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Archimède

24. Oktober 2000



Schlaf und Altern

Seit der Mensch um seine Sterblichkeit weiß, befindet er sich auf der fieberhaften Suche nach dem Stoff des Lebens - dem Jungbrunnen, der Gesundheit und langes Leben verspricht. Generationen von Alchimisten - später dann Mediziner und Wissenschaftler - haben unzählige Nächte über ihren Experimenten verbracht, um am Ende von der Weisheit eingeholt zu werden, daß das menschliche Leben schon nach kurzer Zeit mit dem Tod endet. Doch genau diesen Zeitraum wollen die Forscher verlängern. Nicht ins Unendliche - aber ein paar Jahrzehnte mehr. Verstärkt gehen die Forschungen weiter. Und kaum ein Bereich bleibt davon unberührt. Umwelt-, Gesellschafts- und Altersforschung - Hand in Hand mit allen medizin-wissenschaftlichen Bereichen. Doch die Zeit läuft uns sprichwörtlich davon. Denn einen wesentlichen Aspekt haben die meisten Wissenschaftler bisher außer acht gelassen - den Schlaf. Der Schlaf als Jungbrunnen? Das behauptete die chinesische Medizin schon vor einigen tausend Jahren. Ein deutscher Wissenschaftler, nebenbei Doktor der chinesischen Medizin, behauptet sogar: die Nacht und nicht der Tag bestimmt unser Sein.

Dr. Gunter Neeb, Altersforscher:
"Übertreibung macht anschaulich. Zu sagen, daß Schlaf eigentlich der Normalzustand ist und Wachsein der Ausnahmezustand, ist eine Übertreibung. Wir brauchen natürlich beides. Es gehört beides zur Physiologie. Auch in der chinesischen Medizin gehören Ying und Yang zusammen. Aber wir haben die ganze Zeit uns nur angeschaut, daß wir wach sind, weil wir da uns selbst wahrnehmen und bewusst sind. Hingegen wenn wir schlafen, sind wir nicht über uns selbst bewusst. Wir haben also den Schlaf als etwas weniger Wichtiges dargestellt und gesagt: ja vielleicht können wir den auch ganz weglassen. Weniger schlafen und mehr arbeiten. Vielleicht brauchen wir den Schlaf gar nicht. Und ich stelle das nun aus der anderen Seite dar und sage: es könnte aber auch sein, daß der Schlaf das wichtigere ist, damit wir überhaupt lange genug leben und unsere Ziele im Leben erreichen können. Also sprich auch ein höheres Alter erreichen können. Wenn der Schlaf nämlich kürzer wird, wie es im Alter normalerweise der Fall ist, wird der Körper auch schneller älter."

Auch darin gleicht der Mensch seinen animalischen Zeitgenossen - im rhytmischen Verlauf des Lebens. Das Leben führt ein existenzielles Verhältnis mit dem Licht und hat den Tag-Nacht-Wechsel verinnerlicht. In jedem lebenden Organismus, egal ob Mensch oder Tier, Einzeller oder Pflanze, geben sogenannte innere Uhren den Takt an. Im Wechsel von Tag zu Nacht und von Nacht zu Tag steuern die inneren Zeitgeber unzählige lebenswichtige Prozesse. Dieser vorgegebene Takt bestimmt unser Leben. Und gehen unsere inneren Uhren nach oder vor kann das - so die neue Vermutung - vor allem unsere Lebensspanne beeinflussen. Was macht unseren Forscher so sicher? Und worauf gründet er seine ungewöhnliche These?

Dr. Gunter Neeb, Altersforscher:
"Ich habe eigentlich nur eins und eins zusammengezählt und habe alle Forschungsberichte der letzten Jahre aus der Endokrinonolgie, also sprich Hormonforschung und Immunologie, das heißt die Erforschung des Abwehrsystems zusammengestellt und geschaut inwieweit da ein Zusammenhang besteht. Und das fehlende Zwischenglied hat sich für mich als der Schlaf herausgestellt. Der also eine Verbindung zwischen den beiden Systemen darstellt und gleichzeitig wenn man sich anschaut wie der alternde Mensch immer weniger Immunreaktionen hat, auch endokrinologisch immer mehr abbaut, sieht man also wirklich Zusammenhänge zwischen dem Altern und dem Schlaf, die sehr deutlich sind. Und diese Theorie, die ich aufgestellt habe, wurde auch letztes Jahr von einem Forscherteam bewiesen, wo man eben Leute weniger schlafen ließ und dann Entwicklungen festgestellt hat, die mit schnellem Altern einhergehen. Oder aber auch mit einem Frühstadium der Diabetes."

Schlafmangel verkürzt das Leben. Eine Behauptung, die an und für sich logisch klingt. Dennoch ist sie für viele Schlaf- und Altersforscher bisher keineswegs erwiesen. Denn vor allem die Altersforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Einen biologischen Zusammenhang zwischen der Schlafqualität und dem Alterungsprozess ist für die meisten Forscher eine Hypothese von vielen. Altern, so die bekannteste These, ist ein universeller Prozess, der nicht willkürlich, sondern programmiert abläuft. Ein Vorgang also an dem die inneren Uhren maßgeblichen Anteil haben. Und dennoch bestreitet niemand, daß unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit wesentlich von einem fehlerfreien Funktionieren und Zusammenspiel dieser Zeitgeber abhängt. Und genau da setzt die neue These an.

