Interview

Im Rahmen eines aktuellen Forschungsprojektes zur Jugendsexualität im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wertete das Deutsche Jugendinstitut 60 mehrstündige biografisch-narrative Interviews aus. Befragt wurden junge Frauen und Männer zwischen 18 und 22 Jahren aus unterschiedlichen Regionen der Bundesrepublik Deutschland zu ihren Erfahrungen mit Freundschaften, Beziehungen und Sexualität.

Interview mit Frau Dr. Jutta Stich, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Jugendinstitut

1. Jungen und Mädchen entscheiden heute frei von einschränkenden Kontrollen, wann und wie sie sexuelle Beziehungen aufnehmen. Wie gehen sie mit diesen gewonnen Handlungsspielräumen um? Sind Jungen und Mädchen heute freier und glücklicher als vor dreißig Jahren?

In dem Maße, wie Kontrollen von außen weggefallen sind, fühlen Jugendliche sich für ihre eigene sexuelle Entwicklung, für das, was sie im Kontext von Sexualität ausprobieren und leben, selbst zuständig und verantwortlich. Die Freiheit selbst zu entscheiden, wann sie ihre ersten sexuellen Erfahrungen machen wollen, erspart ihnen zwar weitgehend Auseinandersetzungen mit einer verbietenden Sexualmoral, verlangt aber auch neue Kompetenzen. So sind sie gefordert, ein sehr feines Sensorium für die zeitlichen Normen ihrer Bezugs–gruppe zu entwickeln (die ja nicht absolut sind, sondern nach sozialen Milieus variieren); aber sie dürfen auch die eigenen Entwicklungs- und Zeitbedürfnisse nicht aus den Augen verlieren. "Ich hab' mich dann auch wirklich reif gefühlt", "ich wollte das dann", "es hat dann gepasst" oder `ging mir zu schnell", solche Reflexionen von Mädchen und Jungen über einen guten Zeitpunkt für die ersten sexuellen Erfahrungen belegen, wie viel Sorgfalt sie in der Regel darauf verwenden, diese Statuspassage zu einem guten Zeitpunkt zu meistern, das heißt, die eigenen Bedürfnisse zu achten, ohne den sozialen Status unter den Peers zu gefährden. Den meisten Mädchen und Jungen gelingt offensichtlich der Start in ein erfreuliches Sexualleben. Uns ist aufgefallen, dass auch Jugendliche, die sonst wenig Erfolg kennen, aus ihrem Sexualleben Lebensfreude und Selbstwertgefühle beziehen.

2. Parallel zur Liberalisierung des Sexuallebens sind Jugendliche auch mit neuen Geschlechterrollen konfrontiert. Welche Bedeutung haben diese Änderungen für den Umgang von Mädchen und Jungen miteinander und für die Aufnahme erster sexueller Beziehungen?

Der Abbau von festen Rollenzuschreibungen bringt neue geschlechtstypische Verhaltensunsicherheiten mit sich. Beispielsweise genießen viele Jungen es, wenn Mädchen aktiv auf sie zukommen, sei es bei der Kontaktaufnahme, sei es in bestehenden Beziehungen, und können dies selbstbewusst zeigen. Und umgekehrt dürfen Mädchen sexuell initiativ werden. Wenn allerdings eine Kontaktanbahnung nicht gewünscht wird, wirken alte Muster noch - aber auf neue Weise. Mädchen können Aufdringlichkeiten, die sie als lästig oder auch als unverschämte Zumutung empfinden, häufig mit großer Souveränität abwehren; denn sie haben traditionellerweise ein großes Verhaltensrepertoire, um unerwünschte Annäherungsversuche zurückzuweisen. Anders Jungen, die sich oft unsicher und extrem unwohl fühlen, wenn sie weibliche Annäherungsbemühungen nicht positiv beantworten wollen. Denn Jungen haben (noch) keine entsprechende Kultur der Abgrenzung entwickelt, keine neuen Handlungsmodelle, die den zunehmend geschlechtsunabhängigeren Verhaltensmustern angemessenen sind. Aus Hilflosigkeit lassen Jungen sich gelegentlich auf von Mädchen initiierte Situationen ein, die sie dann als besonders unangenehmes Erlebnis in ihrer Erinnerung speichern. Wir können hier eine Ungleichzeitigkeit im Wandel von Einstellungsmustern einerseits und Verhaltensmustern andererseits beobachten.

