Fernsehen in der Fremde: Ein deutscher und ein französischer Mitarbeiter von Arte-Info berichten von ihren Erlebnissen vor der Glotze im jeweils anderen Land.

Schlager, Reality-Soaps und eine runde Uhr


Der Franzose
Hugues Jardel
ist Korrespondent von Arte-Info in Berlin.

Das Auge guckt immer mit!



Der Deutsche Michael Unger
arbeitet als Reporter für Arte-Info in Straßburg


 

Hugues Jardel über das deutsche Fernsehen

Schlager, Reality-Soaps und eine runde Uhr

 

Über das deutsche Fernsehen zu schreiben, ist für einen französischen Journalisten die einzigartige Gelegenheit, die schönsten journalistischen Gemeinplätze aus aller Welt Revue passieren zu lassen – auch auf die Gefahr hin, manche Chefredakteure damit zur Weißglut zu bringen.

Das deutsche Fernsehen ist in der Tat ein „Land der Kontraste“, eine „Fernsehlandschaft an der Wegscheide“ zwischen „Tradition und Moderne“. Und das meine ich nur halb im Spaß: Denn wo sonst in der Welt stößt man beim Zappen gleich nach Opas Lieblingssender auf den absoluten Spitzenreiter unter den kommerziellen Trash-Kanälen? Ganz zu schweigen von Unterhaltungssendungen wie der „Wunschbox“ und „Lustige Musikanten“. Es wäre fast zu einfach, sich über die feisten Sechzigjährigen im Sonntagsstaat lustig zu machen, die dort jeden Nachmittag auf der Bühne und im Publikum die gleichen drögen Weisen schmettern. Die angemessene Begleitung dieser „Schlager“ ist übrigens das rhythmische Mitklatschen.

Doch wenden wir uns den Nachrichten zu. Genau wie in Frankreich findet die Messe um 20 Uhr statt. Und wie bei uns in der guten alten Zeit erscheint im ersten deutschen Fernsehen noch heute vor den Nachrichten eine schöne runde Uhr auf dem Bildschirm, die die Sekunden anzeigt, bis ein Gong ertönt und eine kriegerische Männerstimme mit tiefem Ernst den Beginn der Tagesschau verkündet: „Gonnng. Zwanzig Uhr. Die Nachrichten“. Und es wird tatsächlich ernst, doch im positiven Sinne des Wortes. Über das nüchterne Erscheinungsbild, das ein wenig an das Sowjetfernsehen zu Beginn der 80er-Jahre erinnert, mag man lächeln, nicht jedoch über die Qualität der Nachrichten. Idyllische Reportagen über den letzten Holzschuhmacher in Hintertupfingen gibt es hier nicht, das Vorbild scheint eher die BBC zu sein. Auch Auslandsnachrichten sind gang und gäbe. Strass und Pailletten haben in der Tagesschau keinen Platz.

Ein leichter Druck auf die Fernbedienung, und schon sind wir bei Sat.1. Der Sender ist nicht der einzige und auch nicht der schlechteste kommerzielle Kanal, und er ist mein liebster. Sat.1 ist fast wie ein Clip aufgebaut: Alles hat den gleichen Rhythmus, einschließlich der Werbung. Als frisch aus meinem gallischen Dorf Zugereister brauchte ich einige Zeit, bis ich begriffen hatte, wie ich es schaffte, ganze Abende vor einer Aufeinanderfolge idiotischer Serien und lächerlicher Shows zuzubringen. Doch letztlich glaube ich den Grund zu kennen: Es liegt daran, dass zwischen den Sendungen keine Werbung gezeigt wird. Dadurch fehlen dem ungeschulten Zuschauer die paar Sekunden, in denen er sich sagen kann: Okay, es reicht, ich geh' ins Bett. Die Werbespots werden mitten in den Sendungen gezeigt und zwar immer dann, wenn man sich gerade fragt, ob X denn nun mit Y schlafen wird oder umgekehrt. Außerdem wird immer eine Zusammenfassung der besten Szenen der nachfolgenden Sendung gezeigt.

Reality-Soaps im Stil von „Big Brother“ gibt es in Deutschland zuhauf. Beispielsweise „House of Love“ auf RTL, wo fünf Mädchen und ein Junge auf engstem Raum zusammen leben. In einer anderen Sendung müssen eine Hand voll Jugendliche, in einer mir entfallenen Anzahl von Wochen einen funktionierenden Nachtclub aufbauen, weiß der Kuckuck was zu gewinnen. Und es gibt natürlich „Girlscamp“, das Wichtigste auf Sat.1: Zehn junge Frauen, die sorgfältig nach ihren Maßen ausgesucht wurden, leben unter kanarischer Sonne in einem Traumhaus eingesperrt. Diesen zehn mehr oder weniger hübschen, mehr oder weniger cleveren „Girls“ wird einmal pro Woche der „Boy of the week“ geliefert. Die Produzenten der Sendung dachten wahrscheinlich, mit einem derartigen Konzept könne nichts schief gehen. Fehlanzeige: Die Einschaltquoten sind katastrophal, die Unterhaltungen der Mädchen ausgesprochen dürftig, und von Spannung kann keine Rede sein. Also wurde ein Transvestit eingeschleust, der dem Ganzen etwas mehr Biss geben soll.

Es gäbe noch viel zu sagen über das deutsche Fernsehen. Eher Positives, wie beispielsweise über „Tatort“, eine „dezentralisierte“ Krimiproduktion. Als würde unsere Krimiserie „Navarro“ von verschiedenen französischen Regionalsendern produziert. Wie amüsant für Franzosen, sich den Darsteller des Fernsehkommissars Roger Hanin plötzlich mit südfranzösischem Akzent vorzustellen. Zum eher Negativen zählt „TV Total“, eine Talk Show, deren Ziel es ist, ihre Gäste so lächerlich wie möglich zu machen.

