob unser Planiversum begrenzt ist oder nicht. Wenn du so schlau
bist, wie du tust, kannst du uns sicher auch sagen, ob sie eines Tages
hierher zurückkommen werden. Gulliver denkt nach: Wenn das Planiversum
eben ist, ist es auch unendlich, und die Raumschiffe kehren niemals hierher
zurück. Wenn es hingegen gekrümmt ist - wie die Oberfläche unseres Erdballs
- werden sie eines Tages wieder hier landen. Um das zu erkennen, muss
man einfach nur die Theorien des Mathematikers Gauss zu Hilfe nehmen und
die Winkelsumme eines Dreiecks ermitteln - erklärt Guilliver triumphierend.
Wenn diese Summe 180 Grad beträgt, ist das Planiversum unendlich. Liegt
sie hingegen über 180 Grad, handelt es sich bei eurer Welt um eine endliche
Oberfläche mit positiver Krümmung, so wie bei einer Kugel. Gesagt, getan.
Gulliver kann nachweisen, dass die Oberfläche des Planiversums gekrümmt
ist. Die Planaren jedoch tun sich außerordentlich schwer damit, sich eine
Kugel vorzustellen - einen dreidimensionalen Gegenstand also - und jagen
Gulliver aus dem Land, weil sie sich von ihm verspottet fühlen. "
"Die Vorstellung einer weiteren Dimension ist also eine heikle Angelegenheit"
- befindet Archipi.
Darum können wir uns eine vierte Dimension auch nur so schwer vorstellen
- und trotzdem werden wir in der nächsten Woche einen solchen vierdimensionalen
Raum erforschen.
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