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Archimède

22. Mai 2001

Tschernobyl nach der Abschaltung

Internationale Spezialisten wollen im Sperrbezirk Tschernobyl nach der endgültigen Abschaltung des letzten Reaktors im Dezember 2000 Konzepte vorstellen für die längst überfällige Sanierung dieses größten, atomar verstrahlten Gebietes auf der Erde.

Mit dabei der deutsche Ingenieur Joachim Klindt. Er ist Brandschutzexperte für deutsche Kernkraftwerke und hat ein Konzept entwickelt zur Überbauung des maroden Sarkophages, des Schutzmantels. Joachim Klindt kennt den alten Sarkophag seit Jahren.

Joachim Klindt:
Das Problem ist, dass der Sarkophag im Grunde genommen so ein bisschen instabil ist, er ist undicht. Und im oberen Bereich, also im Dachbereich sind Leckagen, so dass sehr viel Regenwasser in den Sarkophag gelangt.

Die Außenhülle - Wetter und Klima haben seit dem Super-Gau ihr zerstörerisches Werk verrichtet. Über 1000 Quadratmeter sind löcherig. Die Metallplatten der Außenverkleidung rosten vor sich hin. Die vordere Wand droht einzustürzen. Als nach der Explosion des Reaktor 4 von Tschernobyl die offene Strahlenquelle über Wochen die Atmosphäre verseuchte und der atomare Fallout sich bis nach Mitteleuropa ausbreitete, bauten die Sowjets in nur 6 Monaten die Schutzhülle über den Unglücksreaktor.
Kies und Blei wurden aus der Luft abgeworfen, doch der Reaktor strahlte immer noch. Die Betonierer und Schweißer mussten unter extremer Strahlenbelastung arbeiten. Außerdem war ein exaktes Arbeiten in unmittelbarer Nähe zum offenen Reaktor kaum möglich. Eine gewaltige technische und menschliche Leistung. Aber wie ist der Zustand der Betonhülle heute ?

Klindt:
Es tritt schon Strahlung aus. Es ist eine Gammastrahlung, die austritt und, wie schon gesagt, im oberen Bereich ist die Strahlung sehr hoch, dort kann man nicht arbeiten. Im Nebenbereich ist sehr viel Beton verarbeitet worden und Beton schirmt ja die Strahlung ab, und da ist die Strahlung schon geringer.

Wichtig beim Bau des neuen Sarkophages ist der Schutz vor der immer noch austretenden, radioaktiven Strahlung.

Klindt:
Das ist auch alles kontaminiert. Das ist das Maschinenhaus, das ist ja alles voll hier herüber gefetzt damals, hier bei der Explosion. Wenn die Halle nachher fertig ist, ist praktisch das erste, dass man das Dach zurückbaut hier, dass das nicht mehr droht einzustürzen. Dass die Gefahr vorbei ist."

Die von den Ingenieuren des Germanischen Lloydt vorgeschlagene Überbauung soll eine der größten Hallen weltweit werden - 240 Meter breit, 180 Meter lang und fast 85 Meter hoch. Sie soll komplett über den Unglücks-Reaktor und das zerstörte Maschinenhaus geschoben werden. Eingebaute Kräne und ferngesteuerte Roboter sollen dann für den Rückbau und die Entsorgung der radioaktiven Bestandteile sorgen.
In etwa 300 Metern Entfernung vom Reaktor soll gebaut werden.

Züblin-Ingenieur und Klindt:
Bis zu dem Turm gehen, und dann abgedichtet werden.- Hier würde man das Ganze abdichten, nicht, hermetisch abdichten. Und hier die eine Stirnwand, wird dann praktisch hier davor gebaut."

1986: Unmittelbar nach der Katastrophe begannen die Aufräumarbeiten. Beim Super-Gau in Tschernobyl wurden allein über 600 000 Tonnen Metall kontaminiert. Damals wurden die Trümmer zum Teil mit der Hand weggeräumt, schwere Technik wurde eingesetzt. Auch sie wurde kontaminiert.
Heute türmen sich rund um den Reaktor und überall in der Zone die verstrahlten Schrottberge auf.
Ortswechsel: In Krefeld im Ruhrgebiet wird ein Verfahren angewendet, das auch in Tschernobyl helfen könnte. Wie bei diesem mit chemischem Gift belasteten Stahl wird nach dem Schmelzen die Schlacke abgezogen. In ihr sammeln sich die giftigen Rückstände. 95% des Reststahls sind wieder verwertbar.
In dieser strahlengeschützten Anlage passiert das gleiche mit radioaktiv verseuchtem Schrott. Ein Anlagenkonzept, das für Tschernobyl bereits genehmigt ist.

