Alfred
Brendel : "Das Märchen vom Schlaginstrument habe ich nie
geglaubt. Schon Bachs Inventionen sind ja ausdrücklich zur Ausbildung
des gesanglichen Spiels bestimmt. Bach hat ein Vorwort geschrieben,
in dem er darauf hinweist. Also hat er wohl auch mit der Möglichkeit
gerechnet, daß man auf den alten Instrumenten gesanglich oder weniger
gesanglich spielen kann. Wenn das Klavier ein Schlaginstrument wäre,
hätten ihm die großen Komponisten nicht so Vieles anvertraut. Ich habe
immer versucht, aus dem Klavier heraus und nicht ins Klavier hinein
zu spielen. Das Hämmern und Stechen ist nicht meine Sache. Es stimmt
übrigens auch nicht, daß man einen einzelnen Klavierton nur lauter oder
leiser, aber nicht mit verschiedenem Ausdruck, in verschiedenem Charakter,
in verschiedener Färbung spielen könne. Man vergesse auch nicht die
Hebelwirkung des Pedals. Ich könnte Ihnen auf dem Klavier vorführen,
wie schon einzelne Noten einen ausgeprägten Charakter haben können.
Dann gibt es natürlich die Verbindung von mehreren Noten, die noch viel
mehr bewirken kann und eine Kombination von Singen und Sprechen hervorzurufen
vermag. Der Gesang ist für mich die Grundlage der Musik - zumindest
der Musik vor dem 20. Jahrhundert. Da ist vielleicht eine große Zäsur
gewesen; seither singt und spricht die Klaviermusik eher ausnahmsweise.
Aber im Singen und Sprechen sollte man vom Sänger, von der Oper lernen.
Es ist mir immer wieder aufgefallen, daß ich trotz meiner Bewunderung
für gewisse große Pianisten doch den Eindruck hatte, von Sängern und
Dirigenten noch mehr gelernt zu haben. Und von Schauspielern." (S. 109f.)
Alfred Brendel
über Joseph Haydn:
"Ich sehe Haydn
natürlich nicht als den Papa Haydn. Ich sehe ihn auch nicht als den
Erzintellektuellen, als der er neuerdings manchmal hingestellt wird.
Ich sehe ihn als einen der aufregendsten Abenteurer und Entdecker in
der Musik. Allerdings war da noch Carl Philipp Emmanuel Bach - er war
nur freilich so stark Abenteurer und Entdecker, daß er fast nur von
Überraschungen lebte, ein bißchen wie Berlioz. Haydn hat etwas Ordnung
in diese Überraschungen gebracht oder die Überraschungen vor dem Hintergrund
einer Ordnung dem Hörer präsentiert, wodurch sie eindrucksvoller und
auch viel lustiger wurden. Es war nur so möglich, komische Musik zu
komponieren; und das gehört zu den großen Errungenschaften Haydns. Sie
hat es in dieser Form vorher wohl nicht gegeben. (Ich denke jetzt nicht
an die Bühne und das Wort, ich denke an reine Instrumentalmusik.) Haydn
war der eigentliche Entdecker und umfassende Großmeister des Streichquartetts,
dazu ein großer Erfinder auch von Formen: des ‚Scherzos', der Variationen
mit Fuge, der Doppelvaration. Der orchestrale Satz der späten Es-Dur-Sonate
ist ebenfalls eine Neuerung. Dann noch etwas: Haydn ist in gewissen
späten Werken der Rokoko-Komponist par excellence und nicht Mozart.
Mozart ist immer der Klassizist. In einem Stück wie der letzten dreisätzigen
C-Dur-Sonate Haydns oder der anderen Es-Dur-Sonate Hob. XVI/49 ist das
Rokoko geradezu greifbar. Manchmal so, als ob in einer Landkirche plötzlich
eine ungeheuer elegante Rokoko-Kanzel stünde. Ich denke da an eine besondere
bayrische Kirche, die zu den Kirchen im Umkreis von Erding gehört. Es
lohnt sich, hinzufahren und um den Schlüssel zu bitten: da ist von einem
lokalen Maurermeister in Oppolding eine Kirche errichtet worden, und
darin schwebt eine Kanzel, die man kaum zu betreten wagt." (S. 114f.)
Woran liegt es,
daß gerade dieser abenteuerlustige und frei erfindende Joseph Haydn
so lange so sehr unterschätzt wurde?
"Ich habe das mit
seiner Biographie zu erklären versucht. Ich habe gesagt, Haydn und Liszt
seien wohl die mißverstandensten Komponisten gewesen. Beiden war gemeinsam,
daß sie lange lebten und sehr viel Neid erregten. Haydn war in seinen
älteren Jahren unbestritten der berühmteste Komponist Europas und hatte
keine Skandale vorzuweisen, keine schweren Krankheiten, keine Syphilis,
keine Schwindsucht, er war nicht verrückt, litt auch nicht an monomanischem
Größenwahn. Nichts, was die Leute zur Sympathie in der einen oder anderen
Weise angeregt hätte." (S.116)
Fühlen Sie sich,
wenn Sie heute Haydn spielen, immer noch als Bahnbrecher und Revolutionär?