Dr. Gunter Neeb, Altersforscher:
"Die direkte Verbindung von Immunsystem zu Hormonsystem geht über das Melatonin. Dies stimuliert die Fresszellenaktivität, die natürlichen Killerzellen, die immunologischen Botenstoffe, zum Beispiel Interleukine ein und vier und stellen so einen direkten Zusammenhang her. Über den Schlaf haben wir jedoch viel mehr Zusammenhänge. Der Schlaf selbst wird einmal stimuliert bei Infektionen, das heißt sobald wir eine Grippe verspüren, wird es uns müde. Und das wird erreicht durch Interleukin eins, Tumornekrosefaktor und Immunmodulatoren, die uns müde werden lassen.Wenn der Schlaf dann eintritt, dann kann eine Zunahme der natürlichen Killerzellen und der Fresszellenaktivität stattfinden. Das heißt, das Immunsystem lässt uns müde werden, um im Schlaf wiederum eine höhere Immunaktivität zu erreichen. Die nächste Verbindung ist das Hormonsystem zum Schlaf. Einmal hat Serotonin eine beidseitige Feedbackwirkung auf Schlaf und Hormonsystem. Zum anderen lässt uns das Melantonin aus der Zirbeldrüse müde werden, und der Schlaf tritt leichter ein, sobald die Zirbeldrüse das Melantonin freisetzt. Wichtig ist vor allen Dingen im Schlaf, daß das Wachstumshormon im Tiefschlaf ausgeschüttet wird. Denn mehr als die Hälfte des Wachstumshormons werden im Tiefschlaf und nicht in den Traumphasen ausgeschüttet. Wenn das Wachstumshormon in genügender Menge ausgeschüttet wird, hat es wiederum direkte Wirkung auf das Immunsystem und auf das Hormonsystem. Wenn das Wachstumshormon jedoch in geringer Menge ausgeschieden wird, wie es im Alter oft der Fall ist, dann führt es zu einer schlechteren Stoffwechselleistung und das Altern kann nicht nur stattfinden, sondern es findet noch früher statt. Nämlich vorzeitig."

Eine erschreckende Erkenntnis. Es stellt sich die Frage: wieviel Schlaf braucht der Mensch? Welche Schlafmenge fördert ein langes Leben? Die Antwort ist einfach: man weiß es nicht! Glaubt man der Schulmedizin, ist unser Alterungsprozess genetisch vorherbestimmt. Das heißt, verschiedene innere Uhren bestimmen, wann und wie oft sich unsere Zellen teilen bevor sie absterben. Dieser Vorgang lässt uns in jahreszeitlichen Zyklen altern. Man weiß aber auch, daß sich die wichtigsten organischen Vorgänge innerhalb eines Tages wiederholen. Und dieser Tag-Nacht-Rhythmus ist mit allen anderen Zyklen verbunden. Ab einem Alter von rund 50 Jahren treten in der Koordination der inneren Uhren immer größere Fehler auf. Die Folge: der Alterungsprozess beschleunigt sich.

Dr. Gunter Neeb, Altersforscher:
"Die Idee ist jetzt eben, daß wir natürlich auch ohne schlechten Schlaf altern. Aber daß, wenn wir schlechter schlafen, einfach schneller altern. Das also der Alterungsprozess im Körper ständig verschnellert wird, wenn der Schlaf nicht mehr die Regeneration, die für die Aufrechterhaltung des Körpers notwendig ist, liefern kann. Und die Statistik zeigt uns, daß eben fünfzig Prozent aller Deutschen über fünfundsechzig unter starken Schlafstörungen leiden, daß der Schlaf im Alter zerstückelt, frakmentiert wird, weniger tief ist und man nimmt es allgemein so hin und sagt: na ja wenn man älter ist, schläft man einfach weniger und schlechter. Aber ich sage: das ist eigentlich nicht notwendig und man soll es auch nicht hinnehmen, sondern auch versuchen etwas dagegen zu tun, um diese Beschleunigung des Alterns etwas aufhalten zu können."

Wer möchte das nicht?! Doch die meisten zeitgesteuerten Abläufe sind von uns gar nicht beeinflussbar. So zum Beispiel haben Menschen mit dunkler Augenfarbe schon von Hause aus mehr Probleme mit dem Einschlafen und Wachwerden, als blau- oder helläugige. Das Morgenlicht eicht unsere inneren Uhren immer wieder aufs neue und macht uns fit für den Tag. Die Dunkelheit hingegen setzt chemische Prozesse in Gang, die für unsere Erholung und Gesundheit wichtig sind. Bei all den komplizierten zyklischen Mechanismen - hat der Mensch überhaupt eine Chance, den Alterungsprozess zu verlangsamen?

Dr. Gunter Neeb, Altersforscher:
"Also diese Frage würde ich eigentlich mit ja beantworten. Nicht nur weil die chinesische Medizin das schon immer sagt, sondern auch weil Forschungen aus der Endokrinologie, dem Hormonsystem, der Immunologie, der Schlafforschung und so weiter in diese Richtung gehen, und uns eigentlich zeigen, daß wir durch einen qualitativ verbesserten Schlaf im Alter zumindest mehr in Richtung unserer natürlichen Lebensspanne leben können, die vielleicht bei einhundertfünfzehn Jahren liegt. Die wir aber alle deshalb nicht erreichen, weil wir unter anderem schlecht schlafen."

Viele Knöpfe und Rädchen unseres Zeitgenerators sind noch immer rätselhaft. Aber eines wissen wir: Alles Leben unterliegt dem Rhythmus von Tag und Nacht, von Aktivität und Ruhe. Und wenn wir im Takt dieser Zeitgeber leben - dann ist der Schlaf der Jungbrunnen, den die Wissenschaft seit Jahrhunderten sucht.

  © 1999 ARTE G.E.I.E