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Donnerstag, 22.02.2001, ab 20.45 Uhr

Mobbing - Terror am Arbeitsplatz


Ein Themenabend von Milka Pavlicevic, ZDF/ARTE
Redaktion ARTE G.E.I.E: Anne-Laure Négrin

Konflikte am Arbeitsplatz gibt es seitdem Menschen in organisierten Formen zusammenarbeiten. An der Schwelle vom Industrie- zum Dienstleistungszeitalter hat der Terror am Arbeitsplatz jedoch eine nie zuvor gekannte Qualität erreicht. Um die eigene Position im Unternehmen zu sichern, greifen immer mehr Beschäftigte zu illegitimen Mitteln und führen gleichsam Krieg gegen Kolleginnen und Kollegen. Seit den frühen 90er Jahren hat Terror am Arbeitsplatz einen Namen: MOBBING.
Mobbing ist zu einer volkswirtschaftlichen Gefahr von bedrohlicher Größe geworden, das in den westlichen Industriestaaten jährlich Verluste in zweistelliger Milliardenhöhe verursacht.
In Schweden, Norwegen, Finnland, England und Deutschland sind die Ursachen dieses Phänomens längst erforscht. Dabei geht es nicht nur um die wirtschaftliche Dimension der planmäßigen Mitarbeiter-Schikane, sondern auch um die Ursachen und gesellschaftliche Konsequenzen.
Vor allem in großen Unternehmen und staatlichen Einrichtungen, wie der Polizei, den Verwaltungen, aber auch in Institutionen wie etwa der evangelischen Kirche, in Krankenhäusern und Großunternehmen, sprechen Beschäftigte von der systematischen Vergiftung des Betriebsklimas durch Vorgesetzte und Kollegen. Die Fallstudien der Mobbing-Forscher lesen sich mitunter wie eine Enzyklopädie der Niedertracht. Es sind häufig die farblosen Büroexistenzen, die bei der zielstrebigen Zermürbung erschreckende Fantasie und Kreativität entwickeln.
Mobber greifen selten direkt an, sondern wählen meist den Hinterhalt. Ihre Opfer sind in der Regel Kollegen, die die Routine am Arbeitsplatz in Frage stellen und/oder durch besonderen Fleiß oder Ehrgeiz auffallen. Planmäßig werden Gerüchte im Kollegenkreis gestreut, beiläufig Beleidigungen fallen gelassen und die Arbeit der zunächst Ahnungslosen sabotiert. Mobbing wird dann zur vernichtenden Waffe. Das Komplott ist perfekt, sobald das Opfer isoliert ist. In einigen Fällen gehen Mobber noch weiter und entwickeln geradezu sadistische Energien bei der Zerstörung eines Kollegen. Auf perfide Art und Weise steigert dessen Erniedrigung ihr Selbstwertgefühl.
Parallel wachsen Selbstzweifel, der zunehmende Druck führt zu psychischen und körperlichen Erkrankungen. Gegen die Dynamik des Mobbings sind die Opfer fast wehrlos. Aus der lähmenden Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ertragen sie selbst entwürdigende Schikanen.
Experten schätzen, dass alleine in Deutschland zwischen 500.000 und 1,4 Millionen
Beschäftigte unter monate-, wenn nicht jahrelangen Schikanen leiden. In Frankreich gehen Forscher davon aus, dass rund zwei Millionen Menschen von Mobbing betroffen sind - auch hier regiert die Angst.
Auslöser von Mobbing können Neuerungen am Arbeitsplatz sein, die gewohnte Abläufe verändern. Hinzu kommt die mangelnde Fähigkeit von Vorgesetzten und Beschäftigten, Konflikte zu lösen. Verschärft wird das Problem durch die Angst vor Arbeitslosigkeit. Psychologen und Arbeitsrechtler sehen Mobbing als Zeichen für ein schlechtes Klima in der Arbeitswelt.

In Dokumentationen und Reportagen skizziert der Themenabend Fakten und Hintergründe für Mobbing. Der Themenabend zeigt an Einzelschicksalen wohin Mobbing führen kann. Er dokumentiert die Beziehungen zwischen "Täter" und "Opfer", zwischen "Herrschern" und "Beherrschten". Der Fernsehfilm MONSIEUR MOBBING schildert eindrucksvoll, wie unliebsam gewordene Kollegen entsorgt werden.

Mobbing-Forscher, Arbeitspsychologen, Politiker, Betriebsräte und Rechtsanwälte geben Auskunft über die möglichen Ursachen für Mobbing. Zahlreiche empirische Untersuchungen belegen nachhaltig, mit welchen Methoden und Techniken Mobbing ausgeführt wird. Fachleute zeigen mögliche Lösungen auf, wie Frau/Mann den Terror am Arbeitsplatz widerstehen und bekämpfen kann.