Meine Lieblingssendung läuft natürlich auf Sat.1 und wird von Kaya Yanar moderiert. Der spritzige junge Mann bedient sich seiner türkischen Herkunft, um sich über Deutsche, aber auch über Türken, Engländer, Ägypter und Franzosen lustig zu machen, ohne dabei jemals gehässig zu werden. Nicht immer sind seine Sketche geistige Höhenflüge, aber wenn er all die exotischen Akzente imitiert, habe ich den Eindruck, dass auch ich ein wenig gemeint bin. Die Sendung heißt „Was guckst du?!“. Gute Frage.

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Michael Unger über das Fernsehen à la française

Das Auge guckt immer mit

Franzosen-Fernsehen ist echt geil. Ja! Sogar dasjenige, das jeder frei empfangen kann. Denn sexy und eloquent will es heute Abend mal wieder sein, das French-TV. Zugegeben, die Soireen im Fernsehsessel fangen in Frankreich später an. Vor acht geht gar nichts. Wer spät diniert, der schaut eben auch spät Glotze. Schon die Nachrichten selber werden westlich des Rheins ja ganz anders zelebriert als in Deutschland: Von wegen eine Viertelstunde sachlich-objektiv, präsentiert von irgendeinem Nachrichtenjournalisten! Nein! Französisches Fernsehen – das ist Paris! Und Paris das ist der Nabel Frankreichs. Das ist Eleganz, Modebewusstsein und diplomatisches Hochglanzparkett. „Le journal“ auf France 2 oder TF1 - da machen die Anchormen und Anchor-Women noch was her! Da wird auf den Stoff geachtet, auf Frisur, Make-Up und Chic... und nicht nur auf den Schlips! Das ist noch Personenkult!

Bei französischen News, da geht es erst einmal um Frankreich. Dann kommt lange nichts. Viel Pariser Politik, die großen internationalen Themen - und ein wenig Bezug zu den guten alten Kolonien kann auch nicht schaden. Herz- und Glanzstück aller Nachrichten ist und bleibt aber der bunte Beitrag aus der Provinz. Keine Ausgabe ohne den Schäfer aus den Pyrenäen, den Austernzüchter aus der Bretagne oder den Instrumentenbauer aus dem Luberon.

Hat man diese halbstündigen „großen Messen“ erst mal überstanden, dann lohnt es sich aber meist auch dranzubleiben. Ab abends um neun. Außer man hat Pech: Dann gibt’s irgendeine Gala oder Show mit Gästen: Eigenartig, immer die gleichen Gesichter, die einem da über den Bildschirm flimmern: Die Michel Druckers, die Claire Chazals, die Guy Bedos, PPDA’s, Sabatiers, Dechavannes und wie sie alle heißen. Und immer sitzen im Hintergrund ein paar gutaussehende Girls. Quer durch alle Sender. Das Auge guckt immer mit.

Bei „Y’a pas photo“ oder „Tout le monde en parle“ - da werden noch die Klischees bedient: Frauen becircen Männer, Männer becircen Frauen, und wenn man schon nicht gut aussieht, dann hat man wenigstens Esprit. Wer in Frankreichs Fernsehwelt was werden will, der muss eben nach Paris. Rein in den richtigen Clan.

Hat man Glück, gibt’s heute Abend irgendeinen Film. „comédie dramatique“ heißen die dann. Oder auch mal nur „drame“. Aber das eigentliche Drama ist ja, dass es trotz Quotenregelung und breiter französischer Eigenproduktion auch hier immer mehr amerikanische Actionstreifen werden. Na denn! Dafür spricht Bruce Willis aber auch schon mal in der Originalversion.Hat man aber ganz viel Glück, dann läuft heute Abend „Envoyé spécial“ oder „Thalassa“ oder „Faux pas rêver“ – alles anspruchsvolle Reportage-Magazine, von denen sich die BBC oder Channel 4 sogar noch inspirieren lassen könnten.

Und sonst? Wohl nirgendwo anders als im Pariser Free-TV kann man ein so schlechtes Europamagazin sehen wie „Union libre“, wo sich sechs Kandidaten und eine Moderatorin aus 15 Ländern nicht entblöden, Sendung für Sendung tiefer in den Topf der Vorurteile zu greifen.

Und wohl nirgendwo sonst ist die Weltsicht noch solchermaßen in Ordnung. Da mag man noch Kriegsfilme, in denen deutsche doofe Nazis sind; da mag man noch Liebesfilme, in denen Frauen perfekte Liebhaberinnen sind, und da liebt man Sportsendungen, in denen alle Multi-Kulti-Fußballer sich immer wie echte französische Weltmeister benehmen.

Wohl nirgendwo sonst als im französischen Fernsehen kann man sich aber auch Literatursendungen wie „Bouillon de Culture“ leisten. Nachts um elf noch anderthalb Stunden Debatte über Neuerscheinungen und Strömungen des Buchmarktes: Also, wer da kein Muttersprachler ist,  linksintellektuelle Haltung alleine hilft dann auch nicht weiter. Was vergessen? Klar. Aber von Arte wollten wir ja nicht reden. Und wer zappt, der verpasst eben die Hälfte des Programms. Wird obendrein auch schneller müde.

Aber egal, denn das allerschönste ist, wenn man nachts um drei mit offenem Mund und steifem Kreuz vom Herunterfallen der Fernbedienung erwacht und dazu auf TF1 die Jagdhörner von „Histoires naturelles“ erklingen: Das war dann ein gelungener französischer Fernsehabend.

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