Ein anderes Beispiel für diese Ungleichzeitigkeit: Mädchen zeigen gerne, dass sie sich ihrer sexuellen Ansprüche bewusst sind. Sie sprechen lieber mit Stolz darüber, wie sie gelernt haben, ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse zur Geltung zu bringen, als sich als einfühlsame Liebhaberinnen dazustellen. Jungen erzählen bisweilen mit Stolz, wie es ihnen gelungen ist, sensibel auf die körperlichen Bedürfnisse ihrer Partnerin einzugehen; die Durchsetzung eigener sexueller Bedürfnisse ist jedoch - anders als bei Mädchen - nicht Thema ihrer bevorzugten Selbstdarstellung. Die Forderung nach rücksichtsvollen Männern, die die sexuellen Bedürfnisse ihrer Partnerin erfüllen können, haben sich Jungen großenteils zu eigen gemacht; Mädchen demonstrieren dagegen sexuelle Selbstverwirklichung. Jungen wie Mädchen reagieren so mit ihrer unterschiedlichen Selbstdarstellung - nicht unbedingt mit ihren Verhaltensweisen! - auf Diskurse über Geschlechtsrollen und bringen einen historischen Nachholbedarf zum Ausdruck.

3. Sind Verhütung und "Safer Sex" für die Jugendlichen von heute selbstverständlich geworden?

Jungen und Mädchen sind heute oft schon vor ihrem ersten Koitus spielerisch mit Kondomen vertraut. Bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr benutzen die meisten Kondome. Dabei scheint jedoch der Verhütungsaspekt gegenüber dem Schutz vor Aids deutlich im Vordergrund zu stehen. Die Generation der heute ca. 20jährigen ist die historisch erste Generation, die mit Aids aufgewachsen ist. HIV-Infektionen scheinen einerseits viel von ihrem Schrecken verloren zu haben. Die Gefahr einer solchen Ansteckung wird quasi "normalisiert", Aids ist nur eins unter anderen bekannten Infektionsrisiken. Andererseits verleitet dies auch zu Sorglosigkeiten. Wenn Beziehungen stabiler werden, wechseln viele Jugendliche, auch ohne einen Aidstext gemacht zu haben, zur Pille. Insgesamt verhüten weitaus die meisten Jugendlichen mit Pille oder Kondom, aber etwa jedes zehnte Mädchen und 15 Prozent der Jungen setzen entweder auf eine unsichere Verhütungsmethode oder wenden gar keine an.[i]

4. In welchem Rahmen findet die Entscheidung, eine sexuelle Beziehung einzugehen, heutzutage statt? Und welche Rolle spielen nach wie vor kollektive Standards und gesellschaftliche Zwänge?

Mädchen und Jungen lassen sich meist mehrere Jahre Zeit, bis sie ihren ersten Geschlechtsverkehr erleben. Sie machen Schritt für Schritt neue sexuelle Erfahrungen, tauschen zunehmend intimere Zärtlichkeiten aus. In dieser ausgedehnten Experimentierphase orientieren sie sich an den Normen der Peers, ohne sie unbedingt zu ihren eigenen zu machen. Einen eigenständigen, von den Maßstäben der Peers abweichenden Weg zu suchen, beispielsweise erst relativ spät eine sexuelle Beziehung aufzunehmen, ist aber für Mädchen oder Jungen, deren sozialer Status unter den Freunden oder in der Clique gefährdet ist, sehr schwierig. Manche leidvolle sexuelle Beziehung wird nur eines vermeintlichen Statusgewinns wegen eingegangen, in der Annahme, über den Umweg einer Paarbeziehung endlich bis dahin vermisste soziale Anerkennung von den Peers zu bekommen. Das ist für den sexuellen Erfahrungsprozess doppelt problematisch; denn erstens sind nicht Zuneigung und Lust Antrieb, sondern ein erhoffter Prestigegewinn, eine Konstellation, die einer sorgfältigen Partnerwahl im Weg steht. Und zweitens fehlen die Freundinnen oder Freunde, die bei den erwartbaren Beziehungsproblemen durch Rat, Tat und Trost helfen könnten oder einfach da sind, wenn die Beziehung endet. Wir haben in unserer Untersuchung einen beeindruckenden Beleg für die eminent wichtige Rolle von Peers im sexuellen Erfahrungs- und Lernprozess bekommen: Die Mädchen und Jungen, die besonders problematische oder trostlose sexuelle Beziehungen unterhalten - sei es, dass sie sich wiederholt leidvollen Erfahrungen aussetzen oder sich resignativ zurückziehen, sei es, dass sie Grenzen Anderer verletzen - haben alle auffallend mangelhafte Beziehungen zu Peers.

5. Was sind gute Voraussetzungen dafür, dass der Start ins aktive Sexualleben gelingt? Was kann man tun, damit enttäuschende sexuelle Erfahrungen zu Beginn die zukünftigen nicht belasten?

