|

|
|
Hugues
Jardel über das deutsche Fernsehen
Schlager, Reality-Soaps und
eine runde Uhr
Über das deutsche
Fernsehen zu schreiben, ist für einen französischen Journalisten
die einzigartige Gelegenheit, die schönsten journalistischen
Gemeinplätze aus aller Welt Revue passieren zu lassen – auch
auf die Gefahr hin, manche Chefredakteure damit zur Weißglut
zu bringen.
Das deutsche Fernsehen
ist in der Tat ein „Land der Kontraste“, eine „Fernsehlandschaft
an der Wegscheide“ zwischen „Tradition und Moderne“. Und das
meine ich nur halb im Spaß: Denn wo sonst in der Welt stößt
man beim Zappen gleich nach Opas Lieblingssender auf den absoluten
Spitzenreiter unter den kommerziellen Trash-Kanälen? Ganz zu
schweigen von Unterhaltungssendungen wie der „Wunschbox“ und
„Lustige Musikanten“. Es wäre fast zu einfach, sich über die
feisten Sechzigjährigen im Sonntagsstaat lustig zu machen, die
dort jeden Nachmittag auf der Bühne und im Publikum die gleichen
drögen Weisen schmettern. Die angemessene Begleitung dieser
„Schlager“ ist übrigens das rhythmische Mitklatschen.
Doch wenden wir
uns den Nachrichten zu. Genau wie in Frankreich findet die Messe um 20 Uhr
statt. Und wie bei uns in der guten alten Zeit erscheint im ersten
deutschen Fernsehen noch heute vor den Nachrichten eine schöne runde Uhr
auf dem Bildschirm, die die Sekunden anzeigt, bis ein Gong ertönt und eine
kriegerische Männerstimme mit tiefem Ernst den Beginn der Tagesschau
verkündet: „Gonnng. Zwanzig Uhr. Die Nachrichten“. Und es wird tatsächlich
ernst, doch im positiven Sinne des Wortes. Über das nüchterne
Erscheinungsbild, das ein wenig an das Sowjetfernsehen zu Beginn der
80er-Jahre erinnert, mag man lächeln, nicht jedoch über die Qualität der
Nachrichten. Idyllische Reportagen über den letzten Holzschuhmacher in
Hintertupfingen gibt es hier nicht, das Vorbild scheint eher die BBC zu
sein. Auch Auslandsnachrichten sind gang und gäbe. Strass und Pailletten
haben in der Tagesschau keinen Platz.
Ein leichter
Druck auf die Fernbedienung, und schon sind wir bei Sat.1. Der Sender ist
nicht der einzige und auch nicht der schlechteste kommerzielle Kanal, und
er ist mein liebster. Sat.1 ist fast wie ein Clip aufgebaut: Alles hat den
gleichen Rhythmus, einschließlich der Werbung. Als frisch aus meinem
gallischen Dorf Zugereister brauchte ich einige Zeit, bis ich begriffen
hatte, wie ich es schaffte, ganze Abende vor einer Aufeinanderfolge
idiotischer Serien und lächerlicher Shows zuzubringen. Doch letztlich
glaube ich den Grund zu kennen: Es liegt daran, dass zwischen den Sendungen
keine Werbung gezeigt wird. Dadurch fehlen dem ungeschulten Zuschauer die
paar Sekunden, in denen er sich sagen kann: Okay, es reicht, ich geh' ins
Bett. Die Werbespots werden mitten in den Sendungen gezeigt und zwar immer
dann, wenn man sich gerade fragt, ob X denn nun mit Y schlafen wird oder
umgekehrt. Außerdem wird immer eine Zusammenfassung der besten Szenen der
nachfolgenden Sendung gezeigt.
Reality-Soaps im
Stil von „Big Brother“ gibt es in Deutschland zuhauf. Beispielsweise „House
of Love“ auf RTL, wo fünf Mädchen und ein Junge auf engstem Raum zusammen
leben. In einer anderen Sendung müssen eine Hand voll Jugendliche, in einer
mir entfallenen Anzahl von Wochen einen funktionierenden Nachtclub
aufbauen, weiß der Kuckuck was zu gewinnen. Und es gibt natürlich
„Girlscamp“, das Wichtigste auf Sat.1: Zehn junge Frauen, die sorgfältig
nach ihren Maßen ausgesucht wurden, leben unter kanarischer Sonne in einem
Traumhaus eingesperrt. Diesen zehn mehr oder weniger hübschen, mehr oder
weniger cleveren „Girls“ wird einmal pro Woche der „Boy of the week“
geliefert. Die Produzenten der Sendung dachten wahrscheinlich, mit einem
derartigen Konzept könne nichts schief gehen. Fehlanzeige: Die
Einschaltquoten sind katastrophal, die Unterhaltungen der Mädchen
ausgesprochen dürftig, und von Spannung kann keine Rede sein. Also wurde
ein Transvestit eingeschleust, der dem Ganzen etwas mehr Biss geben soll.
Es gäbe noch
viel zu sagen über das deutsche Fernsehen. Eher Positives, wie
beispielsweise über „Tatort“, eine „dezentralisierte“ Krimiproduktion. Als
würde unsere Krimiserie „Navarro“ von verschiedenen französischen
Regionalsendern produziert. Wie amüsant für Franzosen, sich den Darsteller
des Fernsehkommissars Roger Hanin plötzlich mit südfranzösischem Akzent
vorzustellen. Zum eher Negativen zählt „TV Total“, eine Talk Show, deren
Ziel es ist, ihre Gäste so lächerlich wie möglich zu machen.
Meine Lieblingssendung
läuft natürlich auf Sat.1 und wird von Kaya Yanar moderiert.
Der spritzige junge Mann bedient sich seiner türkischen Herkunft,
um sich über Deutsche, aber auch über Türken, Engländer, Ägypter
und Franzosen lustig zu machen, ohne dabei jemals gehässig zu
werden. Nicht immer sind seine Sketche geistige Höhenflüge,
aber wenn er all die exotischen Akzente imitiert, habe ich den
Eindruck, dass auch ich ein wenig gemeint bin. Die Sendung heißt
„Was guckst du?!“. Gute Frage.
Nach oben
|