Oder ist es für Sie heute so, wie wenn Sie Mozart spielen?
"Bei Haydn ist das
doch noch eine andere Sache. Ein bißchen Bahnbrecher bin ich vielleicht
schon im Vergleich mit manchen Aufführungen, die ich gehört habe. Am
ehesten fühle ich mich als Bahnbrecher - wenn ich ein solches Wort überhaupt
verwenden will - in der Interpretation des Humoristischen. Ich habe
darüber einen größeren Aufsatz geschrieben, in dem ich darzustellen
versuche, daß es eben in der absoluten Musik auch die Möglichkeit gibt,
komisch zu sein, was nicht nur manche Philosophen, sondern auch manche
Musiker bestritten haben. Ich bekam einmal die Einladung, in Cambridge
die sogenannte ‚Darwin Lecture' zu halten. Es wird da jedes Jahr jeweils
eine Persönlichkeit eingeladen. Auf Anregung von Frank Kermode bin ich
zu diesem Vortrag gekommen und habe mir als Thema ‚Does classical music
have to be entirely serious?' vorgenommen. Das hatte mich zuvor schon
interessiert; nun aber hatte ich zwei Jahre Zeit und verbrachte diese
Zeit damit, viel Literatur zu lesen, um mir selbst darüber klar zu werden,
was man über das Thema sagen kann. Das ist nun ohnehin immer auch ein
Grund dafür, daß ich etwas schreibe: Ich möchte meinen Kopf klären und
möglichst genau jenen Fragen nachgehen, auf die ich in der Fachliteratur
keine ausreichenden Antworten gefunden habe." (S. 117)
Alfred Brendel
auf Fragen zu Mozart:
Erstaunlich ist
auch, daß gerade die Moll-Kompositionen Mozarts in ihrer Vielfalt die
verschiedensten Charaktere repräsentieren. Das d-Moll-Konzert hat im
Grunde eine ganz andere Färbung und einen ganz anderen Empfindungsreichtum
als das c-Moll-Konzert; die c-Moll-Sonate wiederum hat einen anderen
Grundton als die a-Moll-Sonate ...
"... oder als die
c-Moll-Fantasie KV 475, die meiner Meinung und übrigens auch Artur Schnabels
Meinung nach nicht vor der Sonate gleicher Tonart gespielt werden sollte,
obwohl die beiden Stücke gemeinsam veröffentlicht wurden. Es sind nämlich
zwei vollgültige Werke in der gleichen Tonart, die sich gegenseitig
eher ausschließen oder in ihrer Wirkung abschwächen. Die brauchen einander
nicht." (S.127f.)
Generell die
Moll-Tonarten bei Mozart - wie sehen Sie deren Stimmungen und Charaktere?
"Ich kenne keinen
Komponisten, der als Moll-Komponist so verändert dastände wie Mozart.
In der Anzahl sind seine Moll-Werke spärlich, aber sie scheinen mir
die Dur-Werke durchaus aufzuwiegen in ihrem Eigengewicht." (S. 128)
Sie haben auch
einmal gesagt, daß Mozart gerade in den Moll-Werken das Prozeßhafte,
das Vorantreibende besonders stark entwickelt hat.
"Ja, ich kann mir
gut vorstellen, wie Beethoven gerade durch diese Konzerte angeregt wurde.
Das d-Moll-Konzert KV 466 hat er selbst gespielt, das c-Moll-Konzert
hat er sehr bewundert und gesagt, so etwas brächten wir nicht zustande.
Diese beiden Konzerte sind ja so anders komponiert als die anderen,
daß man auch in den Kadenzen nicht mehr nach den Modellen der üblichen
Kadenzen verfahren kann. Leider gibt es ja für die Moll-Konzerte keine
originalen Kadenzen. So muß man eben versuchen, eine Kadenz in einem
Guß zu schreiben. Ich denke da - als Vorlage oder Modell - etwa an das
5. Brandenburgische Konzert von Bach, das von dem Quartsextakkord bis
in die Auflösung sozusagen in einer Bewegung abläuft." (S. 128)
Auffallend ist,
daß Mozarts c-Moll-Konzert eines der ganz wenigen Werke seit der klassischen
Periode ist, die auch in der Moll-Tonart zu Ende gehen.
"Sie haben recht.
Für die Sonaten trifft der Befund nicht zu, aber für die Klavierkonzerte
durchaus. Im übrigen habe ich das c-Moll-Konzert auch immer als tragisches
Stück par excellence empfunden. Es ist auch das kontrapunktisch dichteste
Konzert, und man muß immer wieder daran denken, wie wichtig die Tonart
c-Moll für Mozart war. Sie war nicht nur Beethovens Tonart, sondern
genauso die seine." (S. 129)
Zitiert
nach: Alfred Brendel, "Ausgerechnet ich -
Gespräche mit Martin Meyer", Carl Hanser Verlag,
München, 2001.