Die Karriere hat diese Frau mit Mythen umgeben. Als Tänzerin, Schauspielerin und Regisseurin erst verehrt, dann verachtet, doch unvergessen. Sie zählt zu den einflussreichsten Kinomachern, aber auch zu den umstrittensten. Sie selbst fühlt sich zu Unrecht verurteilt.

Deutschlands letzte lebende Filmlegende - nun ist sie 98. Ihre Erfolge liegen lange zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sie keinen Film mehr machen. Denn sie gab vorher dem Triumph Hitlers künstlerischen Ausdruck. Leni Riefenstahl erlebt späten Ruhm. Buchpublikationen drängen auf den Markt. Rainer Rothers kritische Arbeit "Leni Riefenstahl: Die Verführung des Talents", bei Henschel erschienen. Und eine Hochglanz-Bildbiographie aus dem Hause Taschen. "Fünf Leben" - der Titel. Ist ein Wandel in der Riefenstahlrezeption in Sicht?

Leni Riefenstahl: Im Ausland ja schon lange, aber in Deutschland hat es sich auch geändert. Aber das ist für mich alles nicht mehr so wichtig, denn ich habe die wertvollsten Jahrzehnte meines Lebens verloren und jetzt ist es mir vollkommen egal, vollkommen gleichgültig, ob über mich gut oder schlecht geschrieben wird. Das hat für mich keine Bedeutung mehr, weil ich ja in dem Sinne nicht mehr schaffen kann, wie ich noch hätte vor 10 oder 20 Jahren schaffen können. Ich kann ja heute nur mit geteilter Kraft arbeiten.

Vor wenigen Wochen hat die fast Hundertjährige eine Rückenoperation überstanden.

1923 der Anfang. Noch heute schwärmt sie von ihrer Zeit als Tänzerin. Ihre eigentliche Berufung, wie sie meint. Eine Knieverletzung zwang sie nach kurzer Zeit zur zweiten Karriere als Schauspielerin.

1926 "Der heilige Berg" war ihr erster Film.

Gemeinsam spielte sie mit dem jungen Luis Trencker. Bei der Premiere gab sie ihre letzte öffentliche Tanzperformance.
Mit einer Ausnahme war Leni Riefenstahl bis zu ihrem Regiedebüt ausschließlich in Filmen Arnold Fancks zu sehen. Sie wurde ein Star. Wenngleich Rainer Rother schreibt, sie sei damals mehr "sportliches Idol als erotische Figur" gewesen.

Fanck legte großen Wert auf sportliche Sequenzen. Er liebte das, was wir heute Action-Kino nennen würden. Halsbrecherische Einlagen waren ihm wichtiger als die Zeichnung der Charaktere. Von seinen Schauspielern erwartete er höchsten körperlichen Einsatz, weniger schauspielerischen Glanz.

Was noch in ihr steckte, zeigte Leni Riefenstahl im "Blauen Licht" (1932), ihrer ersten eigenen Produktion, in der sie obendrein - aus Geldmangel - Regie führte. Der Film gewann bei der Biennale in Venedig Silber und viele weitere Auszeichnungen. Mit der Machtübernahme boten sich der Riefenstahl neue Aufgaben.
Aufgaben, denen sie sich aber nur widerstrebend hingegeben haben will.

Leni Riefenstahl
Da kam der Hitler dazwischen, der mich nicht in Ruhe ließ, der unbedingt wollte, dass ich einen Film vom Parteitag mache. Weil es ihm imponiert hat, dass ich damals als Frau im Jahre 31 es geschafft habe, einen Film zu finanzieren und zu machen, ohne selber eine Firma zu haben, gegen die ganze Männerwelt. Dass hat ihm imponiert. Und dann soll er gesagt haben, dass er so begeistert war vom "Blauen Licht". Der Film hat ihm so gut gefallen. Und auch der Film "Der heilige Berg". Die Filme haben ihm gefallen. Und er hatte es sehr schwer, weil Goebbels, der ja eine eigene Filmabteilung hatte auf keinen Fall wollte, dass ich das mache. Es sollten ja die Filme gemacht werden von den Filmleuten der Partei. Aber Hitler bestand darauf. Er hatte wohl gespürt oder geahnt, dass ich dafür Talent hatte, bevor ich es wusste. Denn ich habe es mir erst nicht zugetraut, eigentlich.

1934 "Triumph des Willens" - der Nürnberger Parteitag der NSDAP, die Ankunft Hitlers und seiner Helfer. Ein Meilenstein der Filmästhetik, einerseits. Bewegte Kamera, wechselnde Perspektiven, souveräne Montagetechnik.

Andererseits aber, wie Angelika Taschen im Vorwort der großen Bildbiographie schreibt, war der "Triumph des Willens" "nicht nur ein Triumph in der Geschichte des Films, sondern auch Propaganda für ein verbrecherisches Regime."