An erster Stelle steht die eigene Bereitschaft zu der neuen sexuellen Erfahrung. Es wirklich zu wollen ist vielleicht die wichtige Bedingung dafür, auch weniger ideale Erfahrungen emotional gut zu verarbeiten. Jugendliche, die darauf vorbereitet sind, dass das erste Mal eher selten sexuell rundum gelingt, dass es aber "immer besser wird", können anfängliche Schwierigkeiten sehr viel leichter und ohne Belastung für die Beziehung überwinden. Zudem scheinen Spontanität und Neugierde dem Gelingen des ersten Mals in der Regel besser zu bekommen als eine sorgfältige Vorbereitung und allzu hohe Erwartungen. Wenn die ersten sexuellen Erfahrungen ohne überhöhte Erwartungen gemacht werden, fällt es leichter, die sexuelle Initiation selbst dann, wenn der Akt sich nicht `reibungslosA gestaltet, als ein gelungenes Projekt zu betrachten und rückblickend als den Beginn eines spannenden Erfahrungsprozesses zu sehen.

6. Gibt es ein optimales Alter für den ersten Geschlechtsverkehr? Warum ist das erste Mal für Jugendliche häufig enttäuschend?

Auf ein an Jahren gemessenes optimales Alter für den ersten Geschlechtsverkehr haben wir (innerhalb des Altersrahmens zwischen 13 und Anfang 20) keine Hinweise gefunden. Die Motive sind entscheidender für ein Gelingen als das Alter. Ob der erste Geschlechts–verkehr mit einer flüchtigen Begegnung verknüpft ist - `ich wollte die Erfahrung dann mal machen, und der Typ war richtig nettA - oder innerhalb einer wichtigen Beziehung stattfindet und mit großer Bedeutung aufgeladen ist - `das wird mein Leben lang was besonderes bleibenA -, beide Haltungen können gute Voraussetzungen für eine gelingende Initiation sein, wenn die Beteiligten darin übereinstimmen, welche Bedeutung sie ihrer Begegnung beimessen.

7. In der französischen Öffentlichkeit und Presse wird in der letzten Zeit viel über aktuelle kollektive Vergewaltigungen in sozial schwachen Vierteln berichtet und diskutiert. Zeichnet sich auch in Deutschland eine Tendenz zur Verknüpfung von Sexualität und Gewalt im Jugendalter ab und wie kann man diesen Tendenzen entgegenwirken? Welche Rolle spielen Prävention und Aufklärung in der Schule?

Sexuelle Gewalt wird in Deutschland aktuell vor allem als Gewalt von Erwachsenen Männern gegen Kinder thematisiert, kaum von Jugendlichen untereinander.

8. Nach der Durex-Umfrage des letzten Jahres sind Freunde, Mütter und Schule nach wie vor die Hauptquellen der Sexualaufklärung. Welche unterschiedlichen Rollen nehmen diese drei Instanzen ein? Welche Rolle spielen in diesem Kontext die Medien?

Aufklärung ist kein punktuelles Ereignis, an das Jugendlichen sich erinnern könnten, sondern ein Prozess. Sie betonen ihre eigenen aktiven Anteile in diesem Prozess. Für weitaus die meisten Mädchen und fast die Hälfte der Jungen ist die Mutter die wichtigste Person bei der Aufklärung über sexuelle Dinge. Von der Mutter erfahren sie, "woher die Babys kommen." Und auch wenn sie später Fragen zur partnerorientierten Sexualität haben, können die meisten Jugendlichen ihre Mütter fragen. Wenn es aber um ihre eigene Sexualität geht, um Erfahrungen, die mit starken Emotionen verbunden sind, sprechen Jugendliche in der Regel nur mit ihren engsten Freunden bzw. Freundinnen. Mit der "besten Freundin" tauschen vor allem Mädchen Erfahrungen aus und beraten sich in Liebesdingen und bei Unsicherheiten in sexuellen Fragen. (Nebenbei bemerkt: Nicht wenige Jugendliche haben von sehr unangenehmen Erfahrungen mit Müttern erzählt, die meinten, eine `besteA Freundin zu sein und Anspruch auf Vertraulichkeit erheben zu können. Während elterliche Verbote für die sexuelle Entwicklung bedeutungslos werden, nehmen solche Tabuverletzungen zu.) Jungen fällt es meist schwerer, untereinander über ihre intimen Erfahrungen auf persönliche Weise zu sprechen, was manche offen bedauern. Wenn es um Sexualaufklärung geht, sind Jungen doppelt benachteiligt, denn Väter sind in sexuellen Fragen in der Regel keine Gesprächspartner für ihre Söhne. Es scheint, als hätten sie ihre diesbezüglichen Sprachschwierigkeiten an ihre Söhne weitergegeben.

