Zurück       Diese Woche      Archiv      Diskussionsforum     
Archimède

26. Juni 2001


Links zu den Themen der Sendung:

Deutsches Krebsforschungszentrum in Heidelberg

Definitionen von Papillomaviren, Tumorviren, Apoptose etc.

Kampf den Krebsviren
Autor: Gero von Boehm

Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg haben als erste herausgefunden, welch entscheidende Rolle zum Beispiel Erreger aus dem Reich der Viren für die Krebsauslösung spielen. Welche Viren können zu Krebs führen? Wie kann man sie wirksam bekämpfen ?

Prof. Harald zur Hausen, Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg:
"Wir gehen davon aus, dass etwa 15% aller weltweit auftretenden Krebserkrankungen etwas mit Infektionen zu tun haben, wobei es nicht nur virale Erkrankungen sind, auch Krebserkrankungen, die durch Bakterien, also Helicobacter pylori beim Magenkrebs z.B. und durch Parasiten, durch Wurmerkrankungen hervorgerufen werden."

Viele dieser Krebserkrankungen könnten vermieden werden, wenn es eine möglichst lückenlose Früherkennung gäbe. In den Labors der Firma MTM, die mit dem Krebsforschungszentrum und dem Uniklinikum Heidelberg zusammen gegründet wurde, soll ein besonders genauer Test zur Früherkennung von Krebs an der Gebärmutter anwendungsreif gemacht werden.

Magnus von Knebel-Doeberitz, Leiter Abt. molekulare Biologie, DKFZ und Uni Heidelberg:
"Die Grundidee ist, sehr spezifisch und sehr genau entstehende Krebsveränderungen an der Gebärmutter nachweisen zu können. Das ist deswegen so wichtig, weil wir heute Verfahren haben, mit denen wir zwar Zellveränderungen anhand der Gestalt der Zellen nachweisen können, aber noch nicht 100% genau sagen können, wo ein Krebs im Entstehen ist. Mit dem neuen Verfahren können wir bei der Einzelzelle punktgenau sagen, dass dort Gene aktiv sind, die die Zellen in Richtung Krebs drängen. Auf diese Art und Weise erreichen wir ein noch nicht dagewesenes Maß an Spezifität und Genauigkeit im Nachweis von Krebsvorstufen."

Immer schnellere Diagnoseroboter machen es möglich, innerhalb von Stunden hunderte solcher Proben auf Krebszellen zu untersuchen. So werden die Tests auch immer kostengünstiger.

Magnus von Knebel-Doeberitz, Leiter Abt. molekulare Biologie, DKFZ und Uni Heidelberg:
"In der Zukunft kann man sich natürlich ausmalen, dass man mit diesem Prinzip eben auch ganz einfache biochemische Verfahren entwickeln kann, die vor allem in Ländern der Dritten Welt zum Einsatz kommen können, die nicht über die Ressourcen verfügen, Personal auszubilden. Das ist eigentlich für uns das wesentliche und entscheidende Ziel, weil diese Form des Krebses gerade in den Entwicklungsländern bei jüngeren Frauen besonders häufig ist. Hier ist die Krebsvorsorge mit einfachen Tests von ganz besonderer Bedeutung."

Der nächste folgerichtige Schritt in einer Strategie gegen Krebs, der durch Viren ausgelöst wird, wäre eine Impfung gegen die Erreger. Und genau in diese Richtung forscht man im Krebsforschungszentrum Heidelberg. Eine Impfung gegen Papillomviren beispielsweise, die Gebärmutterhals-Krebs auslösen, wäre eine bahnbrechende Entwicklung. Die Experimente laufen schon.

Papillomviren lösen keineswegs immer Krebs aus, sondern sind vor allem Ursache für die Entstehung von Warzen, von denen die meisten harmlos sind und gutartig bleiben. Dennoch sind einige der inzwischen über 60 verschiedenen Papillomviren, die allein im Krebsforschungszentrum gefunden wurden, für die Krebsforscher interessant. Man nimmt an, dass sie auch an der Entstehung anderer Haut- und Schleimhauttumoren beteiligt sind. Auf dem Weg zu einer Impfung treffen die Forscher immer wieder auf Hindernisse. Sie gehen aber davon aus, dass man spätestens in zehn Jahren überall auf der Welt Frauen gegen Krebs der Gebärmutter impfen wird. Das hätte enorme Auswirkungen.

Prof. Harald zur Hausen, Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg:
"Wir haben zur Zeit die Situation, dass etwa 600 Frauen pro Tag an Gebärmutterhals weltweit sterben. Das bedeutet jährlich über 200 000 Frauen. Theoretisch ist es denkbar, dass durch eine Impfung diese Zahl drastisch vermindert würde. Wir haben einmal kalkuliert, wenn man die Papillomvirusimpfungen - jetzt auch bezogen auf die anderen Krebserkrankungen, die durch diese Viren verursacht werden - und die Impfung gegen Hepatitis B-bedingten Leberkrebs in Rechnung stellt, dass dann etwa 15% der Krebserkrankungen bei Frauen vermieden werden könnten. Das würde in Zahlen ausgedrückt bedeuten, dass weltweit etwas mehr als 1 Mio. Patienten vor solchen Krebserkrankungen geschützt würden."
Was aber, wenn dieser Schutz zu spät kommt? Je mehr man über die Mechanismen der Krebsentstehung durch Erreger weiß, desto zielgenauer kann auch die Behandlung werden. Dabei ist es besonders wichtig, nur die Krebszellen zu treffen und nicht gesundes Gewebe, wie das bei den herkömmlichen Methoden teilweise noch immer geschieht.
Deshalb wollen die Forscher des Krebsforschungszentrums die immer besseren Kenntnisse über die tödliche Strategie der Krebsviren nutzen, um sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

O-Ton Prof. Felix Hoppe-Seyler, Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg:
"Ich bin von Haus aus Mediziner und mich hat es in die Tumorvirologie getrieben aufgrund der Tatsache, dass Tumorviren für mindestens 15% aller Krebsfälle beim Menschen verantwortlich sind. Die Tumorviren verfolgen dabei eine interessante Strategie. Sie führen dazu, dass Zellen unsterblich werden, indem sie bestimmte Eiweiße synthetisieren. Dies führt dazu, dass diese Tumorzellen unendlich wachsen, nicht mehr sterben und das ist natürlich ein typisches Zeichen von Karzinomen, von Krebszellen. Unsere Strategie dabei war es, zu versuchen in diesen Mechanismus einzugreifen, diese Proteine zu blockieren, die für die Unsterblichkeit verantwortlich sind."

Und damit werden die entarteten Zellen dann sozusagen in den Selbstmord getrieben.
So wird eines Tages eine treffsichere Behandlung verschiedener Krebsarten möglich sein. Auch für Leberkrebs und bestimmte Formen der Leukämie wäre die Apoptose, das Selbstmordprogramm, das der Zelle eingesetzt wird, denkbar. Ausgelöst wird die Apoptose durch winzige Eiweißpartikel.

Prof. Felix Hoppe-Seyler, Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg
"Diese Mini-Proteine, diese sog. Peptid-Aptamere, die an das E6-Protein der Papillomviren binden sind in der Tat in der Lage, den Zelltod in Papillomvirus-positiven Tumorzellen auszulösen."

  © 1999 ARTE G.E.I.E