20.45 Uhr

Gepiesackt. Entwürdigt. Kaltgestellt.
Krebsgeschwür Mobbing

Dokumentation von Milka Pavlicevic
Deutschland 2001
65 Min.
Deutsche und französische Erstausstrahlung

Eine Deutschlandreise der "besonderen" Art: Datteln, Bielefeld, Köln, Neuss, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Braunschweig, Fremdingen, Ottobeuren, München, Freiburg. Von Norden nach Süden ging die Reise - eine Reise des Suchens nach Menschen die bereit waren, ihre Angst vor ihren Chefs und Kollegen, vor Psychoterror und Repressalien zu überwinden und offen vor der Kamera über ihre Leidenswege zu reden - Worte zu finden, für ihre Erlebnisse als Mobbingopfer die manchmal nicht in Worte zu fassen sind.
Christian, Cornelia, Peter, Brigitte und Markus gewähren Einblicke in ihre Mobbingwelten: Sie berichten von Verletzungen und Erniedrigungen durch Vorgesetzte und Kollegen, von quälenden Gedanken, vom Verfangen sein in einem Mobbingnetz, von den Versuchen sich zu befreien, und von ihrem Scheitern. Und ständig bohrende Fragen: "Warum gerade ich? Was soll ich tun? Wem kann ich mich anvertrauen? Bin ich bald ohne Arbeit?"
Stefanie, Nina und Sylvia können nicht mehr reden. Ihre Eltern klagen an. Die jungen Polizistinnen, Mobbingopfer haben den Tod gewählt. Die Schicksale gleichen sich. Ob in der evangelischen Kirche, bei der Polizei, in der Bundeswehr, im Universitätskrankenhaus oder in der Industrie: In allen Bereichen ist stellenweise subtile Kriegsführung am Arbeitsplatz mit dramatischen Folgen zu finden.

Die Dokumentation zeigt in dichten, atmosphärischen Bildern und intensiven Gesprächen, welche Spuren Mobbing hinterlässt, wie zerstörerisch es sich auf Persönlichkeit, auf berufliche, familiäre und freundschaftliche Beziehungen auswirkt. Sie zeigt, welche wirtschaftlichen Schäden entstehen, wenn Mobbing nicht unterbunden wird. Der Film deckt auf, unter welchen gesellschaftlich-politischen Verhältnissen ein solches Mobbing möglich ist und sucht nach Antworten, für den Niveauverfall in der Gesellschaft. Im Zentrum der Dokumentation steht die Frage: Welchen Wert hat der Mensch heute in der Arbeitswelt ?

Es nehmen u. a. Stellung:
-Dieter Zapf, Arbeitspsychologe und Mobbingforscher, Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität Frankfurt
-Günther Beckstein, Bayerischer Innenminister
-Thomas Wüppesahl, Bundessprecher der Vereinigung kritischer Polizisten
-Herbert Erchinger, Industriepfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Braunschweig
-Fritz Behrens, Innenminister Nordrhein-Westfalen
-Margot Käßmann, Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover.


22.00 Uhr

Gib Mobbing keine Chance!

Reportage von Wolf Lindner
Deutschland 2001
35 Min.
Deutsche und französische Erstausstrahlung


Häufig treffen Mobbing-Kranke auf wenig informierte Ärzte, die oft Zusammenhänge nicht erkennen und nur an den Symptomen herumkurieren. Bislang gibt es noch wenige Fachkliniken, die bei Mobbing professionell helfen können. Die Psychosomatische Klinik im saarländischen Berus hat sich auf die Behandlung von Mobbing-Patienten spezialisiert.
In acht Wochen wird hier mit einem besonderen Therapiekonzept das Mobbinggeschehen analysiert. Danach sollen sich die Patienten wieder ins Berufsleben eingliedern können- ohne erneute Mobbinggefahr, sei es auf dem alten Arbeitsplatz, sei es auf ganz neuen Wegen.
Um der Zerstörung von Menschen durch Mobbing im Vorfeld zu begegnen, wäre eine wirksame Vorbeugung in den Betrieben notwendig. Arbeitsschutzgesetze könnten hier Abhilfe schaffen. Erste Bemühungen gibt es bereits. So soll im Frühjahr 2001 in einer Konferenz der Arbeits- und Sozialminister das Thema Mobbing am Arbeitsplatz ausführlich diskutiert werden.
Bislang gibt es nur in wenigen Betrieben und Verwaltungen sogenannte Betriebs- oder Dienstvereinbarungen. So zum Beispiel bei der Stadtverwaltung München. Die neue Dienstvereinbarung gegen Mobbing und Schikane am Arbeitsplatz wurde am 23. November 2000 vom Oberbürgermeister und dem Personalrat unterzeichnet. Die Dienstvereinbarung verpflichtet alle Führungskräfte, schon bei Verdacht auf Mobbing einzuschreiten und gemeinsam mit Personalrat, Betriebsarzt und Betroffenen nach Lösungen zu suchen.

Die Reportage von Wolf Lindner zeigt am Beispiel der Klinik Berus auf, in welche Richtung sich die Mobbingtherapie entwickeln müsste, um Betroffenen medizinisch und psychisch wirksam helfen zu können. Am Beispiel der Stadtverwaltung München wird gezeigt, wie eine Dienstvereinbarung gegen Mobbing aussehen kann und ob sie in der Praxis ein wirksames Instrument gegen Mobbing ist. Experten geben Auskunft über Risiken und Chancen, Mobbing in ein neues Arbeitschutzgesetz aufzunehmen und damit justiziabel zu machen.