So gut wie alle Jugendlichen haben vor ihrem ersten Geschlechtsverkehr einschlägige Jugendzeitschriften gelesen, so dass, wenn sie ihre ersten eigenen Erfahrungen machen, auch die Mädchen und Jungen über die einfachen sexuellen Vorgänge "aufgeklärt" sind, die vorher mit niemandem darüber sprechen konnten oder wollten. Von der Schule wünschen Jugendliche sich ausführliche Sachinformationen - je sachlicher, desto besser, damit's nicht peinlich wird. Manchen Lehrern gelingt dies in den Augen der Schüler. Aber ob die Schule überhaupt –Sexualkunde–unterricht anbietet, scheint allzu häufig eher dem Zufall und den einzelnen Lehrern überlassen als den Lehrplänen.

9. Wo sehen Sie den größten Nachholbedarf sexueller Aufklärung und wo bestehen die Möglichkeiten von Prävention sexueller Unzufriedenheiten und Pannen im Jugendalter?

Dass Sexualität Spaß machen kann, wird Jugendlichen nicht mehr vorenthalten - eher zur Pflicht gemacht. Sie sind aber allzu oft nicht über mögliche Schwierigkeiten informiert. Manche macht es im Nachhinein richtig wütend, dass ihnen niemand gesagt hat, dass der erste Koitus für viele Mädchen mehr oder weniger schmerzhaft ist und dass die meisten Mädchen, aber auch viele Jungen einige sexuelle Erfahrung brauchen, um Sexualität körperlich genießen zu können. Obgleich für Jungen ein Orgasmus bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr die Regel ist, sind auch sie nicht selten enttäuscht, erleben ihn als banal, weil erwartete körperliche Sensationen - der versprochene "Kick" - ausbleiben. Jungen sind übrigens - so scheint es - durch Befürchtungen, dass der erste Koitus für Mädchen mit Schmerzen verbunden sein kann, oft mehr verunsichert als die Mädchen selbst. Es ist deshalb für sie (auch aus ihrer eigenen Sicht) kaum weniger wichtig, auch darüber, was Mädchen erleben, gut informiert zu sein. Damit Jugendliche auf mögliche geschlechtsspezifische Schwierigkeiten beim ersten Geschlechtsverkehr vorbereitet sind und damit sie nicht auf den genormten Sex von Softpornos als Maßstab angewiesen sind, gibt es - darauf verweisen nicht wenige Interviews - noch manchen Aufklärungsbedarf. Denn nicht alle Mädchen und Jungen haben vor ihrem ersten Mal die Gelegenheit zu offenen Gesprächen mit erfahrenen Gleichaltrigen.

10. Was ist Ihr Tipp für die Jugendlichen von heute?

Macht eure eigenen sexuellen Erfahrungen, wenn ihr wirklich Lust drauf habt. Lasst euch nicht durch die Erfahrenheit anderer unter Druck setzen - sie ist übrigens oft nur vorgetäuscht. Neugierde und Lust zu entdecken tragen mehr zum Gelingen der ersten sexuellen Erfahrungen bei - und machen beiden mehr Spaß! -, als zu überlegen, wie man es "richtig" macht.

[i]. BZgA (Hg.) 1996: Sexualität und Kontrazeption aus der Sicht der Jugendlichen und Ihrer Eltern. Köln; S. 91

--------------------
Das Interview führte Nicola Hellmann

Arbeitsschwerpunkte von Frau Dr. Stich sind: Biographie- und Geschlechterforschung, Jugendsexualität. Derzeit führt sie im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ein Forschungsprojekt zum Thema "Sexuelle Erfahrungen Jugendlicher und Aushandlungsprozesse im Geschlechterverhältnis" durch.

Links:

Projektbeschreibung in deutscher Sprache

Projektbeschreibung in französischer Sprache


Literaturangaben:

  • Dannenbeck, Clemens; Mayr, Martina; Stich, Jutta 1999:
    Sexualität lernen: Zeit brauchen, Zeit lassen, Zeit haben - Jugendliche erzählen ihre Erfahrungen.
    In: Diskurs, H. 1, S. 36-43

  • Stich, Jutta 2000:
    Sexualität im Jugendalter: Von der Beherrschung des Triebs zum sozialen Lernen.
    In: Kind Jugend Gesellschaft, H. 1, S. 18-22