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-------Es
ist wohl offenkundig, dass zahlreiche der ganz großen Musikwerke in
einem bestimmten Teil Europas, nämlich in deutschsprachigen Ländern,
entstanden sind. Ich weiß nicht, warum das so ist. Aber ich orientiere
mich daran, nicht aus nationalistischen Gründen, sondern weil ich Werke
von höchster Qualität interpretieren möchte. Aufgrund des sehr umfangreichen
Klavierrepertoires ist man gezwungen, eine Auswahl zu treffen. Selbst
wenn man möglichst vielseitig sein möchte, kann man nicht alles spielen.
Diese Auswahl kann darin bestehen, von jedem Komponisten einige Stücke
zu spielen und sich nicht zu spezialisieren. Oder aber man sucht sich
unter den größten Komponisten diejenigen aus, die einem am besten liegen,
und konzentriert sich auf sie, indem man ihre Werke spielt. Dafür habe
ich mich entschieden. Ich fühle mich aber, ehrlich gesagt, überhaupt
nicht als Spezialist. Obwohl mir das in Amerika zuweilen vorgeworfen
wird, weil ich Chopin oder das russische und französische Repertoire
nicht gespielt habe. Für sie ist es eine Spezialisierung, wenn man das
deutsche - das so genannte deutsche - Repertoire spielt, für mich ist
es das nicht, denn es ist einfach der Großteil des Repertoires.
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--------Wenn
ich mich überhaupt einer Tradition zugehörig fühle, dann jener, bei
der das Werk dem Interpreten sagt, was er tun soll. Ich gehöre nicht
zu den Interpreten, die dem Werk oder dem Komponisten ihre Sichtweise
aufzwingen. Meines Erachtens ist der Interpret nicht der Vormund des
Komponisten, sondern er sollte, wie Schönberg es formulierte, sein eifrigster
Diener sein, ich würde sagen: sein Assistent aus freien Stücken.
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--------Ich
glaube, dass bei guter Musik Gefühl und Geist eine Einheit bilden, auch
wenn das Gefühl Ursprung und Ziel bleibt. Der Geist steuert und filtert
und macht ein Kunstwerk erst möglich. Ansonsten kann es zwar voller
Liebe und Leidenschaft sein, aber es bleibt amateurhaft. Wenn ich ein
Werk interpretiere, bin ich mir bewusst darüber, dass es einen bestimmten
Aufbau, aber auch seinen eigenen Charakter hat. Wenn ich Aufbau sage,
denken die meisten, dass ich weiß, worüber ich spreche. Doch wenn ich
den Charakter eines Werkes erwähne, fragen mich manche, was ich damit
eigentlich meine. Was hat das mit Musik zu tun? Alle Meisterwerke tragen
etwas ganz Besonderes zur Musik bei, etwas, das es noch in keinem anderen
Werk gab. Und meiner Meinung nach hat jedes Stück auch seine eigene
Persönlichkeit, wie Menschen auch: Vorzüge, Fähigkeiten und Reize. Doch
es gibt eine Grenze, die ein bestimmter Charakter nicht überschreitet.
Das Gleiche gilt für die Musik. Innerhalb der Grenze gibt es eine gewisse
Freiheit für den Interpreten, doch wenn er diese Grenze nicht erkennt
und sie übertritt oder missachtet, entstellt und verfälscht er das Werk.
Nun erfordern Aufbau und Charakter aber zwei verschiedene Herangehensweisen.
Denn es ist ein Irrglaube, dass sich über den Aufbau automatisch der
Charakter eines Werkes erschließt. Um herauszufinden, wie beides zusammenhängt,
muss man von Anfang an an verschiedenen Punkten ansetzen.
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