Wolfgang Steinwarz, GF Firma Siempelkamp:
Man rechnet in etwa mit 600 000 Tonnen. Davon sind ungefähr 100 000 Tonnen unmittelbar in der Nähe der 30 km Zone, in der Nähe des Kernkraftwerkes gelagert. Sie wurden seinerzeit durch den Unfall oberflächlich kontaminiert. Darüber hinaus weiß man etwa, daß 300 000 Tonnen in sogenannten Dumps, unterirdisch durch Erdabdeckungen, vorhanden sind. Dazu kommen noch einige andere Lager innerhalb der 30 km Evakuierungszone. So dass insgesamt diese 600 000 Tonnen, quasi für eine solche Aufbereitungstechnologie, zur Verfügung stehen.

Die Spezial-Behälter verbleiben in der Sicherheitszone und sollen später zur Lagerung leicht verstrahlter Abfälle dienen.
Auch diese Roboter waren nach dem Super-Gau im Einsatz. Heute nur noch verstrahlter Schrott. Damals gaben sie nach kurzer Zeit ihren Geist auf. Ihre Elektronik war nicht auf eine derartige Strahlenbelastung ausgelegt. Das Problem ist heute gelöst. Diese Kleinroboter, eine französische Entwicklung, sind funkferngesteuert und strahlenresistent. Getestet wurden sie in Karlsruhe, dort beschäftigen sich Ingenieure schon lange mit Robotern für kerntechnische Anlagen.

Wolfgang Neumann, GF der KHG:
Wir haben 1986 als dieser Zwischenfall in Tschernobyl stattgefunden hatte, den Russen Fernhantierungsgeräte zur Verfügung gestellt. Wir haben russische Ingenieure an diesen Geräten trainiert. Die Geräte gingen dann nach Tschernobyl und wurden von den Russen dort betrieben. Es gab eine Fülle von Erfahrungen die gemacht worden sind bei diesem Einsatz. Und bei der Neubeschaffung der Geräte haben wir diese Erfahrungen berücksichtigt, ganz besonders die Strahlenresistenz dieser Geräte.

Das ist einer der neuen Superroboter. Seine Elektronik ist durch einen Kobaltmantel abgeschirmt.
Mit der Fernbedienung ist eine ganze Palette von Spezialwerkzeugen aus sicherer Entfernung steuerbar. So kann auch der Rückbau des Katastrophenreaktors in Tschernobyl ohne Gefährdung von Menschenleben in Angriff genommen werden. In Zwischenlagern innerhalb der Zone soll dann der leicht kontaminierte Schrott aufbewahrt werden.
Nicht nur die Hülle des Sarkophages ist brüchig. In seinem Inneren verbergen sich die strahlenden Überreste des Infernos. Erst in den letzten Jahren gelang es, diese Aufnahmen zu machen. Hier die eingestürzte und total verstrahlte Reaktorhalle.

Massen von Beton wurden damals unter den Reaktor gepumpt, um ein Durchschmelzen zu verhindern.Der tonnenschwere Reaktordeckel ist durch die Explosion emporgehoben worden. Kippt er um, wirbelt er eine riesige radioaktive Staubwolke auf. Der "Elefantenfuß", eine radioaktive Mischung aus 200 Tonnen Uran, Plutonium und geschmolzenem Graphit. Die zerstörte Wand zwischen Reaktor und Maschinenhalle.
Vorbei am Denkmal für die Opfer der Atomkatastrophe geht Joachim Klindt durch Slawutitsch, die Stadt der Kernkraftwerker. Sein Ziel, das internationale Meeting zum Projekt Reaktorsicherung. Fachleute wie Brandschutzexperten und Bauingenieure aus aller Welt treffen sich hier vor Ort, um die Vorbereitungen zum Bau eines neuen Schutzmantels zu besprechen. Einer der wichtigsten Redner ist Viktor Kulishenko. Er koordiniert die Planungsgruppe und erstellt die Kriterien für die Projektvergabe.

Viktor Kulishenko,
Co-Direktor der PMU, Planungsbüro für die Sarkophaghülle:

Das wichtigste Kriterium ist der Schutz der Umwelt bei irgendwelchen Störfällen innerhalb der Hülle. Zweitens müssen Bedingungen geschaffen werden, um die brennstoffhaltigen Massen herauszubringen. Das ist das, was nach der Havarie vom Reaktorbrennstoff noch übriggeblieben ist. Außerdem müssen alle technischen Voraussetzungen für die Demontage des alten Sarkophages geschaffen werden. Das heißt, sie müssen schon in der neuen Hülle enthalten sein.

Abschied vom Reaktor, doch die Fragen bleiben. Wie lange hält der brüchige Schutzmantel noch? Wann wird entschieden welches Projekt angewendet, damit endlich die Planung beginnen kann? 2005 soll die Überbauung stehen. Die Reinigung der gesamten 30km-Zone aber wird noch Jahrzehnte dauern.

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