22.40 Uhr

Monsieur Mobbing

Fernsehfilm
Frankreich 1998
86 Min.

Regie: Fabrice Cazeneuve
Buch: Laurent Choucan und Sarah Levy
Kamera: Pierre Novion
Musik: Michel Portal
Mit: Julien Boisselier, Philippe Duclos, Laurent Arnal, Marie Desgranges, Philippe Faure, Joseph Falcucci, Isabelle Habiague, Christian Pereira
Koproduktion: France 2 / Anabase - Expand Images / La Sept ARTE
Wiederholungen im digitalen ARD/ZDF-Bouquet am 24.02. und am 04.03.

Medic-Hall ist ein kleines, von der mächtigen Holdinggesellschaft GFI abhängiges Unternehmen. Neun Angestellte sind mit dem Verkauf von medizinischen Geräten beschäftigt. Als die GFI eine Umstrukturierung beschließt, soll die Belegschaft von Medic-Hall wegrationalisiert werden. Um die Abfindungen zu sparen, setzen die Konzernbosse auf eine teuflische Methode: Effektiv gesteuertes "Mobbing". Systematische Hetze wegen der geringsten Fehler, Demütigungen, erniedrigende Aufgaben: Alle Mittel werden eingesetzt, um die Angestellten aus der Firma zu ekeln. Dieser gesteuerter Psychoterror wird von einem professionellen "Freisetzungsprofi" organisiert: Sébastien Jalabier. Niemandem wird es gelingen, seiner Behandlung unversehrt zu entkommen...


Philippe Duclos in der Rolle des "Mobbers"

"Monsieur Mobbing" ist ein packendes Sozialdrama, das die Probleme der forcierten Entlassungswellen unter die Lupe nimmt. Die Mechanismen der psychischen Folter im Beruf kommen der Realität sehr nahe. Besonders sehenswert: Philippe Duclos, in der Paraderolle des Sadisten Jalabier, der aus seiner Krankheit einen Beruf machen kann, weil die Gesellschaft selber krank ist. Nach und nach kündigen die Kollegen, nur Vincent hat die Kraft und die Halsstarrigkeit, sich Jalabier zu widersetzen: Das Duell zwischen Vincent, dem jungen alleinerziehenden Vater, und dem grausamen Söldner des Kapitals, fesselt bis zur letzten Minute.

Fabrice Cazeneuve

Seit 1982 führt Fabrice Cazeneuve jedes Jahr Regie bei neuen Spielfilmen. Gleich zu Anfang seiner Karriere wurde er für FOU COMME L'OISEAU (1982), bei dem er das Drehbuch mitverfasste, mit dem SACD-PREIS FÜR NEUE TALENTE ausgezeichnet. Mit LE ROI DE LA CHINE (1984) bekam er 1984 den SILBERNEN LEOPARDEN in Locarno und den GRAND-PRIX BEI DEM FILMFESTIVAL IN GRENOBLE. Seine zahlreichen filmischen Adaptionen von literarischen Werken sind UN NOUVEAU DANS LA VILLE (1986) nach Georges Simenon, IVAN IVANOVITCH KOSSIAKOV (1987) nach Jean Giono, ALCYON (1989) nach Pierre Herbart, TROIS ANNÉES (1989) nach Anton Tschechow, MORGEN (1992, Arte 22.11.1997) nach einer Kurzgeschichte von Joseph Conrad, UN ENFANT SAGE (1995) nach Jean-Denis Bredin. MONSIEUR MOBBING (1998).

00.05 Uhr

Der Lohn des Leidens
Mobbing in Frankreich

Dokumentation von Marie-Christine Gambart

Frankreich 2001
35 Min.
Deutsche und französische Erstausstrahlung

Patrick arbeitete in einer großen französischen Firma im öffentlichen Sektor. Er war ein ambitionierter Forscher, erfolgreich und hochmotiviert. Plötzlich verändert sich seine Arbeitssituation drastisch. Ab sofort wird er wie ein "Aussätziger" behandelt. Auf seine Fragen gibt es oftmals nur knappe Antworten, die er nicht versteht. Mehrere Jahre wird Patrick von seinem Chef tyrannisiert und systematisch gemobbt.

Der Film ist eine persönliche Aufzeichnung und beschreibt subtil den Terror, dem Patrick ausgesetzt ist. Französische Mobbing-Experten, u. a. Marie-France Hirigoyen, Psychiaterin aus Paris, analysieren die Situation und geben Auskunft zum Mobbinggeschehen in Frankreich. Marie-France Hirigoyen bezeichnet Mobbing "als eine Form von perverser Gewalt", der in Frankreich nach Expertenschätzung mehr als zwei Millionen Menschen ausgeliefert sind.

 
 
Parallel zur Ausstrahlung des Themenabends stehen Spezialisten zur Verfügung, um Zuschauerfragen zu beantworten.
Auch per Telefon:
0180 500 24 88