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Mobbing - Terror am Arbeitsplatz

Wenn Sachkonflikte nicht mehr gelöst werden können, gehen sie oft auf die persönliche Ebene über. Mobbing wird dann zur vernichtenden Waffe. Dann heißt es "Der oder Ich", Sieg oder Niederlage. )

Aus einem Abschiedsbrief: "(...) Ich weiß, dass dies der feigste Ausweg ist, aber ich kann mir nicht mehr anders helfen. (...) Ich kann da nicht mehr hin. (...) Ich habe keine Lust mehr, mich von denen quälen zu lassen . (...)". Silvia ist tot - ihre Mutter ist mit ihrem letzten Brief an die Öffentlichkeit gegangen. Sie will nicht hinnehmen, dass ihre Tochter als psychisch gestört hingestellt wurde. Die Polizistin Silvia B. hat sich 1999 mit ihrer Dienstpistole umgebracht. Sie fühlte sich von ihren Kollegen gemobbt, weiß die Mutter aus nächtelangen Gesprächen mit ihrer Tochter. Etwa 30 Prozent aller Suizide, so schätzen Fachärzte, gehen auf Mobbing zurück.

Der Themenabend hat sich auf die Suche nach Einzelschicksalen wie Silvia gemacht, zu Menschen in Deutschland und Frankreich, die sich heute als Mobbing-Opfer sehen und die bereit waren, offen vor der Kamera zu reden. "Ein mutiger Entschluss, denn wer an die Öffentlichkeit geht, muss mit noch mehr Schwierigkeiten am Arbeitsplatz rechnen", sagt Milka Pavlicevic, die den Themenabend redaktionell begleitet. Stellungnahmen von den sogenannten "Tätern" sind dagegen kaum zu bekommen, da diese sich meistens nicht als Täter sehen. "Man wird mit Sicherheit viele "Täter" treffen, die zwar zugeben würden, dass sie einen Konflikt mit einer anderen Person haben, aber keineswegs, dass sie diese Person systematisch schikanieren, und sich dessen bewusst sind, dass sie diese Person geradezu krank gemacht haben.
Milka Pavlicevic

Viele Mobbing-Situationen sind so gestaltet, dass die Personen dort geradezu hereinschlittern. Oft liegt kein intentionales Verhalten vor, vor allem kein rationales Verhalten", erklärt Prof. Dieter Zapf, Arbeitspsychologe und Mobbingforscher in Frankfurt.
" Um authentische Filme für den Themenabend zu machen, mussten zahlreiche Schwierigkeiten überwunden werden", berichtet Pavlicevic von der monatelangen Suche nach Betroffenen, zahlreichen Treffen und Gesprächen. "Die Angst der Opfer vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und der Zukunft war sehr groß. Wir wollen aber niemanden vorführen. Uns sind auch "brisante Fälle" für Geld angeboten worden, doch das haben wir abgelehnt."

Mobbing - davon hat jeder schon einmal gehört und jeden kann es theoretisch treffen. Aber was ist eigentlich genau gemeint? Das englische Verb "to mob" bedeutet so viel wie anpöbeln, angreifen oder schikanieren. "Mobbing" ist eigentlich nur ein neuer Begriff für ein altes Übel. Ärger und Schikanen am Arbeitsplatz hat es schon immer gegeben.
Erstmals in diesem Kontext gebraucht wurde der Begriff vor zehn Jahren in einer Studie des schwedischen Arbeitspsychologen Prof. Heinz Leymann. Seine Definition: "Mobbing ist der Prozess konfliktbelasteter Kommunikation am Arbeitsplatz, der sowohl zwischen Kollegen als auch zwischen Vorgesetzten und Untergebenen stattfindet, wobei die angegriffene Person unterlegen ist und von den anderen über die Dauer von wenigstens einem halben Jahr regelmäßig und systematisch angegriffen wird, mit dem Ziel der Ausgrenzung."
Ähnlich sieht es auch Mobbing-Experte Zapf: "Mobbing ist eigentlich das Endresultat von vielen gescheiterten Konfliktlösungsversuchen. Wir würden nicht von Mobbing sprechen, wenn es ein Machtgleichgewicht gäbe oder nur gelegentliche Einzelhandlungen."