Leni Riefenstahl
Im "Triumph des Willens" ist ja nichts gestellt. Das ist ein Zeitdokument. Das haben auch die Richter bei den Entnazifizierungen so gesehen. Es ist ein Zeitdokument. Ob es der Arbeitsdienst ist, oder ob es der Vorbeimarsch ist, oder die Jugend, vor der Hitler eine Rede hält. Das war damals so. Und damals waren die Leute, und nicht nur die Deutschen, auch die Ausländer, fasziniert. Und glauben Sie, dass der "Triumph des Willens" von Frankreich eine Goldmedaille bekommen hätte, kurz vor dem Ausbruch des Krieges, wenn sie den als Propagandafilm gesehen hätten, vorm Krieg, die Franzosen?

Metropolis
Sie sind ja auch gefeiert worden in Frankreich

Leni Riefenstahl
Auf den Schultern haben sie mich getragen bei dem Film, bei der Premiere. War unglaublich. Sie haben mir sogar die Kleider zerrissen. Sie können sich die Begeisterung gar nicht vorstellen. Und das Groteske ist, dass ich dafür büßen muss. Weil man mir auch nicht glaubt, dass ich nichts wusste von den Konzentrationslagern. Man hat es einfach gesagt: das stimmt nicht! Die lügt!

Leni Riefenstahl bezeichnet sich als politisch nicht interessiert. Sie habe sich daher überfordert gefühlt von Hitlers Wunsch, dass sie den Parteifilm machen müsse. Doch hat sie, intuitiv oder geplant, Ablauf und Symbolik der Aufmärsche sofort erfasst - und filmisch überhöht.

Darf man die Regisseurin allein nach ihrem Können beurteilen, nicht nach der Botschaft, die dieser Film transportiert? Man hat sie verurteilt - und von ihr gelernt. Und heute sind ihre Tricks Teil fast jeder Hollywoodinszenierung. Der Amerikaner John Milius, unter anderem Autor des Klassikers "Apocalypse Now", hat einmal geschrieben, Leni Riefenstahl habe der Filmwelt "ein Vokabular für ein Kino der Grandeur" gegeben. Er wusste aber auch, dass dieses Gefühl der Größe ein "gefährliches und berauschendes Gefühl" sei.

Ihre Bilder erzeugten diese Emotion. Deswegen war sie nützlich für ein nach Größe gierendes Regime, das auf tausend Jahre angetreten war.

Leni Riefenstahl
Das war eine ungeheure Belastung! Und ich habe nicht eine Minute aus Ehrgeiz das gemacht. Im Gegenteil! Ich habe sehr lange gekämpft, bis ich mich entschlossen habe, den Olympia Film zum Beispiel zu machen. Ich habe Monate abgewartet und überlegt und wollte es nicht tun. Weil es eine Belastung ist! Es ist doch kein Spaß, da mit 30-40 Kameraleuten, die ich bei Olympia hatte, zu arbeiten, wo man eigentlich als Schauspielerin arbeiten möchte! Und die Verantwortung, und ob das gelingt, und es ist doch ungeheuerlich schwierig alles.

Die Olympia-Filme (1938) arbeiten mit den Mitteln der Heroisierung und wurden so für Propagandazwecke verwendbar. Doch waren sie zugleich seinerzeit Welterfolge. Vieles ist rein dokumentarisch. Noch nach dem Krieg wurde der Riefenstahl per Diplom vom IOC eine Goldmedaille zugesprochen.

Der Vorwurf später, Riefenstahls "Olympia" verschweige die Ausgegrenzten des NS-Systems, indem nur das deutsche Gemeinschaftsgefühl gefeiert werde, verdrängt Wissen von der Form, in der Sporthelden heute dargestellt werden. Eine Sternfotoserie von Andreas H. Bitesnich. Riefenstahl zeigt immer noch Wirkung, Riefenstahl ist Kult.

Leni Riefenstahl
Ich selber bin nicht interessiert, Motive von kranken oder hässlichen Menschen oder Geschehnissen zu fotografieren oder zu filmen, weil ich so ein sehr positiv eingestellter Mensch bin, der gerne Lebensfreude vermittelt. Aber ich bin genauso fasziniert, von Motiven, die hässlich sind, aber genial gemacht sind, wie bei Picasso. Ich selber habe zum Beispiel in meiner Berliner Wohnung eine ganze Sammlung der Fotos von Käthe Kollwitz an den Wänden zu hängen gehabt. Da hat mich eben die Kunst fasziniert.

Erste Zweifel an Hitlers Größe will Leni Riefenstahl bekommen haben, als dieser die gesamte Moderne zur "entarteten Kunst" erklärte. Nach 1938 habe sie sich allmählich innerlich vom System abgesetzt.