Schwieriger ist es, die Ursachen von Mobbing zu bestimmen. Sie können in der Organisation des Betriebes liegen, oder in bestimmten Personen, den sogenannten "Tätern". Aber genauso gut in dem sozialen System, also dem sozialen Miteinander der Arbeitsgruppe und manchmal auch in der Person des "Opfers". Natürlich können diese Dinge auch kombiniert sein, sagen die Experten.
Etwa 1,5 Millionen Menschen werden in Deutschland in verschiedensten Formen am Arbeitsplatz terrorisiert, wird allgemein geschätzt. Bestimmte Berufsgruppen sind dabei besonders "Mobbing-anfällig": Berufe im Gesundheits- und Sozialbereich, vor allem Krankenhäuser. Dort geht es laut Zapf oft nicht mehr nur um Sachkonflikte, sondern um persönliche Wertvorstellungen. "Je weiter man mit der Persönlichkeit in dem Beruf drin ist, desto mehr Angriffsfläche gibt es für Mobbing."
Besondere Eigenheiten hat Mobbing im Öffentlichen Dienst und bei der Polizei. "Wenn sich ein Polizist von einer Dienststelle zu einer anderen umbewirbt, hat er immer noch den gleichen Arbeitgeber. Viele "Opfer" haben einfach nicht den Ausweg, die Organisation zu verlassen und irgendwo neu anzufangen", so Zapf. Außerdem spiele der Gruppenzusammenhalt bei der Polizei eine große Rolle: "Je stärker die Gruppennormen sind, um so schlimmer wird es, wenn eine Person sich außerhalb dieser Gruppennorm stellt."

Wer sich als Mobbing-Opfer fühlt, kann sich an viele Stellen wenden. Seit Anfang der 90er Jahre sind immer mehr Anlaufstellen gegründet worden, von Telefonberatungen bis zu Selbsthilfegruppen von Gewerkschaften, Kirchen, privaten Gesellschaften oder von ehemaligen Mobbing-Opfern selbst. Nach Meinung von Ulla Dick, Psychologin und Beraterin beim "Hamburger Mobbingtelefon der AOK", sollten sich Opfer lieber an Stellen wenden, die eine professionelle Distanz zum Thema haben.

Trotz nur drei halben Beratungstagen registriert sie an ihrer Stelle an die 100 Anrufe im Monat aus der ganzen Bundesrepublik, Tendenz steigend. 70 Prozent der Anrufer seien Frauen. Zapf machte ähnliche Erfahrungen in seinen Untersuchungen: Die Frauen treten doppelt so häufig als Opfer auf, weil sie einerseits in den Bereichen Gesundheit und Soziales überrepräsentiert sind, andererseits laut Zapf auch eher bereit sind, an Untersuchungen teilzunehmen "und auch mal über ihre Schwächen offen zu reden". Bei der Täterseite sind häufiger die Männer vertreten. Zum Teil liegt das daran, dass übergeordnete Positionen öfter in Mobbing involviert sind. "Vorgesetzte - häufig Männer - sind nach unseren Untersuchungen in 60 bis 80 Prozent aller Fälle involviert, führen das Mobbing allerdings nur zu kleinem Prozentsatz alleine aus", so Zapf.

Die durch Mobbing verursachten gesellschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Kosten sind hoch, konstatieren Einrichtungen wie der DGB. Es gibt "individuelle Kosten", also gesundheitliche Folgen, "betriebliche Kosten" durch Arbeitsausfälle, Minderleistung, Kündigung und Neueinstellung, und "gesellschaftliche Kosten" durch Arbeitslosigkeit, Heilbehandlungen, Dauerarbeitslosigkeit, Frühverrentung oder Psychatrie.

In Frankreich wurde der Tatbestand des Mobbing gerade in den "Code du travail" (das französische Gesetz zum Arbeitsrecht) aufgenommen. Das in Deutschland bestehende Arbeitsschutzgesetz und das Sozialgesetzbuch mit zahlreichen Regelungen, die auch dem Mobbing vorbeugen müssten, scheitern offensichtlich oft an der praktischen Umsetzung der Vorschriften in den Betrieben. "Ein Gesetz kann Mobbing nicht verhindern. Man muss stärker auf der Bewusstseinsebene arbeiten. Der Umgang miteinander ist von der Betriebskultur abhängig", sagt Dr. Beate Beermann von der "Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin". Auch gerichtlich gegen Mobbing vorzugehen, bereitet noch Probleme: "Das juristische Problem besteht darin, dass Mobbing nicht als Ganzes gesehen wird, sondern nach Einzelhandlungen beurteilt wird, die vom "Täter" leicht als Zufälle deklariert werden können", so Beermann. Auch die "Arbeits- und Sozialminister-Konferenz" (ASMK) sieht die Schwierigkeit darin, "dem Einzelnen die Beteiligung an einer solchen (Mobbing-) Verhaltensweise nachzuweisen".
Die Intention des Themenabends sieht Pavlicevic darin, "die Menschen zum Nachdenken und genaueren Hinschauen zu bringen. Es geht darum, unter welchen gesellschaftlich-politischen Verhältnissen Mobbing möglich ist und welchen Wert der Mensch heute in der Arbeitswelt hat."

Alexandra Hahn, ARTE TV Magazin

 
Parallel zur Ausstrahlung des Themenabends stehen Spezialisten zur Verfügung, um Zuschauerfragen zu beantworten.
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