Doch sie nutzte ihre Privilegien. Die Riefenstahl brauchte keine Propagandafilme drehen. Für ihre Zusage, den "Triumph des Willens" zu übernehmen, habe sie Hitler das Versprechen abgenommen, keinen weiteren Film im Auftrag der Partei machen zu müssen. Er habe sich daran gehalten. Sie suchte das Schöne - und drehte den schon lange vorbereiteten Film "Tiefland" (1954).

Die Produktion führte sie zurück in die Bergwelt, während rundum der Zweite Weltkrieg tobte. Erzählt wird die Geschichte der Zigeunerin Martha, gespielt von Leni Riefenstahl.
Dass für "Tiefland" Zigeuner als Statisten bereitgestellt wurden, die aus einem Lager bei Salzburg stammten, übergeht der Taschen-Bildband.

Wie viel kritischer sich Rother der Riefenstahl nähert, zeigt besonders die Darstellung der Nachkriegsjahre. Hier Prozesse im Detail, bei Taschen nur wenige Hinweise darauf, wie der Kampf der Regisseurin um ihre Reputation verlief.

Leni Riefenstahl
Ich hätte alles haben können, wenn ich gesagt hätte: "Ich habe gewusst, dass es Konzentrationslager gab." Wenn ich das gesagt hätte. Ich wusste, und das habe ich gesagt, dass es Dachau gab und Theresienstadt. Das war mir bekannt. Von den anderen hatte ich nie was gehört. Wenn ich das gesagt hätte, hätte ich wohl weniger Schwierigkeiten gehabt. Aber ich hätte lügen müssen, nicht?

Die Behauptung, von allem nichts gewusst zu haben, hatte sie mit Millionen Deutschen gemein. Die öffentliche Ablehnung der Riefenstahl hing auch mit der massenhaften Verdrängung der einstmals breiten Zustimmung für das NS-Regime zusammen.
Nur "Tiefland" kam noch zur Premiere. Danach konnte Leni Riefenstahl keinen neuen Film mehr machen. Projekte versandeten, weil sich kein Geld auftreiben ließ. Auch Ihre Bemühungen, einen Film über ihre Afrikareisen zu drehen, scheiterte bislang.

Die Regisseurin verlegte sich aufs Fotografieren. Ihre Bilder der Nuba brachten der Riefenstahl 76 eine Goldmedaille des Art-Directors-Club Deutschland für die beste fotografische Arbeit ein.

Leni Riefenstahl
Ich war mit ihnen befreundet. Zwischen den Nuba und mir war das ein so inniges Verhältnis, dass ich sogar die Absicht hatte, für immer dort zu bleiben. Ich habe die Menschen geliebt, und die haben mich geliebt. Ich hab´ dort die glücklichste Zeit meines Lebens mit diesen Menschen verbracht.

Es folgte die fünfte Karriere: Noch mit 72 Jahren macht Leni Riefenstahl den Tauchschein. Mit ihrer Kamera erobert sie sich die Unterwasserwelt.
Außerhalb Deutschlands genießt sie weit höhere Anerkennung als bei uns. Time Magazine rechnet sie zu den 100 einflussreichsten Künstlern unseres Jahrhunderts. Hollywood zeigt Interesse am Lebensweg der Riefenstahl. Jody Foster wollte die Rechte an den Riefenstahl-Memoiren erwerben.

Leni Riefenstahl
Ich hätte es auch wahnsinnig gern gemacht! Ich schätze sie sehr und hätte es sehr gerne gemacht. Aber als es dann zum Vertrag, zu den Verträgen kam, was die Anwälte machen, habe ich erfahren müssen, dass es nicht möglich war, in den Vertrag zu bekommen, dass ich ein Recht habe, wenn Lügen gebracht werden, dagegen was zu unternehmen oder das zu verhindern. Dass heißt, die haben volle Freiheit, und ich habe kein Recht, irgendetwas dagegen zu unternehmen. Und das konnte ich doch nicht zulassen.

Gerade auch "die Widersprüchlichkeit ihrer Geschichte" mache sie zu einer so herausragenden Persönlichkeit, so Angelika Taschen im Vorwort der Bildbiographie. Einst geliebt, dann ein Skandal, jetzt Stoff fürs große Kino. In die Bewunderung, welche die Künstlerin verdient, mischt sich das Rätsel, das einem der Mensch aufgibt.

Leni Riefenstahl
Insofern fühl ich mich schuldig, dass ich am Anfang, in den ersten Jahren so fasziniert war weil Hitler sein Versprechen gehalten hatte die Arbeitslosen wezufischen und die ganze Not aus Deutschland zu verbannen. Aber ich hätte ja ebenso wie die anderen auch sehen müssen, dass man nicht in jüdischen Geschäften einkaufen durfte, sollte. Ich habe gekauft in jüdischen Geschäften aber es war an sich nicht erwünscht. Das alleine hätte mir zu denken geben müssen und das kann ich nicht verstehen heute, dass das nicht der Fall war. Ich war eben mit angesteckt von der ganzen fast hysterischen Begeisterung, die damals war.


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